Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 14,1 - 15,47)

Der Todesbeschluss der Hohepriester und Schriftgelehrten: 14,1f.

141Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohepriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen, um ihn zu töten.

2Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt!

Die Salbung Jesu im Haus Simons des Aussätzigen: 14,3–9

3Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haupt.

4Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung?

5Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie fuhren die Frau heftig an.

6Jesus aber sagte: Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7Denn die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer.

8Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im Voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.

9Amen, ich sage euch: Auf der ganzen Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis.

Einer der Zwölf als Überläufer: 14,10–11

10Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern. Er wollte Jesus an sie ausliefern.

11Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern.

Die Vorbereitung des Paschamahls: 14,12–16

12Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm zu schlachten pflegte, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?

13Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mensch begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm,

14bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann?

15Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!

16Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.

Das Mahl: 14,17–25

17Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf.

18Während sie nun zu Tisch waren und aßen, sagte Jesus: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst.

19Da wurden sie traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich?

20Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir in dieselbe Schüssel eintunkt.

21Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.

22Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.

23Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.

24Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

25Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von Neuem davon trinke im Reich Gottes.

Die Ankündigung der Verleugnung: 14,26–31

26Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.

27Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle Anstoß nehmen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen.

28Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.

29Da sagte Petrus zu ihm: Auch wenn alle Anstoß nehmen - ich nicht!

30Jesus sagte ihm: Amen, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

31Petrus aber beteuerte: Und wenn ich mit dir sterben müsste - ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen.

Das Gebet in Getsemani: 14,32–42

32Sie kamen zu einem Grundstück, das Getsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch hier, während ich bete!

33Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst

34und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!

35Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe.

36Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.

37Und er ging zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Simon, du schläfst? Konntest du nicht einmal eine Stunde wach bleiben?

38Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

39Und er ging wieder weg und betete mit den gleichen Worten.

40Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen; und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.

41Und er kam zum dritten Mal und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Es ist genug. Die Stunde ist gekommen; siehe, jetzt wird der Menschensohn in die Hände der Sünder ausgeliefert.

42Steht auf, wir wollen gehen! Siehe, der mich ausliefert, ist da.

Die Gefangennahme: 14,43–52

43Noch während er redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohepriestern, den Schriftgelehrten und den Ältesten geschickt worden.

44Der ihn auslieferte, hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es. Nehmt ihn fest, führt ihn sicher ab!

45Und als er kam, ging er sogleich auf Jesus zu und sagte: Rabbi! Und er küsste ihn.

46Da legten sie Hand an ihn und nahmen ihn fest.

47Einer von denen, die dabeistanden, zog das Schwert, schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm das Ohr ab.

48Da sagte Jesus zu ihnen: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen.

49Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet; aber so mussten die Schriften erfüllt werden.

50Da verließen ihn alle und flohen.

51Ein junger Mann aber, der nur mit einem leinenen Tuch bekleidet war, wollte ihm nachfolgen. Da packten sie ihn;

52er aber ließ das Tuch fallen und lief nackt davon.

Das Bekenntnis Jesu und die Verleugnung des Petrus: 14,53–72

53Darauf führten sie Jesus zum Hohepriester und es versammelten sich alle Hohepriester und Ältesten und Schriftgelehrten.

54Petrus aber war Jesus von Weitem bis in den Hof des Hohepriesters gefolgt; nun saß er dort bei den Dienern und wärmte sich am Feuer.

55Die Hohepriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts.

56Viele machten zwar falsche Aussagen gegen ihn, aber die Aussagen stimmten nicht überein.

57Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten:

58Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschenhand gemachten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen aufbauen, der nicht von Menschenhand gemacht ist.

59Aber auch in diesem Fall stimmten die Aussagen nicht überein.

60Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Willst du denn nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?

61Er aber schwieg und gab keine Antwort. Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?

62Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.

63Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen?

64Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist des Todes schuldig.

65Und einige spuckten ihn an, verhüllten sein Gesicht, schlugen ihn und riefen: Zeig, dass du ein Prophet bist! Auch die Diener schlugen ihn ins Gesicht.

66Als Petrus unten im Hof war, kam eine von den Mägden des Hohepriesters.

67Sie sah, wie Petrus sich wärmte, blickte ihn an und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Nazaret zusammen.

68Doch er leugnete und sagte: Ich weiß nicht und verstehe nicht, wovon du redest. Dann ging er in den Vorhof hinaus.

69Als die Magd ihn dort bemerkte, sagte sie zu denen, die dabeistanden, noch einmal: Der gehört zu ihnen.

