Lesejahr B: 2023/2024

Evangelium (Mk 1,21-28)

21Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.

22Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

23In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:

24Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.

25Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!

26Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.

27Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.

28Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Überblick

Wenn Worten Taten folgen. Markus stellt eine „eine neue Lehre mit Vollmacht“ vor und erzählt, dass darüber besser erstmal geschwiegen werden sollte.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Unmittelbar nach dem Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa und der Berufung der ersten Jünger (Mk 1,14-20) berichtet Markus von der ersten Wundertat Jesu in der Synagoge von Kafarnaum.

 

2. Aufbau
Die Verse 21-22 leitet von der Jüngerberufung (Mk 1,16-20) über zur ersten Wirkungsstätte in Galiläa: Kafarnaum. Die Verse 23-28 berichten von der ersten Wundertat Jesu, wobei die Verse 23-26 dem Wunder und die Verse 27-28 der Bestätigung des Wunders bzw. der Reaktion darauf gewidmet sind.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 21-22: Gegenüber der Szene am See Gennesaret wechseln in Vers 21 Ort und Zeit. Auch in Mk 2,1 und 9,33 wird Jesus dort noch einmal wirken. Hier ist die Synagoge die Wirkungsstätte der ersten Wundertat Jesu. Am Sabbat versammelt sich Jesus dort mit seinen Jüngern, die in Vers 21 in das Geschehen wie selbstverständlich eingefügt werden („sie kamen“), und der Gemeinde zum Synagogengottesdienst. Neben Gebet und Schriftlesung ist dabei auch die Auslegung der Schrifttexte vorgesehen, die durch ein Gemeindemitglied erfolgt. Der Evangelist umschreibt diese Auslegung mit dem Wort „Lehre“, das hier erstmalig verwendet wird und zugleich den Abschnitt prägt. Über den Inhalt der Auslegung bzw. Lehre wird nichts berichtet. Wer aber Mk 1,14-15 noch im Ohr hat, wird an die Botschaft vom Reich Gottes, den Ruf zum Neudenken („Umkehr“) und Heilszusage Gottes („die Zeit ist erfüllt“) denken. Das Augenmerk dieser Szene liegt – wie beim anschließenden Wunder – nicht auf der Botschaft selbst, sondern deren Wirkung und der Reaktion der Anwesenden. Das Staunen der anderen Gottesdienstteilnehmer wird begründet mit dem Unterschied zwischen der Lehre Jesu und der der Schriftgelehrten. Mit diesem Vergleich führt der Evangelist Markus auf simple Weise eine der „Gegnergruppen“ Jesu im Verlauf des Evangeliums ein. Das nächste Mal werden sie in Mk 2,6 ins Spiel kommen und dort auch persönlich ins Geschehen eingreifen. Hier fungieren sie nur als Folie, auf deren Grundlage die Lehre Jesu bewertet wird. Denn die Auslegung der Schriftgelehrten erscheint im Gegensatz zu der Jesu als „ohne Vollmacht“. Wie und wodurch sich diese Vollmacht in der Wortverkündigung ausdrückt, wird nicht gesagt. Eine Antwort auf diese Frage liefert die zweite Szene, die in der Synagoge spielt.

 

Verse 23-26: Die Dämonenaustreibung in Kafarnaum ist nach der Berufung der Jünger nun die erste Handlung, die die Wirksamkeit des Gottes Reiches und damit die Zuwendung Gottes, die in Jesus greifbar wird, zum Ausdruck bringt. Der Evangelist folgt dabei dem Schema einer Wundergeschichte, indem er den zu Heilenden zu Jesus hinzutreten lässt und die Not schildert. Hier spricht nicht der Besessene selbst, sondern der „unreine Geist“ aus ihm. Seine Äußerung ist dabei zugleich Bekenntnis und der Versuch, sich der Vollmacht Jesu zu erwehren. Dass „ich weiß, wer du bist“ als Drohung gedacht ist, erschließt sich erst aus dem Schweigegebot Jesu in Vers 25. Deutlicher wird die Abwehr des Geistes in der Frage „Was haben wir mit dir zu tun?“. Sie bringt Abgrenzung zum Ausdruck und findet sich ganz ähnlich auch im Alten Testament (z.B. im Buch der Richter 11,12). Mit der Aussage „bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen“ verschwimmen Gegenwehr und Bekenntnis. Der unreine Geist erkennt in Jesus denjenigen, der mit Vollmacht gegen ihn vorgehen kann. Hinzu gesellt sich das Bekenntnis „der Heilige Gottes“. Damit wird die erste Wundertat zu einer Geschichte des Erkennens. Der unreine Geist spricht aus, was er wahrnimmt: Ihm tritt in Jesus einer entgegen, dessen Kraft und Macht alle Bereiche der Schöpfung umfasst, auch ihn selbst. Jesus hat damit Fähigkeiten, die in ureigener Weise mit Gott verknüpft sind.

