Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (1 Joh 3,18-24)

18Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.

19Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind. Und wir werden vor ihm unser Herz überzeugen,

20dass, wenn unser Herz uns verurteilt, Gott größer ist als unser Herz und alles weiß.

21Geliebte, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht;

22und alles, was wir erbitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.

23Und das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat.

24Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.

Überblick

Von Herzensurteilen und einer tiefen Gewissheit. 

1. Verortung im Brief
Der 1. Johannesbrief (1 Joh) gehört zu einem Dreier-Verbund von Briefen (1-3 Joh), deren Verfasser unbekannt ist. Da die Briefe insgesamt eine inhaltliche Nähe zum Johannesevangelium zeigen (z.B. Motiv des Erkennens 1 Joh 3,1), sind Evangelium und Briefe in der kirchlichen Tradition mit einem gemeinsamen Verfasser verbunden worden. Dies lässt sich jedoch nicht belegen, der Verfasser des Evangeliums wie der Briefe bleibt am Ende anonym. Allerdings steht der Verfasser der Briefe der Gemeinde des Johannesevangeliums und/oder dessen Verfasser nahe. Die Briefe sind in jedem Fall nach dem Evangelium und damit gegen Ende des 1. Jahrhunderts oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts verfasst. Da es inhaltlich auch Berührungspunkte mit den Paulusbriefen gibt, könnte Kleinasien (heutige Türkei) Ursprungsort der Briefe sein.
Inhaltlich reagiert der Verfasser mit dem 1 Joh auf Spaltungen und Konflikte in seiner Gemeinde. Unter anderem ist die Tatsache, dass Jesus als Gottes Sohn auch wahrer Mensch ist, ein theologischer Streitpunkt. Auch das Erleben, dass auch Christen schuldig werden und wie mit dieser Erfahrung umgegangen werden kann, ist Thema des Briefes. Die Liebe Gottes, die sich in der Menschwerdung des Sohnes und dessen Kreuzestod zeigt, als wesentliches Geschenk zu begreifen und dies im eigenen Handeln sichtbar zu machen, ist für den Verfasser daher besonders wichtig.

Die Verse 1 Joh 3,18-24 gehören einem Abschnitt an, in dem die „Bruderliebe“ und damit der Umgang der Christen miteinander den roten Faden bildet. Die Erzählung von Kain und Abel bildet die Grundlage, um die gegenseitige Liebe innerhalb der Gemeinde als sichtbares Merkmal der Liebe Gottes in den Fokus zu rücken.

 

2. Aufbau
Die Verse 18-19a verbindet die folgenden Verse mit den vorangegangenen, ist aber zugleich als Überschrift zu verstehen. In den Versen 19b-22 erfolgt eine Ermutigung der Gemeinde angesichts der Erfahrung des Scheiterns. Die Verse 23-24 formulieren ein Doppelgebot für das christliche Leben und geben die Umsetzung dieses Gebots als Markenkern der Christen zu erkennen.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 18-19a: Die Aufforderung, in „Tat und Wahrheit“ statt in „Wort und Zunge“ zu lieben, stellt den Gemeindemitgliedern vor Augen, worauf es ankommt: Lippenbekenntnisse helfen nicht, wenn den notleidenden Brüdern und Schwestern nicht konkret geholfen wird. Dies verweist zurück auf Vers 17, in dem der Autor genau dies sehr deutlich gemacht hatte. Die Pointierung dieser Forderung („Bruderliebe“) lässt die Haltung einiger in der Gemeinde durchscheinen. Sie waren offenbar der Meinung, ihr in der Taufe geschenktes Heil würde aktives Handeln in der Nachfolge Jesu (zum Beispiel in der Sorge um den Nächsten) überflüssig machen. Diese Einstellung wird sicher nicht die ganze Gemeinde umfasst haben, der Autor des 1. Johannesbriefes möchte jedoch jede Tendenz in dieser Richtung von Anfang an unterbinden bzw. diskreditieren. Deshalb ist für ihn die „Tat“ am notleidenden Mitchristen das Zeichen des „Erkennens“, ob jemand in der Wahrheit, also wirklich mit Gott verbunden lebt.

 

Verse 19b-22: Hinter diesen Versen steht die Grunderfahrung, dass es trotz persönlicher Anstrengung nicht immer gelingt, in „Tat und Wahrheit“ zu lieben. Wenn dann das Herz als Ort der Verbundenheit mit Gott ins Zweifeln gerät, dürfen sich die Christen darauf verlassen, dass Gott auch die Herzen der Menschen und den größeren Zusammenhang des Lebens sieht.
Dort, wo ein Handeln und Sprechen nach den Geboten Jesu gelingt und das eigene Herz nicht verurteilt, besteht ohnehin „Zuversicht“. Denn aufgrund des Einklangs mit dem Willen Gottes („tun, was ihm gefällt“) wird jede Bitte gewährt – alles, was erbeten wird, ist ja aus der Verbundenheit mit Gott selbst formuliert.