70Er aber leugnete wieder. Wenig später sagten die Leute, die dort standen, von Neuem zu Petrus: Du gehörst wirklich zu ihnen; du bist doch auch ein Galiläer.

71Da fing er an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet.

72Gleich darauf krähte der Hahn zum zweiten Mal und Petrus erinnerte sich an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen.

Das Verhör vor Pilatus: 15,1–15

151Gleich in der Frühe fassten die Hohepriester, die Ältesten und die Schriftgelehrten, also der ganze Hohe Rat, über Jesus einen Beschluss. Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn Pilatus aus.

2Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es.

3Die Hohepriester brachten viele Anklagen gegen ihn vor.

4Da wandte sich Pilatus wieder an ihn und fragte: Willst du denn nichts dazu sagen? Sieh doch, wie viele Anklagen sie gegen dich vorbringen.

5Jesus aber gab keine Antwort mehr, sodass Pilatus sich wunderte.

6Jeweils zum Fest ließ Pilatus einen Gefangenen frei, den sie sich ausbitten durften.

7Damals saß gerade ein Mann namens Barabbas im Gefängnis, zusammen mit anderen Aufrührern, die bei einem Aufstand einen Mord begangen hatten.

8Die Volksmenge zog zu Pilatus hinauf und verlangte, ihnen die gleiche Gunst zu gewähren wie sonst.

9Pilatus fragte sie: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse?

10Er merkte nämlich, dass die Hohepriester Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatten.

11Die Hohepriester aber wiegelten die Menge auf, lieber die Freilassung des Barabbas zu fordern.

12Pilatus wandte sich von Neuem an sie und fragte: Was soll ich dann mit dem tun, den ihr den König der Juden nennt?

13Da schrien sie: Kreuzige ihn!

14Pilatus entgegnete: Was hat er denn für ein Verbrechen begangen? Sie aber schrien noch lauter: Kreuzige ihn!

15Darauf ließ Pilatus, um die Menge zufriedenzustellen, Barabbas frei. Jesus lieferte er, nachdem er ihn hatte geißeln lassen, zur Kreuzigung aus.

Die Verspottung durch die römischen Soldaten: 15,16–20a

16Die Soldaten führten ihn ab, in den Hof hinein, der Prätorium heißt, und riefen die ganze Kohorte zusammen.

17Dann legten sie ihm einen Purpurmantel um und flochten einen Dornenkranz; den setzten sie ihm auf

18und grüßten ihn: Sei gegrüßt, König der Juden!

19Sie schlugen ihm mit einem Stock auf den Kopf und spuckten ihn an, beugten die Knie und huldigten ihm.

20Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.

Kreuzweg und Kreuzigung: 15,20b–27

Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

21Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Kyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.

22Und sie brachten Jesus an einen Ort namens Golgota, das heißt übersetzt: Schädelhöhe.

23Dort reichten sie ihm Wein, der mit Myrrhe gewürzt war; er aber nahm ihn nicht.

24Dann kreuzigten sie ihn. Sie verteilten seine Kleider, indem sie das Los über sie warfen, wer was bekommen sollte.

25Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26Und eine Aufschrift gab seine Schuld an: Der König der Juden.

27Zusammen mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, den einen rechts von ihm, den andern links.

28[Spätere Textzeugen fügen hier ein: So erfüllte sich das Schriftwort: Er wurde zu den Verbrechern gerechnet. Vgl. Lk 22,37.]

Die Verspottung Jesu durch die Schaulustigen: 15,29–32

29Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Ach, du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen?

30Rette dich selbst und steig herab vom Kreuz!

31Ebenso verhöhnten ihn auch die Hohepriester und die Schriftgelehrten und sagten untereinander: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten.

32Der Christus, der König von Israel! Er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben. Auch die beiden Männer, die mit ihm zusammen gekreuzigt wurden, beschimpften ihn.

Der Tod Jesu: 15,33–41

33Als die sechste Stunde kam, brach eine Finsternis über das ganze Land herein - bis zur neunten Stunde.

34Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

35Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija!

36Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.

37Jesus aber schrie mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus.

38Da riss der Vorhang im Tempel in zwei Teile von oben bis unten.

39Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.

40Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome;

41sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.

Das Begräbnis Jesu: 15,42–47

42Da es Rüsttag war, der Tag vor dem Sabbat, und es schon Abend wurde,

43ging Josef von Arimathäa, ein vornehmes Mitglied des Hohen Rats, der auch auf das Reich Gottes wartete, zu Pilatus und wagte es, um den Leichnam Jesu zu bitten.

