Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 5,21-43)

21Jesus fuhr wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,

22kam einer der Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen

23und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt!

24Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.

25Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt.

26Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.

27Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand.

28Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.

29Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.

30Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?

31Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?

32Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.

33Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

34Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.

35Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?

36Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur!

37Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.

38Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten,

39trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.

40Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag.

41Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!

42Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen.

43Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Überblick

Lebenskraft. Zwei Wundererzählungen zeigen wie Jesu Gegenwart von der Lebensfülle Gottes kündet.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Nachdem Jesus in Kapitel 4 des Markusevangeliums ausschließlich in Gleichnissen gesprochen hatte und so der Menge versuchte das Geheimnis des Reich Gottes näher zu bringen, stehen in Kapitel 5 Wundererzählungen im Fokus. Sie bilden in gewisser Weise die andere Erfahrungsmöglichkeit des Gottesreiches ab. Laden die Gleichnisse ein, sich der Wirklichkeit Gottes über Bilder und das Verstehen zu nähern, machen die Wundererzählungen diese sichtbar und existentiell erfahrbar.

 

2. Aufbau
Vers 21 leitet in den neuen Erzählabschnitt ein, der über den Hinweis der erneuten Fahr über den See von Genesaret mit den vorherigen verbunden ist. Im Folgenden verbindet der Evangelist Markus zwei eigenständige Wundererzählungen, die er miteinander verschachtelt. In den Versen 22-24 geht es um die Bitte des Synagogenvorstehers Jaïrus, Jesus möge seine kranke Tochter heilen. Auf dem Weg zum Haus des Synagogenvorstehers ereignet sich im Gedränge eine zweite Heilungsbegegnung (Verse 25-34) – wenn auch nicht ganz so im Verborgenen wie erhofft. Die abschließenden Verse des Abschnitts sind wieder dem Geschehen rund um die Tochter des Synagogenvorstehers gewidmet (Verse 35-43). Hier ist Jesu lebensspendendes Handeln in seiner existentiellsten Form gefordert.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 21: Bereits der einführende Vers bereitet die Leser auf die Dynamik der kommenden Erzählung vor. Nicht nur Jesus bewegt sich erneut („ans andere Ufer hinüber“), sondern i n der Folge muss sich auch die Menge bewegen, um sich erneut um ihn zu versammeln. In der Folge gewinnt die Szene nicht nur an Dynamik, sondern auch an Dramaturgie.

 

Verse 22-24: Direkt nach seiner Ankunft, Jesus hat das Ufer des Sees noch nicht verlassen, tritt Jaïrus auf ihn zu. Er gehört eigentlich zu der Gruppe derer, die sich von Anfang an als Gegner Jesu entpuppen. Der Synagogenvorsteher gehört in die Gruppe der jüdischen Autoritäten, die bereits in Mk 2,6 die Autorität Jesu hinterfragen und in Mk 3,6 den Beschluss fassen, Jesus zu töten. Der Evangelist legt Wert darauf, dass auch die „anderen“ die Diskrepanz zwischen dem Auftreten der Schriftgelehrten und dem Handeln Jesu von Beginn an bemerken (Mk 1,22). Umso erstaunlicher ist die Geste und die Haltung mit der Jesus gegenübertritt. Er fällt vor Jesus auf die Knie und bringt so seine Ehrerbietung zum Ausdruck. Seine Worte entsprechen seinen Gesten, eindringlich bittet er Jesus, seiner sterbenden Tochter zu helfen. In der Bitte bringt er zum Ausdruck, welche Macht er Jesus nicht nur zutraut, sondern sich auch von ihm erhofft: Jesus ist der, der Leben retten und Leben schenken kann. Erstaunlicherweise reagiert Jesus nicht mit Worten auf dieses Bekenntnis, vielmehr antwortet er mit einer Geste. Er geht mit, er zeigt mit seinem Aufbruch in das Haus des Jaïrus, dass er der ist, zu dem sich der Synagogenvorsteher bekannte: Der lebensspendende Gott.
Der Aufbruch Jesu bringt auch die Masse in Bewegung, sie folgen ihm in Erwartung eines Wunders. Die begleitende Volksmenge bringt aber nicht nur die Neugier der Menschen zum Ausdruck, sondern bereitet zugleich der folgenden Szene den Boden.

