Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 16,1-7)

161Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.

2Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

3Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?

4Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.

5Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.

6Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat.

7Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Überblick

Die Liebe siegt! Bei den Frauen und bei Gott.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers, der Taufe Jesu und der Erzählung von der Versuchung Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).

 

2. Aufbau
Dem Kernpunkt der Erzählung, der Begegnung zwischen dem „Jüngling“ und den Frauen (Verse 5-7) geht eine ausführliche Einleitung voraus (Verse 1-4). Sie dient dazu, den Lesern die Situation so detailliert und anschaulich wie möglich vor Augen zu führen. Ziel ist es, einer unvorstellbaren Situation durch die Darstellung zusätzlich Gewicht zu verleihen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Die Szene am Grab wird durch die Angabe „als der Sabbat vorüber war“ deutlich von der Grablegungsszene selbst abgegrenzt. Die hier genannten Frauen sind identisch mit denen, die auch rund um die Kreuzigung erwähnt werden (Mk 15,40 und 47). Damit sind sie zum einen ein Bindeglied zwischen allen drei Szenen (Kreuzigung und Tod Jesu, Grablegung, Auffindung des leeren Grabes). Zum anderen bilden sie die einzigen Gefährten Jesu, die auch in den Stunden von Tod und Auferstehung den Kontakt halten. Waren zunächst alle Jünger in Mk 14,50 geflohen, hatte sich Petrus noch einmal in die Nähe des Geschehens gebracht (Mk 14,54), um dann im entscheidenden Moment zu versagen (Mk 14,66-72). Die Frauen, die durch die Aussage „sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient“ als langfristige Jüngerinnen gekennzeichnet werden, sind damit nicht nur „zufällige“ Zeuginnen der Ereignisse. Dies zeigt sich ebenfalls im absichtsvollen Gang der Frauen zum Grab. Sie wollen nachholen, was aufgrund der Zeitnot zu Beginn des Sabbats vor dem Begräbnis nicht möglich war: dem lieben Verstorbenen mit wohlriechenden Ölen die letzte Ehre erweisen.
Da sie ihr Vorhaben nicht ausführen können, gewinnt die Aussage Jesu über die Salbung in Betanien an doppelter Bedeutung (Mk 14,9).

 

Verse 2-4: Noch einmal wird das Geschehen zeitlich eingeordnet. Die dreimalige Angabe: „am ersten Tag der Woche“, „in aller Frühe“, „als eben die Sonne aufging“ wirkt fast überbordend. Der Evangelist Markus gibt einen Einblick in das Innenleben der Frauen, die sich aufgrund ihrer Kenntnis des Begräbnisortes Sorgen machen, wie sie zum Leichnam gelangen können. Dass sie dennoch zum Grab unterwegs sind, zeigt einerseits ihre innere Regung, andererseits steht für Markus nicht im Vordergrund die innere Logik des Handelns abzubilden. Er denkt vom „Ergebnis“, welches in Vers 4 dargestellt wird: Der „sehr große“ Stein „wurde weggewälzt“. Die Betonung der Größe und Umschreibung des Faktums betont das wundersame Ereignis. Nicht von Menschenhand scheint der Stein wegbewegt worden zu sein.

 

Verse 5-7: Die Frauen betreten das Felsengrab. Was sie zu sehen erwarten, wird nicht thematisiert, wohl aber, wem sie begegnen. Ein junger Mann, mit einem weißen Gewand empfängt sie. Die weiße Bekleidung ist ein Anzeichen dafür, dass es sich um einen Himmelsboten bzw. jemand aus dem Wirkungsraum Gottes handelt. In der Verklärungserzählung hatte der Evangelist Jesus selbst in weißem Gewand dargestellt und so auf die himmlische Wirklichkeit der Szene verwiesen (Mk 9,3). Die Reaktion der Frauen zeigt deren Verständnis an. Furcht ist die klassische Antwort auf die Begegnung mit Gott oder seinen Boten.
Die Mitteilung des Jünglings hat – nach der Ermutigung „erschreckt nicht“ – drei Zielrichtungen: 1) Sie identifiziert den Ort, den die Frauen aufgesucht haben als Ort des Menschen Jesus. Der Jüngling spricht über seine Herkunft („von Nazareth“) und sein Schicksal („der Gekreuzigte“). Er erinnert aber auch an die Worte, die Jesus zu Lebzeiten mit seinen Gefährten geteilt hat und in denen er darauf verwiesen hatte, dass er von den Toten auferstehen werde und man sich in Galiläa wiedertreffen würde (Mk 14,28). 2) Gleichzeitig verweist der junge Mann die Frauen auf ein „neues Schicksal“ Jesu. Sie können sich durch den Blick in das leere Grab davon überzeugen, dass er das „alte“ Dasein, den Tod, hinter sich gelassen hat. Nun ist er auferstanden und nicht mehr am Ort des Todes. Vielmehr ist er dort, wo alles begann, er ist nach Galiläa vorausgegangen. 3) All diese Informationen sollen den Frauen helfen einen Auftrag auszuführen, von dem nun alles abhängen wird: Sie sollen zu den Jüngern gehen und explizit Petrus ausrichten, was geschehen und wo Jesus nun zu finden ist.