 

Verse 23-24: Der Autor beendet seinen Gedanken mit der Formulierung des christlichen Grundgebots. Er bezieht sich darin auf „das Gebot“, das Jesus selbst den Jüngern mitgegeben hat, und ruft seiner Gemeinde damit Johannesevangelium 13,34-35 in Erinnerung. Allerdings mit doppeltem Fokus: In einem ersten Schritt geht es um den „Namen seines Sohnes Jesus Christus“, an den die Christen glauben sollen. Der Glaube an den „Namen“ schließt das ganze Wirken und Wesen der Person ein. Die Gemeinde soll sich also zu erkennen geben als Nachfolger eines menschenliebenden Gottessohnes, der sein Leben zur Erlösung von Schuld hingibt. Der zweite Schritt betritt die gegenseitige Liebe, die „in Tat und Wahrheit“ Ausdruck findet. 
Die Umsetzung dieses Gebotes führt dazu, dass die Christen mit hinein genommen werden in die Gemeinschaft, die zwischen Vater und Sohn besteht (Johannesevangelium 10,30). So wie Vater und Sohn eins sind, so werden die Christen durch Befolgung dieses Gebotes „in Gott“ sein und Gott in ihnen. Es wird also zu einer beständigen Gemeinschaft der Glaubenden mit Gott kommen. Zeichen dieser Gemeinschaft ist der Geist, der den Christen in der Taufe geschenkt wird.

Auslegung

Der Autor des 1. Johannesbriefes zeigt sich in diesem Abschnitt als jemand, der mit den Höhen und Tiefen des persönlichen Glaubenslebens vertraut ist. Natürlich steht im Hintergrund seiner Argumentation auch die existentielle Sorge um den Zusammenhalt in der Gemeinde. Den vorhandenen Tendenzen, sich selbst als frei vom Gebot der praktizierten Nächstenliebe und Sorge um die Notleidenden zu sehen, möchte er unbedingt entgegentreten. Im Vergleich mit der Kain und Abel Erzählung hatte er das in den Versen zuvor deutlich ins Wort gebracht. Nun aber geht es um eine Positivbestimmung der christlichen Existenz und um den Umgang mit den eigenen Schwächen. Ziel und Kernpunkt des Glaubens ist für den Verfasser die tiefe und unerschütterliche Gemeinschaft mit Gott. Sie ist den Christen in der Taufe durch die Gabe des Geistes geschenkt. Greifbar wird sie dort, wo Christen nach dem Gebot Gottes handeln: Indem sie sich zu Jesus Christus und seiner Botschaft in Wort und Tat bekennen und einander lieben. Dieser doppelte Ausdruck des Gebotes bildet dabei eine Einheit. Das Bekenntnis zu einem liebenden und sich hingebenden Gottessohn ist nicht vollständig ohne das eigene Handeln dem Vorbild Jesu anzugleichen. Dazu gehört die Zuwendung zu allen Menschen, die Botschaft der Hoffnung aktiv zu verbreiten und die absolute Hingabe für die Menschen, mit denen man verbunden ist. In seiner Abschiedsrede formuliert Jesus selbst: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Johannesevangelium 15,13). Die eigene Lebenshingabe Jesu ist für den Verfasser des 1. Johannesbriefs das Beispiel für das innergemeindliche Zusammenleben. Auch dort geht es darum, für die Freunde, also die Brüder und Schwestern im Glauben, alles einzusetzen.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass der Autor in seinen Worten an die Gemeinde an dieses Gebot erinnern muss, zeigt sein Bewusstsein dafür, dass es trotz festem Wunsch und Bemühen nicht jederzeit gelingt, in der Gemeinde wie Freunde zu agieren. Gerade die Wachsamkeit für die Not der Schwestern und Brüder war offenbar ein Problem. So scharf wie es vorher hieß, dass man sein Herz nicht vor der Not der anderen verschließen soll, so einfühlsam wird jetzt mit dem Scheitern umgegangen. Denn wer merkt, dass er eigentlich anders handeln soll und muss und es doch versäumt, dessen Herz macht sich bemerkbar. Es zeigt an, dass hier etwas schief gelaufen an, es regt sich, es fällt ein inneres Urteil und sagt: „Hier bist du hinter dem zurückgeblieben, was dir durch die Taufe eingeschrieben wurde.“ Wer so innerlich mit sich und seinem Verhalten hadert, der darf sich sicher sein: „Gott ist größer als unser Herz“. Er weiß darum, wer sich um die Gemeinschaft mit ihm müht und dies auch im eigenen Leben umzusetzen versucht. Er sieht das Scheitern und verurteilt nicht. Aber er ermutigt durch seinen Geist immer mehr in eine wirkliche Einheit mit ihm zusammenzuwachsen. Eine Verbindung, die so stark ist, dass das eigene Tun ganz übereinstimmt mit dem Gebot Gottes. Eine Verbindung, in der jede Bitte Erhörung findet (vgl. auch Johannesevangelium 15,7-8, das Evangelium vom 5. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr B).