44Pilatus war überrascht, als er hörte, dass Jesus schon tot sei. Er ließ den Hauptmann kommen und fragte ihn, ob Jesus bereits gestorben sei.

45Als er es vom Hauptmann erfahren hatte, überließ er Josef den Leichnam.

46Josef kaufte ein Leinentuch, nahm Jesus vom Kreuz, wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes.

47Maria aus Magdala aber und Maria, die Mutter des Joses, beobachteten, wohin er gelegt wurde.

Überblick

Verraten, verlassen, verleugnet, in den schwersten Stunden alleine gelassen. Die Einsamkeit des Gottessohnes

1. Aufbau

Die Erzählungen von Leiden und Sterben Jesu in den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) weisen übereinstimmend folgende Abschnitte auf:

- Todesbeschluss, Salbung Jesu, Judas bei den jüdischen Autoritäten

- Vorbereitung zum Abendmahl, Abendmahl

- Gang zum Ölberg, Gebet in Getsemani, Verhaftung Jesu

- Verhör Jesu durch die jüdischen Autoritäten

- Verleugnung des Petrus und Überstellung Jesu an Pilatus

- Verhör durch Pilatus

- Kreuzigung Jesu

- Tod Jesu

- Grablegung Jesu

 

Darüber hinaus ist auch die Passionserzählung des Evangelisten Johannes weitestgehend in Abfolge und oft sogar bis in den Wortlaut parallel lesbar.

 

Der Evangelist Markus, der als erster ein Evangelium, also eine frohe Botschaft über Jesus von Nazareth, den Christus, schreibt, fand bei der Abfassung seines Evangeliums bereits eine „Passionserzählung“ vor. Diese bestand im Kern aus der Kreuzigungsszene und vermutlich der Grablegung durch Josef von Arimathäa, dem Verhör vor Pilatus, der Geißelung und Verspottung und der Kreuzesinschrift. Darüber hinaus gab es weitere Erzähltraditionen, wie z.B. den Bericht vom letzten Abendmahl oder der Salbung in Betanien. Sie wurden Stück für Stück zur Kernerzählung zur hinzugefügt worden waren. Der Evangelist Markus greift auf diese verschiedenen Überlieferungen zurück und nimmt sie in seine Jesuserzählung auf, um den gewaltsamen Tod Jesu von Nazareth theologisch zu deuten und mit der Erfahrung der Auferstehung zu verbinden. Die Evangelisten Matthäus und Lukas orientieren sich am Markusevangelium, bringen aber weitere Erzähltraditionen und eigene Akzente hinein. Auch die Darstellung von Leiden und Tod Jesu im Johannesevangelium

Im Folgenden werden wegen des Textumfangs die einzelnen Szenen nur kurz in den Blick genommen. Es geht dabei vor allem Erzählbogen der Erzählung von Leiden und Sterben Jesu. Die ausführlicher kommentierten Szenen stehen in Zusammenhang mit der Auslegung.

 

 

2. Übersicht über die Einzelszenen

 

Mk 14,1-2 – der Todesbeschluss der Hohepriester und Schriftgelehrten: Die Leidensgeschichte beginnt nach Markus „zwei Tage vor dem Fest der Ungesäuerten Brote“ mit der nochmaligen Betonung, dass die jüdischen Autoritäten den Tod Jesu wollen. Insgesamt fällt auf, dass die Passion durch zahlreiche zeitliche Markierungen gegliedert ist.
Die Leser hatten bereits mehrfach im Evangelium mitbekommen, wie sich der inhaltliche Konflikt zwischen Jesus und führenden religiösen Gruppen immer mehr zuspitzt. Der „formale“ Beschluss, Jesus zu töten ist der letzte Schritt (Mk 3,6; Mk 11,18; Mk 12,12). Allerdings betont der Evangelist hier, wie an anderen Stellen, die „Furcht“ der Autoritäten vor einem Eklat; sie zieht sich bis hin zu der nächtlichen Verhaftung durch Handlanger.
Durch die von Jesus selbst ausgesprochenen Ankündigungen seines Leidens (Mk 8,31; Mk 9,31; Mk 10,32-34) wissen die Leser, dass die folgenden Ereignisse unausweichlich sind.

