Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Dtn 4,32-34.39-40)

32Denn forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde erschuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende:

Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört?

33Hat je ein Volk mitten aus dem Feuer die donnernde Stimme eines Gottes reden gehört, wie du sie gehört hast, und ist am Leben geblieben?

34Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie sich mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie alles, was der HERR, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen?

[...]

39Heute sollst du erkennen und zuinnerst begreifen: Der HERR ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. span class="verse">40Daher sollst du seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, bewahren, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.

Überblick

Beim Blick von der Schöpfung bis in die Gegenwart Moses an der Grenze zum Verheißenen Land legt sich eine Erkenntnis nahe: Es gibt nur einen Gott, den Gott Israels.

 

1. Verortung im Buch

Das Buch Deuteronomium ist eine Grenzsituation. Das Volk Israel steht nach 40 Jahren, in denen sie durch die Wüste gewandert sind, an der Grenze zum verheißenen Land. Es ist ein Moment, um innezuhalten – um zurück- und zugleich vorauszuschauen. Am Anfang des Buches Deuteronomium rekapituliert Mose die nun in der Vergangenheit liegende Wüstenwanderung vom Berg Sinai bis hin ins Land Moab, östlich vom verheißenen Land (Deuteronomium 1,6-3,29) – und dann wendet er sich der Zukunft zu: „Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre! Hört und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der HEER, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.“ (Deuteronomium 4,1). 

Bevor Mose jedoch die Gesetze dem Volk mahnend in Erinnerung ruft, verkündet er, der Erzprophet, Heil und Unheil. Wenn Israel die Gesetze nicht halten wird, droht der Verlust des Landes und das Exil: „Der HERR wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige von euch werden übrig bleiben in den Nationen, zu denen der HERR euch führt. Dort müsst ihr Göttern dienen, Machwerken von Menschenhand, aus Holz und Stein. Sie können nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen.“ (Deuteronomium 4,27-28). Doch selbst im Unheil verlässt Gott sein Volk nicht und vergisst es nicht, da er an dem Bund, den er mit Israel geschlossen hat, unverbrüchlich festhält.

Der Kontrast ist radikal: Im Unheil gibt es nur von Menschenhand gefertigte Götter, denn Heil ist nur in der Erkenntnis zu finden, dass es außer Gott keinen anderen Gott gibt. Die gesamte Vorrede zu den Gesetzen gipfelt in der Aufforderung, zu erkennen, dass JHWH einer ist, und es außer ihm keinen anderen gibt: „Daher erkenne heute und nimm es Dir zu Herzen, dass JHWH der Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden, keiner sonst.“ (Deuteronomium 4,39). In diesen Worten ereignet sich ein radikaler Einschnitt in der Menschheitsgeschichte: das monotheistische Bekenntnis. Es gibt nur einen allumfassenden Gott – und er hat seine Existenz und unvergleichliche Macht in der Rettung und Auserwählung seines Volkes bewiesen. Und hat so Israel zum Zeugen für diesen neuen Glauben in der Menschheitsgeschichte werden lassen: „Du selbst hast es sehen dürfen, damit Du erkennst, dass JHWH der Gott ist – außer ihm gibt es keinen.“ (Deuteronomium 4,35).

 

2. Aufbau

Die Verse 32-40 sind zwei Redegänge, die beide den Beweis von Gottes Einzigartigkeit aufgrund seiner Heilstaten in der Geschichte Israels erbringen (Verse 32-34 und Verse 36-38). In nicht-chronologischer Reihenfolge verweist Mose in seiner Rede – nach dem Hinweis auf die Schöpfung (Vers 32) - auf die Theophanie am Berg Horeb (Vers 34), die Herausführung aus Ägypten (Vers 35), die Verheißungen an die Erzeltern (Vers 37) und die Landnahme (Vers 38). Beide Redegänge zielen direkt auf die monotheistischen Bekenntnisse in den Versen 35 und 39, bzw. auf die sich daraus ergebende Konsequenz in Vers 40.