 

Verse 25-28: Nun betritt die zweite Hilfesuchende die Erzählung. Mitten in der Menge ist eine Frau, deren Not Markus ausführlich schildert. Ihr Leiden ist nicht nur unangenehm und körperlich zehrend, vielmehr bringt es auch absolute Isolation mit sich. Als „Unreine“ nach den Gesetzen des Buches Levitikus (Levitikus 15,25) ist alles was mit ihr in Berührung kommt ebenfalls unrein. Partnerschaft, Freundschaften und auch die Beziehung zu Gott sind davon betroffen. Die Dauer der Erkrankung und ihre Suche nach Heilung bei Ärzten potenziert die Not, mit der sie Jesus gegenübertritt. So wie der Synagogenvorsteher hofft sie, glaubt sie auf Jesu heilende Macht, von der sie gehört hat. Wie groß ihr Vertrauen ist bzw. welch große Vollmacht sie in Jesus sieht, zeigt sich daran, dass sie glaubt, eine einzige Berührung würde ausreichen. Diese Geste erinnert an den römischen Hauptmann, der im Matthäusevangelium auch auf ein einzelnes heilendes Wort Jesu vertraut (Matthäusevangelium 8,8).

 

Verse 29-32: Die Hoffnung der Frau erweist sich als begründet. Die doppelte Schilderung („versiegte die Quelle des Blutes“ und „spürte, dass sie von ihrem Leide geheilt war“), die ihr großes Leid noch einmal in Erinnerung ruft, zeigt zugleich die Erlösung, die sie mit ihrer Heilung erlebt. Nicht nur die Frau spürt, was geschieht, sondern auch Jesus selbst bemerkt, dass etwas vor sich geht. Die Frau hat er noch nicht bemerkt, wie seine Frage zeigt, wohl aber die Vollmacht, die vollkommen unbewusst von ihm ausgegangen ist. Hier zeigt sich bereits, was er in Vers 34 der Frau zuspricht: Ihr Glaube hat sie gerettet! Die Glaubenskraft der Frau trifft auf die lebensspendende Macht Jesu – die Suche der Frau findet ihr Ziel und damit auch auf direktem Wege Heilung. Weil Jesus die von ihm ausgehende Kraft bemerkt, läuft die Idee der Frau, sich unbemerkt Jesus zu nähern und Linderung zu erfahren, ins Leere.

 

Verse 33-34: Mit „Zittern und Furcht“ – auch hier verwendet der Evangelist Markus eine Doppelung zur Betonung der Erregung – fällt die Frau vor Jesus nieder. Die beiden körperlichen Regungen sind nicht Zeichen der Angst, sondern typische Reaktionen auf die Begegnung mit Gott. Dieses in sich stumme Zeichen und die Formulierung „sie sagte ihm die ganze Wahrheit“ – ohne dass der Leser erfährt, was es ist – lässt diese Szene zu einer großen Bekenntnisszene werden. Die Frau vertraut Jesus vor der ganzen Menge an, was sie Jahre lang gequält hat und welche Erlösung sie durch die Heilung gerade erfährt. Über das, was zwischen ihnen vorgegangen ist, die Gabe von Lebenskraft und Heilung verliert Jesus kein Wort. Er bestätigt die Heilung mit den Worten „dein Glaube hat dich gerettet“ und entlässt sie in ein neues, freies Leben.

 

Verse 35-36: Die Unterbrechung des Weges durch die Heilung der Frau unterwegs und das sich anschließende Gespräch hat die Lage im Haus des Jaïrus verändert. Jesus, Jaïrus und der Menge kommt eine Gesandtschaft aus dem Haus entgegen und berichtet von der Zuspitzung der Ereignisse. Ihre Reaktion, Jaïrus möge Jesus nicht länger bemühen, ist ein typisches Motiv von Wundererzählungen: Es gibt Hindernisse auf dem Weg zur Heilung – hier in Form der Gesandten, die ein Eingreifen Jesu nicht mehr für nötig halten. Jesus geht auf diesen Einwand nicht direkt ein, er ermutigt stattdessen den Synagogenvorsteher, in seinem Glauben (vgl. Verse 22-23) stark zu bleiben. Die Hindernisse und der Kleinglaube der anderen sollen ihn nicht betreffen.