 

Mk 14,3-9 – Die Salbung Jesu im Haus Simons des Aussätzigen: Ohne Übergang spielt die nächste Szene im Haus des Simon, der als „Aussätziger“ bezeichnet wird. Er ist womöglich ein von Jesus geheilter, der sich mit dem Gastmahl dankbar zeigt. Im Rahmen des Mahles salbt eine anonyme Frau Jesus die Haare. Ihre Ehrerbietung wird zum Ausgangspunkt für einen Streit, in dem Jesus Partei ergreift und das Geschehene deutet: Die Frau nimmt die Salbung zum Begräbnis vorweg.
Aufgrund der Dringlichkeit der Bestattung wird dies vor der Grablegung nicht mehr geschehen und das Vorhaben der Frauen am Ostermorgen, den bereits eingewickelten Leichnam zu salben, scheitert ebenfalls.

 

Mk 14,10-11 – Einer der Zwölf als Überläufer: Diese Szene schließt nahtlos an Mk 14,1-2 an. Die Ratlosigkeit der Hohepriester, wie und wann sie ihren Todesbeschluss umsetzen sollen, wird durch die Kontaktaufnahme des Judas beendet. Der Hinweis des Evangelisten, dass Judas zum engsten Bezugskreis Jesu, zu den Zwölf, gehört, betont dessen Verrat. Einer der Freunde Jesu wechselt die Seiten. Das Verb aperchomai (griechisch: ἀπέρχομαι), das Weggehen heißt, betont den endgültigen Bruch, den Judas vornimmt. Sein Weggehen zu den Feinden Jesu geschieht im festen Vorhaben, den Freund auszuliefern. Die Reaktion der Hohepriester beschreibt der Evangelist mit Freude und Dankbarkeit, die sich im Angebot einer Entlohnung widerspiegelt.

 

Mk 14,12-16 – Die Vorbereitung des Paschamahls: Der Evangelist Markus schildert die notwendigen Schritte zur Vorbereitung des gemeinsamen Mahles parallel zu den Vorbereitungen des Einzugs in Jerusalem (Mk 11,1-6). Im Zentrum steht das hoheitliche Vorauswissen Jesu, um das, was sich ereignet.

 

Mk 14,17-25 – Das Mahl: Jesus kommt mit den Zwölfen zum Mahl zusammen, von Mk 14,12 wissen wir, dass es sich um das Paschamahl handelt, auch wenn es in der Ausgestaltung der Mahlszene „nicht so deutlich zu Tage tritt. In doppelt dramatischer Weise kündigt Jesus den bevorstehenden Verrat an: Es wird einer von den Zwölfen sein, einer von denen, die er berufen hat, damit sie „mit ihm sind“ (Mk 3,14). Und es ist einer, der mit Jesus isst. Auch dies ist ein Zeichen, der besonderen Freundschaft (vgl. Psalm 41,10). Die Worte Jesu hinterlassen ihre Wirkung. Indem jeder einzelne fragt „Doch nicht etwa ich?“, zeigt sich das Potential aller zu einer innerlichen wie äußerlichen Abwendung von Jesus, wie sie sich im weiteren Verlauf der Leidensgeschichte zeigen wird.

Seinen bevorstehenden Tod verbindet Jesus mit zwei Zeichenhandlungen. Brot und Wein, weisen über sich hinaus, sie sind als Leib und Blut Zeichen seiner Lebenshingabe. Indem er die Jünger auffordert, diese „zu nehmen“ und sie dieser Aufforderung nachkommen, stimmen sie dieser Hingabe seines Lebens hin. Die Rede vom „Blut des Bundes“ erinnert an Exodus 24,8 und die feierliche Besiegelung des Sinai-Bundes. Jesus als Gottessohn schließt hier einen neuen, universalen Bund. Die Formulierung „für die Vielen“ nimmt das Bild des Gottesknechts aus dem Buch Jesaja auf, der sein Leben hingab, sich unter die Abtrünnigen rechnen ließ und die Sünden „der Vielen“ aufhob (Jesaja 53,12). Der eschatologische Ausblick zum Abschluss der Mahlszene ist einer Ermutigung und Bestätigung, dass sich trotz der kommenden Ereignisse das Reich Gottes Bahn brechen wird.