Diese Erkenntnis und das nach außen geäußerte Bekenntnis wird von Jesus scharf unterbrochen. Das für „drohen“ verwendete griechische Wort (epitimao, griechisch: ἐπιτιμάω) wird in der griechischen Bibel auf Gott hin angewendet. Der Evangelist bestätigt an diese Stelle also auf subtile Weise die Einschätzung des unreinen Geistes. Das Gebot, über das Erkannte zu schweigen, wird von Markus in seinem Evangelium zu einem Motiv und einer wichtigen Erzähllinie ausgebaut. Es begegnet immer wieder, so dass sich die partielle Erkenntnis über Jesu Identität und Macht mit einem Unverständnis seiner Person abwechselt. Was die Leser seit Beginn des Evangeliums wissen (Jesus ist der Christus, Gottes Sohn, Mk 1,1) bricht sich im Evangelium selbst nur langsam als Erkenntnis Bahn. Vor allem die Jünger werden zwischen Unverständnis und Erkenntnis hin und her schwanken.

Der Exorzismus endet nach dem vollmächtigen Wort Jesu, indem der unreine Geist sich ein letztes Mal wie im Todeskampf aufbäumt und dann den Mann verlässt.

 

Verse 27-28: Wirkte es bisher so als sei Jesus mit dem Besessenen alleine gewesen, wird nun die Gesamtszenerie in der Synagoge in Kafarnaum wieder in den Fokus gerückt. Das Erschrecken der Anwesenden ist die typische Reaktion auf die Begegnung mit dem Geheimnisvoll-Göttlichen. Die Unsicherheit und damit auch das Unverständnis, das Erlebte in die bekannten Zusammenhänge einzusortieren, drückt sich im gegenseitigen Fragen aus. Die vorläufige (selbstgegebene) Antwort der Anwesenden lautet: Eine neue Lehre mit Vollmacht. Damit hat der Evangelist Markus einen Bogen von der Reaktion auf Jesu Lehre hin zu seiner ersten Wunderheilung geschlagen und eine Antwort auf die Frage des Lesers gegeben, was denn nun die Lehre Jesu genau von der Lehre der Schriftgelehrten unterscheidet. Es ist das wirkmächtige Wort Jesu gegenüber dem einfachen Wort der Schriftgelehrten. Diese legen die Schrift aus, helfen, sie im Kontext der gegenwärtigen Situation zu verstehen. Jesus aber lässt die Bedeutung der Schrift im Leben Wirkung gewinnen. Er, der als Sohn das Wesen Gottes selbst verkörpert, legt die Bedeutung der Schrift nicht aus, er lebt sie. In seiner heilvollen Nähe ist Gott gegenwärtig, seine Verkündigung wird durch seine Taten konkret.

Die Notiz von der Verbreitung der Kunde in ganz Galiläa gehört zur Gattung der Wundergeschichte. Sie verweist darauf, dass Jesu Wundertat bekannt wird, nicht, dass die Erkenntnis des unreinen Geistes weitererzählt wird.