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Vers 32: Der Blick Israels und der Leser wird auf die gesamte Heilsgeschichte seit der Schöpfung gerichtet. Durch die Verwendung des für die Schöpfungshandlung durch Gott reservierten hebräischen Begriff ברא (gesprochen: bara), wird der Leser direkt an den Anfang Bibel verwiesen: „Im Anfang erschuf [ברא] Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1). Die Aufforderung zum Blick auf die Geschichte der Schöpfung und im Folgenden auch auf die Geschichte Israels mit seinem Gott, dient der Begründung der Beschreibung des Wesen Gottes in Vers 31: „… der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott. Er lässt dich nicht fallen und gibt dich nicht dem Verderben preis und vergisst nicht den Bund mit deinen Vätern, den er ihnen beschworen hat.“ Die Art, in der sich Gott seinem Volk offenbart hat und sich in der Menschheitsgeschichte erwiesen hat, ist einzigartig aus der Sicht des Autors und mit nichts in der Welt zu vergleichen. Die rhetorische Frage „Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solches gehört?“ muss aus seiner Perspektive klar verneint werden. Die Verse 33 und 34 sind dann ebenso als rhetorische Fragen formuliert, und geben konkrete Beispiele für das einzigartige Handeln Gottes.

Vers 33: Als redende Stimme mitten aus dem Feuer wird die Theophanie Gottes am Berg Sinai, bzw. Horeb (wie er im Buch Deuteronomium genannt wird) beschrieben. In Deuteronomium 5,23-26 erzählt Mose, wie Israel sich aufgrund dieser Erscheinung fürchtete: „Als ihr den Donner mitten aus der Finsternis gehört hattet und der Berg immer noch in Feuer stand, seid ihr zu mir gekommen - eure Stammeshäupter und Ältesten - und habt gesagt: Sieh, der HERR, unser Gott, hat uns seine Herrlichkeit und Macht gezeigt und wir haben seine donnernde Stimme mitten aus dem Feuer gehört. Heute haben wir gesehen, dass Gott zu Menschen sprach und sie am Leben blieben. Trotzdem: Warum sollen wir sterben? Denn dieses große Feuer könnte uns verzehren. Wenn wir noch einmal die donnernde Stimme des HERRN, unseres Gottes, hören, werden wir sterben. 26 Denn welches Wesen aus Fleisch wäre am Leben geblieben, wenn es wie wir die donnernde Stimme des lebendigen Gottes gehört hätte, als er mitten aus dem Feuer redete?“ 

Vers 34: Nach dem Blick auf die Theophanie am Gottesberg geht der Blick in die Geschichte wieder zurück nach Ägypten und den Exodus. Die Religionspolemik wird hier noch zugespitzt. Nicht nur, gibt es keine vergleichbaren Ereignisse, sondern kein anderer Gott hätte vergleichbares je auch nur versucht! Das Motiv, dass Gott die Befreiung und die damit einhergehenden Wunder mit „starker Hand und hoch erhobenen Arm“ durchgeführt hat, ist als Geste siegreicher Könige und Götter im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. weit im Alten Orient verbreitet. Die bleibende Bedeutung der Herausführung wird in Vers 37 verdeutlicht, in der das hier verwendete Verb „herausnehmen“ durch das Verb „erwählen“ erläutert: „Weil er deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt“. Die Verweise auf die einzigartigen Taten Gottes seit der Schöpfung (Verse 32-34) führen zum monotheistischen Bekenntnis in Vers 35: „Du bist es, der das hat sehen dürfen, damit du erkennst: Der HERR ist der Gott, kein anderer ist außer ihm.“ – Das göttliche Handeln geschieht nicht um seiner selbst willen, sondern es soll zur Erkenntnis der Menschen führen, dass es keine anderen Götter gibt (vgl. Vers 34), sondern nur den einen Gott.

