Lesejahr B: 2023/2024

Evangelium (Mt 2,1-12)

21Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem

2und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.

3Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.

4Er ließ alle Hohepriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Christus geboren werden solle.

5Sie antworteten ihm: in Betlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben bei dem Propheten:

6Du, Betlehem im Gebiet von Juda, / bist keineswegs die unbedeutendste / unter den führenden Städten von Juda; / denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, / der Hirt meines Volkes Israel.

7Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.

8Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach dem Kind; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige!

9Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.

10Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.

11Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

12Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.

Überblick

Eine Erschütterung der Macht wird spürbar mit der Geburt Jesu, des Mannes aus dem Königsgeschlecht Davids. Zu welchen unterschiedlichen Reaktionen dies führt, zeigt uns die Erzählung von der Reaktion des jüdischen Königs Herodes und dem Aufbruch der heidnischen Sterndeuter.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium setzt mit dem Stammbaum Jesu ein. Durch ihn wird Jesus als Sohn Davids, weil aus seinem Geschlecht abstammend gezeichnet (Matthäusevangelium (Mt) 1,1-17). Im Anschluss folgt die „Vorgeschichte“ der Geburt, die sich vor allem auf Josef konzentriert (Mt 1,18-25). Die eigentliche Geburt wird am Ende von Kapitel 1 kurz erwähnt und ist das Bindeglied zur vorliegenden Stelle. Nach der Huldigung der Sterndeuter schließen sich die Flucht nach Ägypten (Mt 2,13-15) und die Erzählung vom Kindermord in Bethlehem (Mt 2,16-18) an.

 

2. Aufbau
Die Erzählung besteht nach den einleitenden Versen 1-2 aus zwei Hauptteilen, die ähnlich aufgebaut sind: In den Versen 3-9a geht es um die Begegnung der Sterndeuter mit dem jüdischen König Herodes. In den Versen 9b-12 wird die Begegnung der Sterndeuter mit dem Kind, dem neuen, ganz anderen König in Bethlehem erzählt.
Dabei entspricht die Bestürzung des Herodes und seiner Gefolgsleute (Vers 3) der großen Freude der Sterndeuter (Vers 10) als Reaktionen auf die Geburt des Kindes. Der böse Plan des Herodes (Verse 7-9a) steht dem Plan Gottes (Vers 12) gegenüber.
Wiederkehrende Motive sind der Stern, der die Männer aus dem Osten leitet (Verse 2 und 9), und die Frage nach dem neugeborenen König bzw. Kind in den wörtlichen Reden (Verse 2 und 8).

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 1-2: Hinter der deutschen Übersetzung der Sterndeuter steht der griechische Begriff der Magoi (griechisch: μάγος, Magier, Sterndeuter, Zauberer). Der Begriff bezeichnet die Angehörigen der persischen Priesterkaste, aber auch allgemein die Vertreter östlicher Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften, wozu auch Astrologie gehörte. Weil sie neben der wissenschaftlichen Ausrichtung auch den Beiklang des Magischen haben, werden sie sowohl positiv wie auch negativ wahrgenommen. Obwohl das jüdische Volk der Zauberei aufgrund der biblischen Überlieferung eher ablehnend gegenüber steht, kann es sich den Einflüssen der Umwelt und der Faszination nicht ganz entziehen. Die Leser des Matthäusevangeliums werden aufgrund ihrer jüdischen Vergangenheit eher skeptisch auf die Sterndeuter geschaut haben.

Wenn Matthäus von „seinem Stern“ spricht, scheint er einerseits die verbreitete Vorstellung, dass jeder Mensch einen Stern hat, aufgenommen zu haben, aber auch an Sterne als Zeichen des Königtums gedacht zu haben. Ganz klar ist aber auch, für ihn ist der Stern in erster Linie ein wundersames Zeichen (der Führung Gottes), das den Sterndeutern den Weg nach Bethlehem weist.

 

Verse 3-4: Matthäus lässt eine ungewöhnliche Allianz entstehen, wenn er sagt, dass Herodes und ganz Jerusalem erschrecken und Herodes die Hohepriester und Schriftgelehrten zusammenruft. Der Leser erwartet eigentlich nicht, dass diese Gruppen gemeinsame Sache machen, denn Herodes war unbeliebt beim Volk und sicher auch bei den genannten Gruppen. Doch für den Evangelisten ist es wichtig, die Widersacher des Kindes deutlich und umfassend zu benennen. Wenn er von Herodes, den Hohepriestern und Schriftgelehrten und ganz Jerusalem spricht, dann bildet er schon zu Beginn der Jesuserzählung eine Front der Ablehnung, die dem Kind gegenübersteht. Und Jerusalem wird von Anfang an zum Ort der Bedrohung, was sich in der Passionsgeschichte dann auch bewahrheitet. Interessanterweise ist erst in der Passionsgeschichte im Matthäusevangelium wieder vom „König der Juden“ die Rede. Seine Andeutung, die Stadt und ihre Bewohner, würden den Tod Jesu wollen, wird in der Passionsgeschichte aufgenommen, wenn es durch das Volk heißt: „Da rief das ganze Volk aus: Sein Blut – über uns und unsere Kinder!“ (Mt 27,25).

