Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Apg 9,26-31)

26Als er nach Jerusalem kam, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen. Aber alle fürchteten sich vor ihm, weil sie nicht glaubten, dass er ein Jünger war.

27Barnabas jedoch nahm sich seiner an und brachte ihn zu den Aposteln. Er berichtete ihnen, wie Saulus auf dem Weg den Herrn gesehen habe und dass dieser zu ihm gesprochen habe und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu aufgetreten sei.

28So ging er bei ihnen in Jerusalem ein und aus, trat freimütig im Namen des Herrn auf

29und führte auch Streitgespräche mit den Hellenisten. Diese aber planten, ihn zu töten.

30Als die Brüder das erkannten, brachten sie ihn nach Cäsarea hinab und schickten ihn von dort nach Tarsus.

31Die Kirche in ganz Judäa, Galiläa und Samarien hatte nun Frieden; sie wurde gefestigt und lebte in der Furcht des Herrn. Und sie wuchs durch die Hilfe des Heiligen Geistes.

Überblick

Vom Mut, der belohnt wird. Paulus und die Apostel finden zusammen.

1. Verortung im Buch
Der Evangelist Lukas fügt seiner Erzählung vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazareth im Lukasevangelium (Lk) einen zweiten Teil hinzu. In der Apostelgeschichte (Apg) schildert er das Wirken der Apostel nach der Himmelfahrt Jesu und berichtet sowohl vom Leben der ersten Gemeinde in Jerusalem als auch von der Ausbreitung der christlichen Botschaft unter den Völkern. Am Anfang seiner Erzählung steht Jerusalem als Ort der Himmelfahrt und des Pfingstereignisses im Mittelpunkt, nach dem Tod des Stephanus dehnt sich dieser Fokus auf Judäa und Samaria hin aus. Petrus ist die zentrale Figur dieses ersten Teils (Apg 1-12,24). Im zweiten Teil (Apg 12,25-28,31) ist Paulus die prägende Gestalt der Erzählung. Lukas berichtet davon, wie er die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, nach Kleinasien (heute Türkei), Griechenland und zuletzt Rom trägt.
Doch bereits bevor Paulus zum Mittelpunkt der Erzählung wird, ist er als Person präsent. Bereits bei der Steinigung des Stephanus, wurde er als Zeuge benannt (Apg 8,1). In Apg 9,1-22 wird dann ausführlich geschildert, wie aus dem ursprünglichen Christenverfolger durch eine visionäre Begegnung mit dem Auferstandenen bei Damaskus ein Verkündiger des Evangeliums wurde. Diese Wandlung war nicht allen geheuer und so muss Paulus unfreiwillig Damaskus, wo er seine Verkündigung in den Synagogen beginnt verlassen (Apg 9,19b-25). So gelangt er nach Jerusalem, wo der Lesungsabschnitt einsetzt.

 

2. Aufbau
Vers 26 führt in die neue Situation (Paulus in Jerusalem) ein. Vers 27 verweist auf die vermittelnde Tätigkeit des Barnabas, bevor die Verse 28-30 das Wirken des Paulus in Jerusalem und den daraus entstehenden Konflikt schildern. Vers 31 fasst die Situation der jungen Gemeinde zusammen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 26: Obwohl Paulus letzter Aufenthalt in Jerusalem durch sein Mitwirken (oder seine Zeugenschaft) bei der Steinigung des Stephanus und seine Verfolgung der Christen geprägt war, ist dies der Ort seiner Wahl nach der Flucht aus Damaskus. Wie sehr sein Wirken und Wüten gegen die christliche Gemeinde Spuren hinterlassen hat, hatte Lukas in Apg 8,1b-4 beschrieben. Es spiegelt sich aber auch hier in der „Furcht“ der Jünger wieder. Vers 26 zeigt aber auch, dass es wieder oder immer noch eine christliche Gemeinde in Jerusalem gibt, damit hatte die Verfolgung des Paulus dort keinen anhaltenden Erfolg bzw. die Stärke der Gemeinde ist größer als der Widerstand gegen sie. Wie auch in Damaskus ist das größte Problem des Paulus, dass nur schwer vermittelbar ist, wie aus dem einstigen Verfolger nun ein Anhänger Jesu geworden ist (vgl. Apg 9,21-22).

 

Vers 27: Barnabas, der später ein regelmäßiger Begleiter auf den Missionsreisen des Paulus ist, tritt als Vermittler für Paulus auf. Er stellt die Verbindung zwischen ihm und den Aposteln her und scheint in gewisser Form für ihn zu „bürgen“. Jedenfalls werden den Aposteln durch die Mithilfe des Barnabas sowohl die Begegnung mit dem Auferstandenen als auch der Freimut des Paulus in der Verkündigung bekannt.

 

Verse 28-30: Wie sehr die Vermittlung des Barnabas als Türöffner für Paulus dient, zeigen die folgenden Verse. Zum einen wird Paulus nun selbstverständlich zur Gemeinschaft der Zeugen Jesu gezählt. Lukas formuliert in Anlehnung an Apg 1,21, dass Paulus bei den Aposteln „ein und aus geht“. Zum anderen wird das „freimütige“ Bekenntnis des Paulus betont. Damit wird von ihm das ausgesagt, was zuvor nur das Handeln der Apostel prägte, so zum Beispiel bei der Rede von Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat (Apg 4,13). Außerdem steigt er – der bei der Steinigung des Stephanus dabei war – quasi in dessen Fußstapfen, wenn Paulus nun vor allem mit den Hellenisten Streitgespräche führt (Apg 6,9). „Hellenisten“ sind Juden, deren Muttersprache Griechisch ist und die daher auch stark von der griechischen Kultur geprägt sind.