 

Verse 37-43: Die Schilderung der Ereignisse in den Versen 37 und 38 scheint in umgekehrter Reihenfolge dargestellt zu sein. Vor und vermutlich auch im Haus des Jaïrus hat bereits die Totenklage und das gemeinsame Trauern begonnen – das Mädchen ist also wirklich gestorben. Die Worte Jesu („das Mädchen schläft nur“) stehen in krassem Widerspruch zu dem Erlebten der Menschen vor Ort. Dem Tumult der Menge setzt Jesus eine intime Szene entgegen, wenn er nur drei Jünger mit in das folgende Geschehen einbezieht. Petrus, Jakobus und Johannes, die auch bei der Verklärung und im Garten Getsemani als Gruppe besonders herausgehoben werden, werden hier zu Zeugen eines Offenbarungsmoments. Denn nur Gott selbst ist Herr über das Leben, er kann den Tod in Leben wandeln und Leben schenken. Diese lebensspendende Kraft des Gottessohnes erleben die drei Jünger nun hautnah. Wichtig ist, dass auch die Intimität der Familie gewahrt bleibe, wenn die Eltern des Kindes ebenfalls zugegen sind.
Anders als bei der Frau, die am Wegesrand durch ihre eigene Aktion Heilung erfährt, wird das Wunder hier in Wort und Tat geschildert. Jesus fasst das Mädchen bei der Hand, so dass es selbst (!) aufstehen kann und spricht ihr dieses Handeln zu („steh auf“). Durch die hinzugefügte formelhafte Einleitung „ich sage dir“ bekommt das Wort offenbarenden Charakter. 
So wie die Umstehenden in Vers 40 Jesus verlachten und damit ihren Unglauben zum Ausdruck brachten, so sind sie in Vers 42 „fassungslos vor Entsetzen“, was wiederum eine Reaktion auf eine Gottesbegegnung ist. Das Schweigegebot Jesu bestätigt dies: Die Menge soll nicht einfach (und womöglich unreflektiert) von seiner Wundermacht berichten.

Auslegung

Zwei Frauen in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten stehen im Zentrum der Erzählung. Ihr Schicksal, ihr Leben soll sich durch die Begegnung mit Jesus verändern. Der Frau, die seit 12 Jahren unter Blutfluss leidet, fehlt seit einer langen Zeit jegliche Möglichkeit für ein normales soziales und privates Leben. Das Mädchen, noch jung an Jahren, stirbt, bevor es die Chance hat überhaupt ein normales und selbstbestimmtes Leben zu führen. Die nachgeschobene Altersangabe soll die „Unmündigkeit“ des Mädchens hervorheben (ab 12,5 Jahren ist ein Mädchen in heiratsfähigem Alter) und steht parallel zu dem 12 Jahre andauernden Leiden der Frau.
Beide Frauen sind auf der Suche nach einer Lebensperspektive – die Frau sucht selbst, wenn auch im Verborgenen, das Mädchen braucht seinen Vater, um neues Leben eröffnet zu bekommen. Die selbstständige Aktivität der einen und das fürbittende Eintreten für die andere zeigen dabei zwei Wege auf, um Gottes Zuwendung zu erfahren. Beide sind wichtig und ergänzen einander, indem sie Formen aufzeigen, sich Gott zu nähern. Wo die eigenen Kräfte nicht da sind, braucht es Fürsprecher, Menschen, die helfen, Gottes Gegenwart zu erfahren. Wer sich selbst auf die Suche nach ihr macht, wird feststellen, dass diese nicht vergebens ist.

Kunst etc.

Das Gemälde von Ilya Repin zeigt die „Auferweckung der Tochter des Jaïrus“ (1871) und dabei die ganze Tragödie der Situation. Die junge Tochter liegt schon wie aufgebahrt mit Blumen über dem Kopf in ihrem Bett. Nur dumpfes Kerzenlicht taucht den Raum in ein diffuses Licht. Der trauernde Vater steht im Halbdunkel am Eingang in das Zimmer. Die begleitenden Jünger sind nur noch ganz zart im Hintergrund erkennbar. Eine intime Szene zwischen Trauer und Hoffnung.