Indem Herodes in seiner Erkundigung nach dem Neugeborenen den Titel „Christus“, Messias, verwendet, wird deutlich, dass er sich nicht nur vor einem neuen König, sondern auch vor dem Messias fürchtet, den Israel durch die Ankündigung der Propheten erwartet und erhofft. Der Titel „König der Juden“ wird erst in der Passionsgeschichte wieder auftauchen (z.B. Mt 27,11), so dass der Evangelist auch hier einen Bogen vom Anfang der Jesuserzählung zu ihrem Ende spannt.

 

Verse 5-6: Das Zitat im Mund der Schriftgelehrten und Hohepriester weist auf die Herkunft des Messias aus der Davidstadt Bethlehem hin, allerdings ist es nicht nur einem prophetischen Buch entnommen, sondern stellt vielmehr eine Kombination aus dem Buch Micha (5,1-3) und dem 2. Buch Samuel (5,2) in der griechischen Fassung dar.

 

Verse 11-12: Zum dritten Mal ist innerhalb der kurzen Erzählung vom „Huldigen“ die Rede (auch Vers 2 und 8). Dahinter steht der griechische Begriff der Proskynese (προσκύνησις, deutsch: Kuss auf etwas), der in der griechischen Welt die Verehrung von Göttern, in der orientalischen Kultur aber auch die Verehrung von höherrangigen Menschen und vor allem Königen durch Niederfallen und Ehrenkuss bezeichnet.

Die Gaben sind in sich Zeichen der Ehrerbietung. Gold als Edelmetall ist mit dem Königtum und Reichtum verbunden. Aber auch Weihrauch und Myrrhe, beide aus dem Harz der Bäume gewonnen, sind mit kultischen und magischen Praktiken, Hochzeitszeremonien und kosmetischen Behandlungen verknüpft, stellen aber vor allem teure Luxusgüter aus fernen Ländern dar.

Auslegung

Die gesamte Erzählung beruht auf der Gegenüberstellung zweier Lebenshaltungen für die die beiden Personengruppen des Abschnitts stehen: Ablehnung und Abgrenzung sowie Neugier und Vertrauen. Herodes und die führenden Personen des Volkes sind von der Ankündigung eines neugeborenen Königs so erschrocken (Vers 3), dass sie sich gleichermaßen in ihren Autoritäten infrage gestellt sehen. So kann Matthäus die eigentlich sonst nicht miteinander eng verbundenen Personen (Herodes und die Hohepriester und Schriftgelehrten) sogar in einem gemeinsamen Interesse zeichnen. Herodes sieht unmittelbar seinen Anspruch auf das Königtum gefährdet, die religiösen Autoritäten fürchten direkt um ihren Einfluss. Auch wenn sich eine Konfrontation zwischen der Vollmacht Jesu und den Autoritätsansprüchen der anderen erst im Evangelium entfaltet, Matthäus zeigt seinen Lesern direkt am Anfang der Geschichte, dass sich dieser Konflikt sofort anbahnt: Die göttliche Macht Jesu und seine ganz andere Art des Königtums, seine Verkündigung vom Königreich der Himmel und sein Umgang mit dem Gesetz sind mit den „ehemaligen“ Autoritäten (König, Schriftgelehrte, Hohepriester) nicht so einfach kompatibel. Die Leser, die das Ende der Jesusgeschichte kennen, merken anhand der Erzählung von den Sterndeutern und Herodes sofort, dass sie auf diesen Konfliktstoff achten sollten und sie wissen auch, dass sich die Reaktionen der jüdischen Autoritäten am Anfang des Evangeliums nur der Anfang sind für das, was sich in Auslieferung und Kreuzigung später ereignet. Vor diesem Hintergrund wird ihnen die Darstellung, dass sich ganz Jerusalem erschrickt (Vers 3) durchaus plausibel erscheinen. Herodes und ganz Jerusalem sehen sich bedroht durch das Unbekannte, vermeintlich Bedrohliche. Sie sehen es ihrer Verfügbarkeit entzogen, was dort passiert. Sie, die sonst die Geschichte gestalten und auf unterschiedliche Weise Macht ausüben, ängstigen sich angesichts der unübersichtlichen Lage. 
Ihnen gegenüber stehen die Sterndeuter, die nur aufgrund eines himmlischen Zeichens losziehen und voller Neugier auf das Unbekannte treffen. Sie vertrauen sich dem Unbekannten in doppelter Weise an: dem Stern, der sie auf nicht vorgezeichneten Wegen in ein fernes Land führt, und dem neugeborenen König, von dem sie erst einmal nicht wissen können, wie sich seine Macht auf ihr Leben auswirkt. Der Schrecken des Herodes, ist die Freude der Magier. Das Eintreffen beim Kind und damit die Erfüllung der Verheißung, die sich mit dem Stern verband, lassen sie in Freude und Ehrerbietung verfallen. Und auch auf ihrem Weg zurück prägt diese Haltung: Sie folgen der Vision, die sie im Traum ereilte und vor Herodes warnt, und ziehen auf anderem Weg zurück nach Hause. Sie vertrauen dem, was sie sehen (Stern) und dem, was sie hören/erleben (Traum). Ohne das Matthäus es explizit erwähnt (anders als der Engel, der Josef erscheint), werden der Stern und der Traum zu Zeichen der Führung Gottes. Er ist es, der die Sterndeuter unbekannt lenkt, und sie folgen dieser Führung vertrauensvoll. Mit dieser Haltung werden die Sterndeuter, die den jüdisch geprägten Christen der Gemeinde mit ihrem Wissen eher fremd sind, zu Vertrauten. Die eigentlich Fremden können zu Vorbildern und Identifikationsfiguren der christlichen Gemeinde werden: Das Hinterherziehen hinter dem Stern und das anbetende Niederfallen vor dem Kind zeigen die Haltung des Vertrauens und die Bewunderung und Freude über Gottes Gegenwart. Welcher Leser dieser Erzählung würde nicht auch gerne so leben?