Mit dem Plan der Hellenisten, Paulus zu töten, wiederholt sich die Reaktion aus Damaskus. Und wie dort gelingt es vor der Tat, die Stadt zu verlassen. Wie in Damaskus (Apg 9,23-25) braucht Paulus auch hier die Unterstützung seiner neuen Glaubensgemeinschaft, um unbeschadet fliehen zu können.

 

Vers 31: Zusammenfassend beschreibt Lukas die Situation der jungen Kirche. Überall dort, wo das Wort verkündet worden war (Galiläa, Samaria und Judäa), kann die Gemeinde nun in Frieden und damit ohne Angst vor weiterer Verfolgung leben. Dies zeigt sich auf doppelte Weise: Zum einen leben die Christen in der Furcht des Herrn, was nichts anderes meint als: Die Christen halten an der Überlieferung Jesu in Wort und Tat fest. Bei früheren Summarien (z.B. Apg 2,43-47) hatte Lukas dies bereits ausführlicher beschrieben. Zum anderen wächst die Gemeinschaft mithilfe des Heiligen Geistes. 
Ziel der Zusammenfassung am Ende von Kapitel 9 ist es, zu zeigen, dass durch göttliche Kraft (Heiliger Geist) und das vorbildliche Leben der Gemeinde (leben in der Furcht des Herrn) die Christen in ihrer Gemeinschaft gefestigt wurden und an Zuspruch gewannen.

Auslegung

Das Wort „Freimut“, das im heutigen Lesungstext gleich zweimal auf Paulus angewendet wird, ist in der gesamten Apostelgeschichte ein Schlüsselbegriff. Er kennzeichnet nicht nur den Paulus, sondern insgesamt das Auftreten der Jesus-Zeugen. Er steht für ein furchtloses Bekenntnis zu der Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu. Er bezeichnet aber auch eine Unerschrockenheit gegenüber den Bedrängnissen, die die junge Gemeinde immer wieder erleben muss. Lukas, der zeigen möchte, dass die Apostel als Nachfolger Jesu immer wieder in ähnliche Situationen geraten wie Jesus selbst, er zeigt nicht nur die Ähnlichkeit der Herausforderung, sondern auch die Ähnlichkeit der Standhaftigkeit. Ob vor Gericht wie Petrus und Johannes, vor dem Volk wie Paulus in der heutigen Lesung oder selbst in der Haft wie Paulus am Ende der Apostelgeschichte – die Jünger Jesu lassen sich nicht beirren. Sie sind und bleiben, gestärkt durch den Heiligen Geist, die treuen Zeugen, zu denen Jesus sie beruft (Apg 1,8).

Interessanterweise benötigen die Apostel in der heutigen Perikope ihr wichtigstes Merkmal aber nicht nur nach außen, sondern auch nach innen – also in die Gemeinschaft der Christen hinein. Paulus, der sich sicher bewusst ist, dass man sich in Jerusalem noch an ihn und seine Taten erinnert, er geht freiwillig dorthin, wo er brutal gewütet hat (Apg 8,1-4). Er hat das Ziel vor Augen, mit den Apostel zusammenzutreffen, mit denen, die Urzeugen der Auferstehung sind und Lebensbegleiter Jesu waren. Dieser Wunsch, sich endlich „richtig“ den Zeugen anzuschließen, lässt ihn nach Jerusalem gehen – wohlwissend, dass ihn dort so manche Herausforderung erwartet. Er geht mit Mut voran und auf die Apostel zu, in der Hoffnung, dass das Verbindende stärker ist als das Trennende. Und auch die Apostel müssen letztendlich all ihren Mut zusammennehmen oder sich sogar von Barnabas erst ermutigen lassen. Ihr erster Impuls angesichts der Gegenwart des Paulus ist Furcht! Sie sind unsicher, was von diesem ehemaligen Verfolger zu erwarten ist. Unsicher, ob sie ihm und seiner Bekehrungsgeschichte Glauben schenken sollen. Barnabas legt Fürsprache für Paulus ein und baut eine Brücke. Er schafft die Grundlage, dass die Apostel den Mut haben, Paulus mit seiner Vergangenheit in ihre Mitte aufzunehmen.
Der so oft genannte Freimut ist nicht nur Kennzeichen der Zeugen Jesu nach außen, er wird in dieser Episode auch zum Zeugnis nach innen. Paulus auf der einen Seite und die Apostel auf der anderen, sie fassen den Mut, sich einander anzunähern, die Vergangenheit ruhen zu lassen und auf das zu schauen, was sie verbindet: den Freimut des Bekenntnisses. Es braucht Mut, ihm anderen, der zunächst fremd ist, jemanden zu entdecken, der zu einem gehört. Es braucht Mut, um in eine Gefahrensituation hineinzugehen und darauf zu vertrauen, dass die anderen das Verbindende entdecken.
Vielleicht ist es genau dieser Mut nach innen, den man auch Vertrauen nennen kann, der den Freimut nach außen glaubwürdig macht und so der Kirche zu Frieden, Festigkeit und Wachstum verhilft, wie es Lukas in Vers 31 zusammenfasst.