Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 14,12-16.22-26)

12Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm zu schlachten pflegte, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?

13Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mensch begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm,

14bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann?

15Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!

16Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.

22Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.

23Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.

24Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

25Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes.

26Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.

Überblick

Mit dem Blick in die Zukunft Erinnerung gestalten

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus, der als erster ein Evangelium, also eine frohe Botschaft über Jesus von Nazareth, den Christus, schreibt, fand bei der Abfassung seines Evangeliums bereits eine „Passionserzählung“ vor. Diese bestand im Kern aus der Kreuzigungsszene und vermutlich der Grablegung durch Josef von Arimathäa, dem Verhör vor Pilatus, der Geißelung und Verspottung und der Kreuzesinschrift. Darüber hinaus gab es weitere Erzähltraditionen, wie z.B. den Bericht vom letzten Abendmahl oder der Salbung in Betanien. Sie wurden Stück für Stück zur Kernerzählung zur hinzugefügt worden waren. Der Evangelist Markus greift auf diese verschiedenen Überlieferungen zurück und nimmt sie in seine Jesuserzählung auf, um den gewaltsamen Tod Jesu von Nazareth theologisch zu deuten und mit der Erfahrung der Auferstehung zu verbinden.

Der Abschnitt aus dem Evangelium stammt aus dem Beginn der „unmittelbaren“ Passionsereignisse. Mit dem 14. Kapitel des Markusevangeliums (Mk) und dem Todesbeschluss der jüdischen Autoritäten spitzt sich die Situation so zu, dass alles gradlinig auf das Kreuz und den Tod Jesu zuläuft. Das Mahl Jesu mit seinen Jüngern ist der letzte Moment der Gemeinschaft, bevor diese über den Ereignissen zerbricht und die Ankündigungen Jesu von Verrat und Verleugnung wahr werden.

 

2. Aufbau
Der Evangeliumstext besteht aus zwei eigenständigen Erzählungen. In den Versen 12-16 wird die Feier des Paschamahls, das zum „letzten Abendmahl“ wird, vorbereitet. Der Fokus liegt hier auf dem Wissen Jesu über das, was den Jüngern bei der Vorbereitung wiederfährt. Die Verse 22-26 zielen auf die Zeichenhandlungen Jesu während des Mahl und die damit verbundene Lebenshingabe.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 12-16: Der Evangelist Markus schildert die notwendigen Schritte zur Vorbereitung des gemeinsamen Mahles parallel zu den Vorbereitungen des Einzugs in Jerusalem (Mk 11,1-6). Dort wie hier steht im Zentrum das hoheitliche Vorauswissen Jesu, um das, was sich ereignet. Es ist Zeichen seiner besonderen Vollmacht, von der seit Mk 1,22 die Rede ist, dass er aus der Perspektive Gottes auf die anstehenden Ereignisse schaut. Die Szene möchte nicht die „hellseherischen“ Fähigkeiten Jesu betonen. Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass mit dem Folgenden (Leiden und Auferstehung) nichts geschieht, ohne dass es mit dem Heilsplan Gottes verbunden ist. Ähnlich wie in der Szene der Ankündigung des Einzugs in Jerusalem sind nicht die einzelnen Schritte des Vorauswissens wichtig und historisch. In beiden anbahnenden Erzählungen (Einzug in Jerusalem und Paschamahl) werden aus der nachösterlichen Perspektive Begebenheiten aus den letzten Tagen Jesu eingeordnet. Durch das Osterereignis verstehen die Jünger Jesu, dass die Abfolge von jubelumfluteten Einzug, Verleugnung und Tod zusammengehören mit der Auferstehung und der Ermöglichung neuen Lebens, die damit verbunden ist. Das letzte gemeinsame Mahl ist ein wichtiger Bestandteil dieser Gesamterzählung von Tod und Leben. Entsprechend schildern sie dessen Entstehung als Ereignisse, die durch die Vollmacht und das Vorauswissen Jesu entstanden und Teil der umfassenden Lebenshingabe Jesu sind.
Interessant ist hierbei, dass die Handlungsinitiative von den Jüngern selbst ausgeht. Sie gehen auf Jesus zu und fragen, wo sie das Mahl bereiten sollen. In der Regel ist Jesus derjenige, von dem wesentliche Ereignisse ausgehen oder durch den ein Geschehen angebahnt wird. Einzig bei der Speisung der 5000 gibt es ein ähnliches Aktivwerden der Jünger (Mk 6,35-37), allerding besteht die Initiative der Jünger dort in der Aufforderung an Jesus, er möge die Hungrigen wegschicken.