Kunst etc.

Die Erzählung von den Sterndeutern im Matthäusevangelium hat eine weitreichende legendarische Weiterentwicklung erlebt, so wie Matthäus seinerseits wohl auch auf eine bereits vorhandene Überlieferung aufbaute.

Eine Weiterentwicklung von Sterndeutern zu Königen erfolgte durch den Bezug auf Ps 72,10 und Jes 60,6, wo von Königen die Rede ist, die mit ihren Gaben einem König huldigen bzw. nach Jerusalem ziehen. 
Die Herkunft der Magier wurde in zwei unterschiedlichen Traditionen mit Arabien oder Persien verbunden. 
In der westlichen Kirche gibt es seit Origines die Festlegung auf die Zahl drei, in der syrischen Kirche ging von 12 Magiern aus. 
Als Zeitpunkt der Geburt galt seit Augustinus der dreizehnte Tag nach der Geburt, so wurde auch das Epiphaniefest zunehmend zum Dreikönigsfest, nachdem es zunächst im Westen und Osten als Weihnachtsfest gefeiert wurde. 
In der Westkirche wurde das Epiphaniefest zugunsten des Weihnachtsfestes am 25. Dezember weniger bedeutend, während in der Ostkirche weiterhin der 6. Januar als Weihnachtsfest gefeiert wird. 
Erst im 6. Jahrhundert kommen die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar hinzu. Mit ihnen werden auch jedem Charakter ein entsprechendes Lebensalter zugeordnet: Kaspar ist ein Jüngling, daher meist ohne Bart dargestellt. Melchior ist der Älteste, ein Greis mit Bart. Balthasar ist mittleren Alters und zunächst dunkel, später als Schwarzer abgebildet.
Außerdem wird die Rückkehr der Magier per Schiff und ihre spätere Bekehrung durch den Heiligen Thomas sowie ihre Weihe zu Priestern legendarisch berichtet.

Die Verehrung der Gebeine der Heiligen Drei Könige entsteht im deutschen Raum nach 1164. Kaiser Friedrich Barbarossa überließ nach der Eroberung Mailands und der Mitnahme der Gebeine diese seinem Kanzler, Rainald von Dassel, der zugleich Erzbischof in Köln war. Dort entstand um den großen Schatz, den die Reliquien der Magier darstellten, nicht nur ein goldener Schrein, sondern ab 1248 der Kölner Dom als großer Schrein, das kostbare Gut im Inneren entsprechend zu umhüllen.

Mitteltafel des Dreikönigsaltars von Stefan Lochner, heute im Kölner Dom.