 

Mk 14,26-31 – Die Ankündigung der Verleugnung: Die Szene ist ein Gespräch unterwegs, auf dem Weg zum Ölberg. Durch den „Lobgesang“ ist sie mit der Mahlszene verknüpft, die folgenden Ankündigungen weisen voraus. Jesus sagt zwei Verhaltensweisen seiner Freunde angesichts der kommenden bedrohlichen Ereignisse voraus. Die erste Ankündigung betrifft alle Jünger: Sie werden Anstoß an ihm nehmen. Wie dies zu verstehen ist, erläutert Jesus mit Hilfe eines Zitats aus dem Buch Sacharja (Sacharja 13,7). Angesichts seines Leidens, werden die Jünger auseinandergerissen. Die Antwort auf die drohende Zerstreuung ist die Vorausschau auf ein Wiedersehen in Galiläa nach der Auferstehung (Mk 16,7), von dort wird die Geschichte einen zweiten Anfang nehmen. Nur Petrus reagiert auf diese Voraussage und will sich von den anderen Jüngern mit einem emotionalen Bekenntnis absetzen (vgl. Tendenz der Abgrenzung bei den Zebedäussöhnen Mk 10,35-37). Selbst nach der Voraussage des persönlichen Verrats, beteuert Petrus noch einmal seine uneingeschränkte, bis zum Äußersten (Tod) gehende Loyalität. Die anderen Jünger stimmen ein, aber es zeigt sich, was auch im Abendmahlssaal galt: Sie alle werden vor der Versuchung stehen, sich von Jesus zu entfernen.

 

Mk 14,32-42 – Das Gebet in Getsemani: Am Zielort, dem Ölberg angekommen, teilt Jesus seinen Jüngerkreis auf. Unter den Zwölfen gibt es eine Dreiergruppe, mit der er nun seine Not teilen will – wie er mit diesen Dreien auch den Moment der Verklärung teilte (Mk 9,2-8). Hier steht nun die menschliche Seite Jesu im Vordergrund. Angesichts des nahen Todes ergreift ihn Angst und Traurigkeit. Der Gebetsruf („meine Seele ist zu Tode betrübt“), der den Psalmen entspringt, drückt aber das gleichzeitige Vertrauen auf Gott aus. Inmitten von innerer Bedrängnis setzt Jesus auf die Unterstützung seiner Vertrauten. Sie sollen in der Nähe bleiben und wachen, während er sich zum Gebet zurückzieht. Erstmalig werden die Leser des Evangeliums hier mit dem direkten Inhalt eines Gebets Jesu konfrontiert: Seine Worte richten sich an den Vater, sie zeigen seine Aufgewühltheit, aber auch sein Vertrauen in den Willen des Vaters. Dreimal wird Jesus am Ölberg mit dem Vater das Gespräch suchen, die Wiederholung betont seine innere Anspannung, aber auch den Entschluss, seinem vorbestimmten Weg treu zu bleiben. Ebenfalls dreimal haben die Jünger die Gelegenheit, ihr Mitsein mit Jesus durch Wachsamkeit und Gebt zum Ausdruck zu bringen. Dreimal versagen sie. Sie scheinen nicht in der Lage, ihrer Aufgabe als Gefährten in dieser existentiell bedrohlichen Situation gerecht zu werden. Auffällig ist, dass Jesus Petrus hier mit Simon anspricht – dem Beinamen „Fels“ wird er hier weder Jesus noch seinen Mitjüngern gegenüber gerecht.

 

Mk 14,43-52 – Die Gefangennahme: In die Szene mit den Jüngern platzt der Verhaftungstrupp hinein. Judas, der noch einmal namentlich genannt und als einer der Zwölf charakterisiert wird, gilt ab dann als „der ihn auslieferte“. Die Schar von Männern steht für die gesamte religiöse Autorität, die diese Verhaftung vornehmen lässt – freilich ohne selbst in Erscheinung zu treten.
Mit dem Kuss als Zeichen des Verrats liefert der Freund den Freund aus. Die Größe des Verrats verdeutlicht Markus, indem er eine verstärkte Form des Verbs „küssen“ verwendet (kataphileo statt phileo). Auch die Anweisung, Jesus wie einen Schwerverbrecher „sicher abzuführen“ zeigt, die Distanzierung des Judas.
Die Jünger, die von der vorangehenden Szene her unbedingt auch bei der Verhaftung dabei sein müssen, werden nicht mehr als „Jünger“ benannt. Sie „stehen dabei“ oder gehen im anonymen „alle“ unter. Mit der Gewalttat ist der letzte Akt des Unverständnisses der Jünger erreicht. Einer aus ihrem Kreis, der von Jesus Gewaltverzicht gelernt hat, schlägt dem Diener des Hohepriesters ein Ohr ab, was einer Schändung gleichkommt. Die Flucht „aller“ ist die logische Konsequenz eines Nichtverstehens der Sendung Jesu in die Welt und in das Leiden hinein. Die Ankündigung Jesu vom Weg zum Ölberg ist kurze Zeit später bereits wahrgeworden.
Rätselhaft bleibt die Notiz von dem jungen Mann, der zunächst nicht flieht, sondern Jesus folgen wird und dann nackt flieht, als man ihn ergreifen will. Ob hier eine historische Notiz eingeflochten ist oder sich hinter dem Jüngling gar der Evangelist selbst verbirgt, muss offenbleiben.

