Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 1,7-11)

7Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.

8Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

9Und es geschah in jenen Tagen, da kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.

10Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.

11Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.

Überblick

Wenn der Himmel zerspringt. Die Taufe Jesu und die Sichtbarkeit der Gegenwart Gottes.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).

Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-15) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,16-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).

 

 

2. Aufbau
Die Lesung aus dem Evangelium verbindet zwei an sich selbstständige Erzählungen: Die Darstellung des Täufers (Mk 1,2-8) und die Taufe Jesu (Mk 1,9-11). Dies wird deutlich in Vers 9, der eindeutig einen Neueinsatz gegenüber den Versen 7-8 markiert und Jesus in die zuvor bereits geschilderte Tauftätigkeit des Johannes eingliedert.
Bei der Darstellung der Taufe ist die szenische Einleitung (Vers 9) von den beiden Versen zu unterscheiden, die das „eigentliche“, nicht-sichtbare Geschehen wiedergeben (Verse 10-11).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 7-8: Die Darstellung Johannes des Täufers hatte der Evangelist Markus mit einer Schilderung seines Wirkens und einer Vorstellung der Person eingeleitet (Mk 1,2-6). Nun lenkt Markus den Blick von den Taten auf die Worte des Täufers; im Mittelpunkt steht das zentrale Wort der Verkündigung. Inhalt der Verkündigung ist die Aussicht auf das Kommen eines Stärkeren. Dies wird verdeutlicht im Bild vom Lösen der Sandalen, das eine Sklaventätigkeit darstellt. 
Die „Wassertaufe“ des Johannes als Taufe, die die innere Umkehrbereitschaft signalisiert, wird durch die Vergangenheitsform des Verbs „taufen“ als abgeschlossen charakterisiert. Sie wird durch die „Geisttaufe“ abgelöst, die bei den Lesern des Evangeliums sicher Erinnerungen an die Verheißung einer Geistausgießung am Ende der Zeit weckt (Joel 3,1-2). Zugleich dürfte die Gemeinde ihre eigene christliche Taufpraxis hierin wiedererkennen.

 

Vers 9: Die Formulierung „und es geschah“ markiert einen Neueinsatz. Dies wird dadurch verstärkt, dass noch einmal die Tauftätigkeit des Johannes am Jordan beschrieben wird. Zu dem bereits bekannten (Johannes der Täufer tauft am Jordan) tritt nur eine kleine Neuinformation: Jesus von Nazaret in Galiläa ist Teil dieses Gesamtgeschehens und tritt so das erste Mal in Erscheinung. Mit dem Hinweis auf die Herkunft Jesu aus Nazaret in Galiläa betont der Evangelist, dass Jesus aus einer anderen Gegend kommt als die Menschen, von denen im Vers 5 die Rede war („ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems“). Jesus kommt also nicht als Teil der geschilderten Massenbewegung.

 

Verse 10-11: Wurde das Ereignis der Taufe Jesu in Vers 9 fast beiläufig erwähnt, legt der Evangelist großen Wert auf das, was mit dem Geschehen als audio-visuelles Ereignis verbunden ist. Was in den Versen 10-11 geschildert wird ist als Vision nur Jesus selbst zugänglich – und den Lesern des Evangeliums. Dabei inszeniert der Evangelist gekonnt, indem er mit der Aufwärtsbewegung Jesu aus dem Wasser eine Abwärtsbewegung aus dem Himmel verbindet. Während Jesus aus dem Wasser steigt, steigt der Heilige Geist „wie eine Taube“ also flüchtig, schwebend, nicht greifbar auf ihn herab. Der Vergleich des Geistes Gottes mit einer Taube hat keine direkte biblische Parallele, allerhöchstens ist an die Taube zu denken, die Noah vom Wirken Gottes kündet (Genesis 8,9). In der rabbinischen Literatur wird das Schweben des Gottesgeistes über der Urflut (Genesis 1,2) mit dem Schweben eines Vogels verglichen.
Das Kommen des Geistes wird durch den Neueinsatz („und sogleich“) jedenfalls von dem Taufakt des Johannes getrennt. Was nun geschieht, wird ganz der himmlischen Sphäre zugerechnet. Das Aufreißen des Himmels (schizomenous, griechisch: σχιζοµενους, deutsch: zerreißen, sich aufspalten, zerspringen) zeigt dies mit einem starken Bild. Zu der visuellen Erscheinung tritt eine Audition hinzu, denn eine himmlische Stimme spricht Jesus direkt an. Um diese direkte Ansprache hervorzuheben hat der Evangelist Markus einen Vers aus Psalm 2 verwendet und auf sein Anliegen hin angepasst. Heißt es dort „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“ (Psalm 2,7), stellt Markus die direkte Anrede nach vorne „DU bist mein geliebter Sohn“. Da Psalm 2 auf einen messianischen König hin spricht, wird dieser Deutungshintergrund den Lesern des Evangeliums sofort auffallen. Dieser Jesus aus Nazaret ist der erwartete Retter, der Gesalbte. Was Markus bereits in der Überschrift seiner Jesusgeschichte deutlich gemacht hatte (Mk 1,1), wird nun auch erzählerisch eingeholt. Gott selbst bestätigt so, was zuvor nur behauptet wurde: Jesus von Nazaret ist der Gesalbte, der Messias. Und er ist der Sohn Gottes, auch hier trifft sich das Statement aus Mk 1,1 mit der Taufperikope. Der zweite Teil des Himmelswortes in Mk 1,11 erinnert an Jesaja 42,1 und die Vorstellung des Gottesknechtes, der als Erwählter beschrieben wird, an dem Gott Gefallen gefunden hat („Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.“). Auch hier geht es um das rettende und erlösende Eingreifen Gottes für sein Volk.

