Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 1,29-39)

29Sie verließen sogleich die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.

30Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie

31und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.

32Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.

33Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt

34und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.

35In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.

36Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,

37und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.

38Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen.

39Und er zog durch ganz Galiläa, verkündete in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Überblick

Ein Tag in Kafarnaum. Eine Stadt erlebt die Nähe des Gottesreichs und muss lernen, dass dieses Geschenk auch für andere da ist.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Unmittelbar nach dem Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa und der Berufung der ersten Jünger (Mk 1,14-20) berichtet Markus von einem Tag in Kafarnaum, der das Wirken Jesu im Kleinen abbildet.

 

2. Aufbau
Die Perikope ist aus drei einzelnen Erzählungen zusammengesetzt: Die Verse 29-31 spielen im Haus der Schwiegermutter des Petrus. Das Wirken Jesu dort führt zu einer nächsten Szene vor dem Haus (Verse 32-34). Den Abschluss bildet der Übergang vom Kafarnaum-Tag zum Aufbruch nach Galiläa (Verse 35-39).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 29-31: Jesus tritt aus der Öffentlichkeit heraus und in den privaten Raum ein. Mit den vier Jüngern, die damit auch zu Begleitern in der Synagogen-Szene davor werden, geht Jesus in das Haus der Schwiegermutter des Petrus. Ihr Leid wird mit „Niederliegen“ und „Fieber“ deutlich beschrieben, dies vergrößert den Kontrast zu ihrer sofortigen Heilung. Diese wird in Vers 31 damit bestätigt, dass sie in der Lage ist, ihren „Pflichten“ als Gastgeberin wieder nachzukommen und sich um sie zu sorgen. Die Szene ist die kürzeste Schilderung einer Wundererzählung und enthält doch alle wesentlichen Elemente: Auftreten des Leidenden, Interaktion mit Jesus, Wundertat, Bestätigung des Wunders. Im Vergleich zu der Heilung des Besessenen in der Synagoge wird hier kein Wort Jesu, sondern nur seine Geste beschrieben: Er geht auf sie zu, fasst sie an der Hand und richtet sie auf. Das alleine reicht!

 

Verse 32-34: Das Wunder im kleinen Kreis zieht schnell große Kreise, so dass „alle Kranken und Besessenen“ vor das Haus getragen werden. Die doppelte Zeitangabe am Anfang zeigt, dass die Menschen das Ende des Sabbats (Sonnenuntergang) abwarten, bevor sie ihre Leidenden vor das Haus schaffen. Der Evangelist schildert summarisch, was in den Szenen in der Synagoge und im Haus der Schwiegermutter an konkreten Einzelfällen gezeigt wurde: Jesus treibt Dämonen aus und heilt die Kranken. Auch hier wird das Verbot ausgesprochen, dass die Dämonen die wahre Identität Jesu weitersagen.

 

Verse 35-39: Wieder mit einer doppelten Zeitangabe beendet der Evangelist den Tag in Kafarnaum. Jesus sucht in der Frühe des nächsten Morgens die Einsamkeit, um zu beten. Doch der Rückzug scheint ihm verwehrt, denn „Simon und seine Begleiter“ eilen ihm nach. Das verwendete griechische Wort katadioko (griechisch: καταδιώκω) wird im Neuen Testament nur hier verwendet und ist im Deutschen mit „nach eilen“ eher beschönigend übersetzt. Eher müsste es „verfolgen“ heißen, was auch den Kontrast zwischen dem Bestreben Jesu, sich an einen einsamen Ort zurückzuziehen und dem Anliegen der Jünger deutlicher hervortreten lässt. Die Jünger machen sich zu Sprechern der Menschen in Kafarnaum, wenn sie Jesus zurückholen wollen, damit er dort weiter Wunder wirkt. Gleichzeitig spricht vielleicht auch ihre eigene Sorge aus ihrem Nachlaufen, Jesus nach so kurzer Zeit bereits wieder gehen lassen zu müssen.

Die Antwort Jesu nimmt nur indirekt Bezug auf die Aussage der Jünger. Jesus fordert sie auf, mit ihm weiterzuziehen, damit er seinen Auftrag weiter erfüllt. Denn auch „die benachbarten Dörfer“ und „ganz Galiläa“ sollen seine vollmächtige Lehre erfahren.