Verse 39-40: Vom Blick in die „früheren Zeiten“ ist der Text nun im „Heute“ angekommen. Nach Vers 35 wird nun zum zweiten Mal, diesmal zugespitzt, die Konsequenz aus der Heilsgeschichte gezogen. Israel soll nicht nur erkennen, sondern sich „zu Herzen nehmen“ (vgl. Deuteronomium 30,1), dass JHWH, der Gott Israels der einzige Gott im Himmel und auf der Erde ist. Dieser Vers betont, dass nicht alleine die Erkenntnis genügt, sondern es einer innerlichen Aneignung bedarf. Diese bedeutet die Einhaltung der Gesetze Gottes. Gottes Allmacht als einziger Gott garantiert zugleich seine Souveränität und Autorität als Gesetzgeber. In Vers 40 ist dies in der Form einer Mahnung und einer Verheißung formuliert. Auch in der Begründung des Elterngebotes im Dekalog heißt es: „damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!“ – diese Verheißung wird hier nun im Vorausgriff auf die Einhaltung aller Gesetze Gottes bezogen.

Auslegung

Anhand von Deuteronomium 4,32-40 wird eine Grundstruktur des jüdisch-christlichen Glaubens deutlich. „Erkenntnis“ – wenn sie nicht aus einer direkten Gotteserfahrung gewonnen werden kann – erfolgt durch einen Blick auf „frühere Zeiten …, die vor dir gewesen sind“ (Vers 32). Die erzählte Tradition ist ein Glaubenszeugnis, das durch die Verkündigung der Taten Gottes zum Glauben an den einen Gott führt – und dementsprechendem Tun (Vers 40). Eine solche Reflektion ist aber kein theologisches Gedankenspiel, sondern die Begründung einer Hoffnung. Die Aufforderung zum monotheistischen Bekenntnis hat in Deuteronomium eine direkte Funktion. Mose sagt mit dem Verweis auf die Heilstaten Gottes im Endeffekt nichts anderes als: Die lange Heilsgeschichte Gottes und seine großen Taten sollen und können nicht vergeblich sein. Der Mensch soll erkennen: „der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott. Er lässt dich nicht fallen und gibt dich nicht dem Verderben preis“ (Vers 31). Diese Erkenntnis ist für Israel verbunden mit der Erkenntnis der einmaligen Stellung des Volkes in der Menschheitsgeschichte – doch zuvor in den Versen 25-31 wird dem Volk auch vor Augen geführt, dass der Ungehorsam ins Exil führen wird und ihre Umkehr und Begnadigung, wie die gesamte Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk, von der göttlichen Gnade abhängt.  Die in den Versen 31-40 erzählte Heilsgeschichte will den Leser nicht nur zum Ein-Gott-Glauben führen, sondern Gottes gnadenbringendes Wesen aufzeigen.

Kunst etc.

In der Kirche St. Franziskus in Krakau gibt es ein Glasfenster von Stanisław Wyspiański (1869–1907) mit einer Darstellung von Gott als Schöpfer. Der Fensterstruktur ist es geschuldet, dass sich die in der Gestaltung ausdrückende Allmacht, perspektivisch hinter Gittern befindet. Der Ein-Gott-Glaube, der in Deuteronomium 4,32-40 formuliert ist, verdeutlicht hingegen, dass es für die Macht Gottes keine Grenzen gibt und niemand mit ihm vergleichbar ist. Gottes Macht ist in menschlichen Denk- und Darstellungskategorien nicht greifbar.

Glasfenster von Stanisław Wyspiański (1869-1907) in der Kirche St. Franziskus in Krakau (Polen), fotografiert von DIMSFIKAS. Lizenz: CC-BY-SA-3.0.
Glasfenster von Stanisław Wyspiański (1869-1907) in der Kirche St. Franziskus in Krakau (Polen), fotografiert von DIMSFIKAS. Lizenz: CC-BY-SA-3.0.