 

[Die Leseordnung lässt das Szene am leeren Grab hier abbrechen. Das erste Ende des Markusevangeliums in Vers 8 zeigt, dass die Frauen dem Auftrag des Jünglings nicht Folge leisten. Sie fliehen voll Entsetzen und berichten niemandem – so sehr fürchten sie sich: „Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich“ (Mk 16,8)]

Auslegung

So furchtlos und planlos die Frauen am frühen Morgen auf dem Weg zum Grab sind, in ihrem Handeln spiegelt sich Treue und Liebe. Sie früh wie möglich – der Evangelist zeigt dies durch die mehrfache Zeitangabe – eilen sie nach der Feiertagsruhe und dem Einkauf der Öle zum Grab. Sie sind so angetrieben vom Wunsch, dem Lehrer und Wegbegleiter die letzte Ehre zu erweisen, dass ihnen erst unterwegs auffällt, dass das Grab ja gut verschlossen ist. Und als sie das scheinbar unüberwindliche Hindernis offen vorfinden, wagen sie sich sofort und ohne Furcht hinein. Sie, die in den vergangenen Tagen das Drama um Jesus verfolgt haben, sie wollen nun sehen, was los ist. Die Frauen folgten Jesus seit dessen Verkündigung in, sie hatten seine Worte gehört und seine Wunder gesehen. Sie erlebten mit wie er, auf den sie so viel Hoffnung gesetzt hatten, schmachvoll am Kreuz starb. Wenigstens aus der Ferne standen sie ihm in der Todesstunde bei und blieben auch weiterhin in der Nähe. Nur so konnten sie das Begräbnis und den Begräbnisort mitbekommen. Damit zeigten sie mehr Treue und Furchtlosigkeit als die Zwölf und die übrigen Jünger zusammen. 
So unerschütterlich sie bis zum Grab kommen und in es hineingehen, angesichts der Nachricht des Engels ist es um die Fassung der Frauen geschehen. Der Tote ist nicht mehr da, er ist auferstanden, er geht nach Galiläa voraus – das ist zu viel. Die Botschaft sprengt das Vorstellbare! 
Womit die Frauen trotz aller Vorankündigungen Jesu nicht gerechnet haben, es ist eingetreten: Gott hat sich an Jesus von Nazareth als der treue Gott gezeigt, als ein Gott des Lebens. Als Jüdinnen glauben sie an einen Gott, der Schöpfer allen Lebens ist. Sie haben gehört, dass Propheten mit Gottes Kraft Tote wieder lebendig gemacht haben. Und sie haben durch die Verkündigung Jesu gelernt, dass Gott Leben schenkt, sich sorgt und neue Wege eröffnen will. Und nun stehen sie in einem Grab und der Tote ist nicht mehr tot, er lebt. So wundersam wie der große Stein weggewälzt wurde, so wundersam ist das, was sie nun glauben sollen: Jesus ist auferstanden, Gott hat über den Tod gesiegt. Doch nicht nur der Tod ist überwunden, auch der Hass wird seiner vernichtenden Wirkung beraubt. Schien es in der Todesstunde Jesu noch so, als hätten die gesiegt, die den Unschuldigen ans Kreuz gebracht haben, als hätten Angst, Wut und Hass gewonnen – die Botschaft des Jünglings und das leere Grab sprechen eine andere Sprache. Gott ist die Liebe, er kann gar nicht anders. Aus Liebe sendet er den Sohn und der gibt sein Leben hin, damit die Spirale der Gewalt endet und der Hass nicht das letzte Wort hat.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Frauen bei dieser Botschaft erschrecken. Es ist vielleicht weniger nicht die Furcht vor dem Unbekannten und über die Nachricht – als das Entsetzen über die Tragweite des Gesagten. Wenn dieser Jüngling die Wahrheit sagt – und davon ist bei einem Engel auszugehen – dann ist jetzt und an diesem Morgen alles möglich. Denn Gott hat gezeigt, dass wahr ist, was man von ihm sagt, dass wahr ist, was Jesus über ihn erzählt hat. Alles Reden vom Reich Gottes, alle Zeichen der Liebe, der Heilung, der Vergebung – das waren nicht nur Worte eines Mannes aus Nazareth, dem die Frauen Glauben schenkten. Es waren die Worte des Sohnes, den Gott in die Welt sandte, um die Botschaft lebendig werden zu lassen. Und diese Botschaft soll lebendig bleiben! Der Jüngling schickt die Frauen zu den Jüngern und die Jünger nach Galiläa. Dort, wo alles einst angefangen hat, dort wartet der Auferstandene auf sie. In Galiläa kann die Verkündigung des Gottesreiches von Neuem beginnen – wenn es Menschen gibt, die furchtlos die Botschaft weitertragen.

Kunst etc.

1

Die Szene aus einem Altarbild (1877) zeigt die Frauen, die scheinbar erst jetzt darüber nachdenken, wie sie mit ihren Ölen in das Grab gelangen können.