 

Mk 14,53-65 – Das Verhör durch die jüdischen Autoritäten und das Bekenntnis Jesu: Der Trupp überstellt Jesus dem Hohenrat, der aus Ältesten, Schriftgelehrten und Hohepriestern besteht. Von Anfang an wird deutlich, dass es nicht zu einem ergebnisoffenen Verfahren kommen soll. Die für den Prozess notwendigen Zeugen für eine Anklage und Verurteilung werden „gesucht“ und dennoch sind ihre Aussagen nicht hilfreich, weil sie sich wiedersprechen. Auf die Anschuldigungen verweigert Jesus jede Antwort. Erst auf die konkrete Frage des Hohepriesters „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ antwortet er mit dem Bekenntnissatz „Ich bin es“. Das anschließende Wort vom Menschensohn, der zur Rechten Gottes sitzt und damit das Richteramt ausübt, bringt für den Hohepriester den „Beweis“. Als Zeichen für eine Gotteslästerung zerreißt er sein Gewand und fällt das Urteil. Die folgende Misshandlung erinnert wieder an das Schicksal des leidenden Gottesknechts im Buch Jesaja (Jesaja 50,6 und 53,7a)

 

Mk 14,66-72 – Die Verleugnung des Petrus: Petrus, der es sich nach der Flucht anders überlegt hat und in der Nähe des Geschehens geblieben ist, wird nun ins Gespräch mit einer Magd verstrickt. Die drei kurzen Dialogszenen enden jeweils mit einer Verleugnung, die ihren Höhepunkt mit der letzten Abwendung erreicht. Hier spricht Petrus über Jesus und nennt nicht einmal mehr dessen Namen. Stattdessen gibt er an „diesen Menschen“ nicht zu kennen. Aus dem einstigen engen Gefährten Jesu, der vorher noch mutig mit in den Tod gehen und auf keinen Fall Anstoß nehmen wollte, ist ein Leugner geworden, der schwört und flucht, um nicht mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden. Die Reue des Petrus, der sich beim Hahnenschrei an die Worte Jesu erinnert und erst jetzt seinen Verrat bemerkt, schließt die Szene ab. Es ist das letzte Mal, dass Petrus im Evangelium in Erscheinung tritt. Am leeren Grab wird er zwar erwähnt, ist aber nicht anwesend.

 

Mk 15,1-15 – Das Verhör vor Pilatus: Die Szene vor Pilatus ist zweigeteilt. Zunächst verhört Pilatus Jesus auf der Grundlage der Anschuldigungen durch die jüdische Obrigkeit. Ihm geht es nicht um eine religiöse Verfehlung, sondern um die Frage, ob eine politische Anschuldigung zutreffend ist. So formuliert Pilatus die Frage des Hohepriesters („Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“) um in eine politische Frage: „Bist du der König der Juden“. Anders als in der Szene mit dem Hohepriester antwortet Jesus hier am Anfang auf die Frage und bemerkt „du sagst es“. Es bleibt die einzige Antwort Jesu, von nun an schweigt er, so wie zu Beginn des Verhörs vor den jüdischen Obrigkeiten.
Der zweite Teil der Pilatusszene ist geprägt von dessen Bemühungen Jesus vor der Verurteilung und Hinrichtung unter Zuhilfenahme der Paschaamnestie zu bewahren. Obwohl Pilatus die Pläne der Juden durchschaut, übergibt er Jesus den Soldaten zur Kreuzigung. Er will das Volk zufrieden stellen, dass durch die Hohepriester aufgewiegelt, den Tod Jesu fordert.

 

Mk 15,16-32 – Die Kreuzigung Jesu: Die römischen Soldaten, denen Jesus als Verurteilter übergeben wurde, treiben ihren Spott mit ihm. Sie machen sich mit Purpurmantel und Dornenkrone über den messianischen Anspruch lustig. Der Ortswechsel markiert Übergang zur eigentlichen Kreuzigung. Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte rekrutieren die Soldaten Simon von Kyrene als Helfer. Auf das Angebot eines Betäubungstrunks (Wein mit Myrrhe) verzichtet Jesus – er geht vollen Bewusstseins in den kommenden Tod. Die Kreuzigung selbst wird denkbar knapp dargestellt, wesentlich mehr Raum wird den Reaktionen der Schaulustigen eingeräumt. Auch hier ist der messianische Anspruch Jesu Auslöser der Verspottung.