Auslegung

Nahezu unscheinbar betritt der eigentliche Hauptdarsteller die Bühne des Evangeliums. Der Evangelist berichtet von seinem Kommen aus Nazaret und seiner Taufe durch Johannes und lässt ihn zunächst wortlos bleiben. Viel interessanter als das, was Jesus hier selbst tut, ist das, was an ihm geschieht. So liegt der Akzent der Taufdarstellung auf den Versen 10-11. Und in ihnen wird Jesus selbst und den Lesern des Evangeliums mit nahezu brachialer Deutlichkeit vor Augen geführt: Hier steht nicht das Handeln und Wirken des Menschen im Vordergrund, sondern das Handeln und Wirken Gottes. Das Verb, mit dem Markus das Zerreißen des Himmels in Vers 10 darstellt, ist ein wichtiges Indiz dafür. Nicht nur, weil es so gewaltig und kraftvoll beschreibt, wie der Himmel sich öffnet, damit auf der Erde ein neues Kapitel der Geschichte Gottes mit den Menschen beginnt. Das Wort (schizomenous, griechisch: σχιζοµενους, deutsch: zerreißen, sich aufspalten, zerspringen) ist für die christlichen Leser wohl ein geprägtes und bekanntes Wort der apokalyptischen Sprache. Es zeigt an, dass die geschilderten Ereignisse etwas Verborgenes offenbaren und dass in den Geschehnissen Gottes Wirken unmittelbar erkennbar ist. So wird der Begriff des Zerreißens, Zerspringens und sich Aufspaltens gerade bei der Darstellung der Passionsereignisse verwendet. In der Todesstunde Jesu zerreißt der Vorhang des Tempels und eröffnet damit den Blick auf das Allerheiligste, den Ort der Gegenwart Gottes (Mk 15,38 und im Matthäus- und Lukasevangelium). Das Matthäusevangelium fügt noch einen weiteren Akzent hinzu, wenn dort von der Spaltung der Felsen und dem Hervortreten der Heiligen die Rede ist (Matthäusevangelium 27,51). Auch wenn vielleicht nicht alle Leser die wörtliche Tradition im Ohr hatten, so doch das Bild der Passionsereignisse. Und diejenigen, die damit nicht vertraut waren, werden doch sofort das Bild erfasst haben. Wenn der Himmel sich selbst zerreißt, wenn er zersplittert, wenn er sich spaltet – dann steht er offen! Dann ist das, was Gott und Menschen „räumlich“ trennt, überwunden, zumindest für einen Augenblick. Dann lässt sich ein Blick erhaschen auf Gottes Wirklichkeit. Genau dazu dient die Darstellung der Taufe Jesu im Markusevangelium. Markus, der keine Verkündigungsszene erzählt und nichts über die Geburt Jesu berichtet, gibt seinen Lesern hier den entscheidenden Hinweis. Die Geschichte des Jesus von Nazaret, der sich wie viele andere von Johannes taufen lässt, ist doch keine Geschichte wie jede andere. Es ist die Erzählung von Gottes Sohn, von einem Menschen, in dem Himmel und Erde zusammenkommen. Wo er heilen und Not lindern, ermutigen wird, wo er vom Reich Gottes erzählen wird, da zersplittert die „Trennscheibe“ zwischen Himmel und Erde und die Wirklichkeit Gottes wird sichtbar. Aus genau diesem Grund wird in der Todesstunde, wenn der Vorhang zerreißt und Jesus stirbt, der römische Hauptmann das erste öffentliche Bekenntnis des Markusevangeliums aussprechen: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39).

Kunst etc.

Johann Friedrich Glocker, Public domain, via Wikimedia Commons
Johann Friedrich Glocker, Public domain, via Wikimedia Commons

Das Gemälde von Johann Friedrich Glocker (1718-1780), „Taufe Jesu“, auf der Empore der evangelischen Kirche Wolfschlugen (Stuttgart) reduziert das Geschehen auf irdische Taufe und himmlische Intervention.