Auslegung

Es klingt fast etwas paradox, was uns der Evangelist Markus in der Perikope des Sonntags präsentiert. Da wird die Verkündigung Jesu als „neue Lehre in Vollmacht“ präsentiert und abgegrenzt von der Lehre der Schriftgelehrten, weil Jesus den Worten vom Reich Gottes auch Taten folgen lässt – aber Jesus selbst befiehlt, dass nicht darüber gesprochen werden soll. Indem der Evangelist die Vollmacht Jesu wie einen Rahmen um die gesamte Episode in der Synagoge von Kafarnaum legt, zeigt er, dass ihm genau dies für seine Leser zu Beginn der Jesusgeschichte wichtig ist. Er möchte, dass sie – wie die Anwesenden in Kafarnaum – erfahren: Jesus spricht nicht nur vom Reich Gottes, sondern er lässt es hier ein erstes Mal durch die Heilung des Besessenen konkret werden. So – im heil Werden und heil Sein – realisiert sich das Reich Gottes, so zeigt sich Gottes Zuwendung und Nähe. Und diese Konkretion der Gegenwart Gottes ist nicht vermittelt, sondern unmittelbar, sie ist greifbar und spürbar. Diese Dimension der Schriftvermittlung ist für die Schriftgelehrten und auch die übrigen jüdischen Autoritäten nicht möglich. Sie vermitteln und legen aus, aber sie können den Sinn der Schrift nicht in dieser Weise erfahrbar werden lassen. Auf anfanghafte Weise zeigt sich in der Gegenüberstellung der Lehre Jesu und der Lehre der Schriftgelehrten hier in Kafarnaum bereits das Konfliktpotential, das mit dem wirkmächtigen Handeln Jesu entsteht. Denn aus der Sicht der Schriftgelehrten „verdirbt“ Jesus die Preise, wenn er die Gegenwart Gottes nicht nur in einem Leben nach den Gesetzen Gottes in Aussicht stellt, sondern Gottes Nähe direkt erfahrbar macht – und sogar da, wo eine Nähe zu Gott schier unmöglich scheint: bei den Besessenen, bei den Unreinen, den Sündern.
Hatte der Evangelist in Vers 21 und 22 offen gelassen, was genau Jesus lehrt, so zeigt die Erzählung vom ersten Exorzismus Jesu, dass „die neue Lehre mit Vollmacht“ identisch ist mit der Erstverkündigung Jesu in Mk 1,14-15. Es ist die Botschaft von der anbrechenden Gottes Herrschaft, die denen zugänglich ist, die in der Lage sind, neu zu denken und Gottes Zusage zu trauen. Was Jesus zu Beginn lehrt, das bleibt bis zuletzt seine Lehre: Gott ist euch nahe! Wagt es, daran zu glauben, und glaubt, dass er es mit euch wagt! Die Manifestierung dieser Verkündigung durch die Wundertaten Jesu und sein Zugehen auf die Menschen, beginnt in Kafarnaum – aber sie muss sich langsam entfalten. Die Realität der Gegenwart Gottes und seines machtvollen Wirkens in Jesus von Nazareth kann nicht nur über Worte vermittelt werden, sie muss mit allen Sinnen erfahren werden – solange, bis Worte und Erleben zu einer einzigen Erkenntnis reifen: Jesus ist der Sohn Gottes. Dem Evangelist Markus ist dieser Spannungsbogen in seiner Jesuserzählung besonders wichtig, deshalb betont er die Schweigegebote wie hier in Vers 25. Markus möchte deutlich machen, dass sich der volle Sinn der Verkündigung Jesu nur in seiner Vollmacht, also in seinem Zusammenspiel von Wort und Tat erschließt. Deshalb müssen Schritt für Schritt unterschiedliche Menschen entlang des Weges Jesus hören und erleben, sie müssen für sich zu der Erkenntnis kommen, die der unreine Geist in Vers 24 im Angesicht seines Untergangs ausruft. Das Schweigegebot soll nicht die Verbreitung der Botschaft behindern, sondern sie eigentlich bestärken. Denn nur der soll in Jesus den Sohn Gottes bekennen, der dieses Geheimnis mit Leib und Geist durchdrungen hat, der erleben und hören zusammenbringt. Deshalb ist für Markus der römische Hauptmann unter dem Kreuz mit seinem Bekenntnis so wichtig. Wenn er angesichts des Todes und des Weges dorthin sagt: „Wahrhaft, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39), dann ist dieses Bekenntnis durch Hören und Sehen gereift.

Das Schweigen über Jesus ist also kein Verschweigen im Markusevangelium, sondern eine Mahnung, erst dann darüber zu reden, wenn ich nicht nur Worte nachplappere, sondern mein Bekenntnis mit Erfahrung fülle.

Kunst etc.

Die Austreibung des Dämonen in der Synagoge von Kafarnaum im „Stundenbuch des Herzogs von Berry“ (Les Très Riches Heures du Duc de Berry) aus dem 15. Jahrhundert.