 

Mk 15,33-41 – Der Tod Jesu: Die eigentliche Todesszene beginnt mit einer weiteren Zeitangabe, die in Kombination mit dem kosmischen Zeichen der Finsternis die Dramaturgie des Ereignisses hervorhebt. Die Dunkelheit nimmt Bezug zur Endzeitrede Jesu (Mk 13,24) und beglaubigt so nicht nur die Worte, sondern auch den Anspruch Jesu. Höhepunkt der Szene ist der Schrei Jesu in Einsamkeit und Ohnmacht, der Psalm 22 entspringt (Psalm 22,2). Wer den Ruf Jesu hört oder liest und richtig versteht (nicht als einen Ruf nach Elija), der hat auch den Spannungsbogen des Psalms im Ohr, der das Vertrauen in Gottes Macht mit sich bringt.
Wieder wird die Reaktion der Umstehenden geschildert. Das Reichen des sauren Weins entspricht Psalm 69,22. Der ausführlichen Sensationsgier der Umstehenden steht die knappe Todesnotiz gegenüber. Der letzte Atemzug Jesu wird begleitet vom Zerreißen des Tempelvorhangs in Jerusalem, ein Ereignis, von dem die Leser im Rückblick Kunde haben, die umstehenden wegen der Entfernung zur Stadt aber nicht.
Zwei weitere Reaktionen folgen: Der römische Hauptmann, der offenbar der Anführer der handelnden Soldaten ist, wird Zeuge der Art und Weise, wie Jesus in den Tod hineingeht und welche Umstände das Ereignis begleiten. Seine Eindrücke münden in das erste Bekenntnis zu Jesus als Gottes Sohn, das nicht mit einem Schweigegebot begleitet ist. Der Hauptmann erkennt im Leiden die Hoheit Jesu und dieses Glaubenszeugnis bleibt in feierlicher Form stehen.
Als einzige Zeugen aus dem internen Kreis der Jünger Jesu sind die Frauen noch in der Nähe. Nicht nur werden drei von ihnen namentlich benannt, sie werden auch als wirkliche Weggefährten benannt („schon in Galiläa nachgefolgt“). Im Gegensatz zu den geflohenen Zwölfen weichen sie dem Blick auf den geschundenen Freund und Meister nicht aus, sie bilden auch die personelle Brücke zwischen Tod und Auferstehungserzählung,

 

Mk 15,42-47 – Das Begräbnis Jesu: Mit einer weiteren Zeitangabe macht der Evangelist die Dringlichkeit der baldigen Bestattung deutlich. Mit Josef von Arimatäa wird eine neue Gestalt eingeführt. Er gehört zu der Gruppe von religiösen Anführern, die zuvor scheinbar einstimmig hinter dem Prozess und der Verurteilung Jesu stand. Nun hat sich seine Meinung offenbar verändert. Seine Bitte an Pilatus, den Leichnam bestatten zu dürfen wird als „Wagnis“ beschreiben. Dies ist sowohl im Hinblick auf seinen Status als Mitglied des Hohenrates zu verstehen, als auch auf seine offenes Bekunden einer Sympathie zu einem Verurteilten bei den römischen Behörden. Pilatus entspricht seiner Bitte, nachdem er sich vom Tod Jesu hat überzeugen lassen.
Indem das Begräbnis selbst auf die wesentlichen Schritte reduziert wird, drückt Markus noch einmal den Zeitdruck aus. Die einzige erzählerische Ausgestaltung stellt die Beschreibung als Felsengrab dar. Wieder sind die Frauen Zeuginnen, nur so können sie nach dem Sabbat zum Grab gehen.