 

Verse 22-25: Die eigentliche Mahlszene beginnt bereits in Vers 17. In den ausgelassenen Versen 17-21 wird das Zusammenkommen zu Tisch und die Ankündigung des Verrats durch Judas erzählt. Innerhalb des Mahl verbindet Jesus seinen bevorstehenden Tod mit zwei Zeichenhandlungen. Brot und Wein, weisen über sich hinaus, sie sind als Leib und Blut Zeichen seiner Lebenshingabe. Indem er die Jünger auffordert, diese „zu nehmen“ und sie dieser Aufforderung nachkommen, stimmen sie dieser Hingabe seines Lebens zu. Die Rede vom „Blut des Bundes“ erinnert an Exodus 24,8 und die feierliche Besiegelung des Sinai-Bundes. Jesus als Gottessohn schließt hier einen neuen, universalen Bund. Die Formulierung „für die Vielen“ nimmt das Bild des Gottesknechts aus dem Buch Jesaja auf, der sein Leben hingab, sich unter die Abtrünnigen rechnen ließ und die Sünden „der Vielen“ aufhob (Jesaja 53,12). Der eschatologische Ausblick zum Abschluss der Mahlszene ist einer Ermutigung und Bestätigung, dass sich trotz der kommenden Ereignisse das Reich Gottes Bahn brechen wird.

 

Vers 26: Der Vers schafft eine Überleitung zwischen der Mahlszene und den Ereignissen im Garten Getsemani bzw. am Ölberg. Auf dem Weg vom einen zum anderen (Verse 27-31) wird Jesus den Jüngern ihre Zerstreuung ankündigen und darauf verweisen, dass die, die eben noch mit ihm Mahl hielten, bald an ihm Anstoß nehmen werden. Durch den „Lobgesang“ (als Abschluss der Paschafeier) ist die Szene mit dem Mahl verknüpft.

Auslegung

Die Kombination der beiden Ausschnitte zu einem Evangeliumstext für das Fronleichnamsfest lässt das Geschilderte in einem besonderen Licht erscheinen. Hinzu kommt, dass sich gerade in der Schilderung der Mahlvorbereitungen die nachösterliche Perspektive des Evangeliums aufzeigen lässt. Die Tatsache, dass dieses Mahl das letzte von sicherlich vielen gemeinsamen Mahlfeiern war, und die Erinnerung, dass Jesus darin den Jüngern Worte mitgab, die in der Situation womöglich noch unverständlich waren, macht dieses Mahl so besonders. So besonders, dass auch die Vorbereitung mit „ungewöhnlichen“ Elementen verbunden wurde. Durch Ostern haben die Jünger die wirkliche Bedeutung des letzten Zusammenseins Jesu mit ihnen verstanden und seine Worte einordnen gelernt. Sie begreifen seine Deutung dieser Mahlfeier und die darin ausgedrückte Verknüpfung zu den kommenden Ereignissen. Die Worte „nehmt“ und „trinkt“ und „mein Blut des Bundes“ bekommen ihren Sinn aus der Erfahrung, dass es „letzte“ Anweisungen an die Jünger waren. Denn die Worte, die Jesus im Abendmahlssaal zu den Seinen spricht, sind mit den Worten im Garten Getsemani die letzten Worte, die Jesus vor Tod und Auferstehung an die Jünger richtet. Sie sind das, was in Erinnerung bleiben und geblieben sind. 
Der Evangelist Markus, der als erster aus den verschiedenen mündlichen und schriftlichen Traditionen eine zusammenhängende Jesuserzählung schreibt, lebt aus der Erfahrung, dass dieses letzte Zusammensein mit den Jüngern den Charakter eines Vermächtnisses hat. Denn die gemeinsame Mahlfeier in Erinnerung an das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern ist in den christlichen Gemeinden von Anfang an Teil der eigenen Identität gewesen. Die jungen Gemeinden, die weiterhin Nähe zur Synagogengemeinschaft suchten und dort am Gebet teilnahmen, hatten als wesentlichen eigenständigen Punkt die Versammlung zum Mahl. Sie ordneten es ein als Teil der Gesamterzählung von Tod und Leben, die für sie zum Anfangspunkt einer eigenen Geschichte wurde. Die Erinnerung an das Mahl ist Erinnerung an die Zukunft, die daraus erwachsen ist. Und damit wird das letzte Abendmahl Jesu zu einem identitätsstiftenden Teil der Gemeinschaft derer, die an Jesus als den Gottessohn, den gesandten Christus glauben.

Kunst etc.

Diese Stickereiarbeit (19. Jahrhundert) versetzt durch den Blick durchs Fenster des Abendmahlsaals das Geschehen in die Lebenswelt des Betrachters hinein.