Auslegung

Der Evangelist Markus lässt die Leser seines Evangeliums zu Beginn einen „exemplarischen“ Tag des Wirkens Jesu erleben. Er möchte deutlich machen: So wie in Kafarnaum, so war es an vielen Stationen auf dem Weg. Jesus begegnet Menschen im Privaten, in der Synagoge, auf der Straße. Er verkündet, er heilt, er zieht sich zum Gebet zurück. Bei aller Anschaulichkeit dieses Kafarnaum-Tages, dessen zweiten Teil die Perikope des Sonntags abbildet, werden hier bereits einzelne wichtige Motive des Evangeliums subtil eingebunden. So wiederholt Markus das Schweigegebot an die Dämonen aus Mk 1,25, um zu betonen, dass die Erkenntnis der Identität Jesu sich bei den übrigen Zeugen des Wirkens Jesu erst langsam Bahn brechen muss. Zugleich zeigt die Szene im Haus und die anschließende öffentliche Heilung, dass sich auf dem Weg Jesu Gelegenheiten abwechseln werden, in denen Jesus sich einem kleinen Kreis und dabei vor allem seinen Jüngern zuwendet und in denen er in aller Öffentlichkeit lehrt und handelt. Mit der Heilung im Haus der Schweigermutter wird zudem das Haus als „Ort der Jüngerschaft“ eingeführt. Im Verlaufe des Evangeliums werden „im Haus“ verschiedene Themen reflektiert und die Jünger direkt unterwiesen (z.B. Mk 7,17-23), hier wird die Zuwendung Jesu zu den „Ausgestoßenen“ sichtbar und seine Sendung konkretisiert (Mk 2,15-17). Gleichzeitig wird das Unverständnis der Jünger gegenüber der Sendung Jesu, das im Verlauf der Erzählung immer wieder thematisiert wird, in ihrem „Verfolgen“ sichtbar gemacht.

Neben diesen Andeutungen zu den später ausgebauten Motiven des Evangeliums, gibt es zwei Aspekte in den Szenen des heutigen Evangeliums, die genauer zu betrachten sind. Sie machen den Tag in Kafarnaum zu einer exemplarischen Erzählung, die den Lesern für den weiteren Verlauf Lektürehinweise gibt: 
Zum einen muss Jesus unterwegs sein und es gehört zur Natur seiner Sendung als Gottessohn in die Welt, dass sein Weg durch seinen Auftrag bestimmt ist. Die Menschen in Kafarnaum hätten Jesus, den Heiler, der mit Vollmacht lehrt, nur zu gerne bei sich behalten. Die Jünger machen sich in Vers 37 zu Sprechern der Menschen, wenn sie sagen: „Alle suchen dich.“ Ihnen und damit den Lesern erklärt Jesus: Lasst uns anderswohin gehen…, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gesandt.“ Nicht die – verständlichen – Wünsche nach Anwesenheit Jesu werden den Weg Jesu bestimmen, sondern das, was ihn im Wesen prägt: Menschen Gottes Nähe zu verkünden und erlebbar machen. Genau so, wie sie es in Kafarnaum bereits erleben durften!
Zum anderen handelt der Gottessohn aus und im Dialog mit dem Vater. So ist der Rückzug zum Gebet wesentlicher Bestandteil des Wirkens Jesu und kein Rückzug von den Menschen, sondern Teil seiner Sendung zu ihnen. Der Evangelist Markus macht mit Mk 1,35 sehr bewusst bereits hier deutlich, dass die Beziehung zwischen Jesus und Gott nicht nur in der Bezeichnung als Gottessohn besteht, wie sie in der Tauferzählung ausgesprochen wurde. Mit dem Zuspruch der Himmelsstimme in Mk 1,11 wird Jesus nicht einfach losgeschickt, um mit göttlicher Bestätigung von nun an selbstständig das Reich Gottes zu verkünden. Die Gottessohnschaft drückt sich vielmehr im stetigen In-Beziehung-Stehen mit Gott aus, wie sie das Gebet am Ende der Kafarnaum-Erzählung verdeutlicht. Weil dieser Dialog mit dem Vater so wesentlich, unverzichtbar und intim ist, lässt der Evangelist Markus das Nachjagen der Jünger so negativ erscheinen.

Die Verkündigung in Vollmacht, die aus der Beziehung zum Vater erwächst, und der Weg Jesu, der durch die Sendung bestimmt ist – diese beiden Erzählzüge helfen, die weitere Erzählung vom Wirken Jesu zu verstehen. Und sie helfen den Lesern in der Gemeinde des Markus, aber auch der Kirche von heute, ihr eigenes missionarisches Wirken unter diese beiden Leitaspekte zu stellen.

Kunst etc.

1

Die Buchmalerei zeigt die Heilung der Schwiegermutter des Simon Petrus. Sie stimmt aus dem Codex Egberti, einer Evangelienhandschrift aus dem 10. Jahrhundert, die im Kloster Reichenau für den Trierer Bischof Egbert hergestellt wurde.

Auf der linken Site sind die vier Jünger dargestellt, die Jesus bislang berufen hat. Die rechte Seite zeigt die niederliegende Schwiegermutter und offenbar ihren Mann. Beide Seitengruppen sind auf Jesus in der Bildmitte hin orientiert (Blickrichtung der Augen), der offenbar gerade die Hand der Frau nehmen will.