Auslegung

Die Sendung Jesu geht ihrem Höhepunkt entgegen. Mehrfach hatte er angedeutet, was passieren würde und passieren müsse, nun ist die entscheidende Stunde da. In ihr wird endlich offenkundig, was zuvor nur Dämonen und Geheilten selbstständig erkannt hatten und dann mit einem entsprechenden Schweigegebot belegt wurden. Auch die Jünger, die einem Verständnis zumindest nahekommen (Messiasbekenntnis des Petrus) oder von Jesus schrittweise darin eingeführt werden, sollen nicht darüber sprechen – bis er von den Toten auferstanden ist (Mk 9,9). Jesus möchte vorbeugen, dass seine Gottessohnschaft reduziert wird auf das Himmlische. Seine Hoheit, seine Identität als Gottessohn ist aber nur dann in ihrer ganzen Tragweite begreifbar, wenn zur himmlischen Wirklichkeit die Wirklichkeit seines irdischen Lebens und Leidens hinzutritt. Erst im Leid, in der Selbsthingabe, im Verzweifeln und in der Angst und im gleichzeitigen Festhalten an Gott, dem Vater, zeigt sich die umfassende Dimension der Sendung Jesu. Erst darin lässt sich sein Leben als Gottessohn unter den Menschen und als Mensch verstehen. Deshalb lässt Jesus erst im Angesicht des Todes die Ansprache des Hohepriesters („Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“) zu und bejaht sie auch. Ausgerechnet der Anführer seiner Peiniger, der römische Hauptmann, gewinnt selbstständig Einsicht in dieses Geheimnis und bekennt den Leiden als Gottes Sohn.

Doch wo sich die ganze Größe des göttlichen Geheimnisses zeigt, offenbart sich auch der tiefste Punkt des menschlichen Daseins. Denn der Gottessohn stirbt von (nahezu) allen verlassen – einzig in der Hoffnung auf die Treue des Vaters. Die Frauen, die aus der Ferne zuschauen, sind die Letzten, die noch irgendwie in der Nähe verweilen. Diejenigen, die er in Mk 3,14 erwählt hat, dass sie mit ihm unterwegs sein sollen, dass sie sogar Anteil an seiner Verkündigung des Gottesreiches haben, sie sind weg. Verraten, verlassen, verleugnet, in den schwersten Stunden alleine gelassen, das ist das Ende des Gottessohnes unter den Menschen. Alle Verstehenshilfen und Ankündigungen seines Leidens blieben wirkungslos, die Jünger fliehen alle! Alle Bekundungen der Loyalität haben nichts genutzt, jegliche Betroffenheit über den Verrat eines Einzelnen führt nicht zur Einsicht, selbst der erst Hahnenschrei bremst die Verleugnung des Petrus nicht aus. Mit hoher erzählerischer Dramatik schildert der Evangelist die zunehmende Einsamkeit Jesu: Mit Judas ist es einer aus dem engsten Freundeskreis, einer mit dem er isst, der ihn verraten und ausliefern wird. Die übrigen Jünger zuerst noch sicher, dass sie immer zu ihm halten, werden beim Mahl schon unsicher. Am Ölberg gelingt es ihnen nicht, Beistand in schwerer Stunde zu sein. Indem sie ihre Aufgabe als Gefährten vernachlässigen, wird ihnen der Titel „Jünger“ quasi aberkannt. Sie sind nun nur noch „Dabeistehende“ und „Flüchtende“. Petrus verleugnet im Hof der Magd gegenüber nicht nur „diesen Menschen“, sondern auch seinen Auftrag, ein „Fels“ in der Brandung zu sein. Derjenige, der zum Schwert greift, verrät die zentrale Botschaft der Feindesliebe.
So wird es still und leer rund um Jesus – zumindest was den Kreis seiner Freunde angeht. Je lauter die Massen werden, aufgewiegelte Volksmenge und Schaulustige am Kreuz, desto stiller werden die, die Weggefährten waren. Und sie bleiben still im Markusevangelium – dieser Blick nach vorne gehört hier mit dazu (Mk 16,8). Es sind andere, die nun vorübergehend das Handeln und das Bekennen im Sinne Jesu übernehmen: Josef von Arimaäa, ein Mitglied des Hohenrats, erweist ihm eine letzte Ehre, indem Jesus bestattet. Der römische und damit heidnische Hauptmann bekennt, was er sieht. Die Frauen bleiben in der Ferne, halten sich aber die Möglichkeit offen, den Toten später zu salben.

Das Verhalten der Jünger in den letzten Stunden Jesu wird vom Evangelisten Markus in ziemlicher Dramatik erzählt. Die Geschichte der Kirche wird zeigen, dass sich am Ende alles noch einmal wandelt. Die einsamen Leidensstunden Jesu aber bleiben als Warnung bestehen – an alle, die sich selbst als treue Jünger Jesu sehen.

Kunst etc.

Das Altarbild von Andreas Mantegna, Die Qual im Garten (1455-1456), zeigt die Verhältnisbestimmungen in der Stunde der Trauer und Not Jesu: Die irdischen Gefährten schlafen und sind damit nicht nahe, die himmlischen Gefährten (Engel) wenden sich Jesus zu. Im Hintergrund nähert sich bereits der Verhaftungstrupp.