Lesejahr B: 2023/2024

Evangelium (Joh 20,1-9)

201Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.

2Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.

3Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;

4sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.

5Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein.

6Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen

7und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.

8Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

9Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.

Überblick

Frühsport! Zwei Jünger rennen zum Grab, weil Maria Magdalena Erstaunliches zu erzählen weiß. Sie sehen und sehen doch nichts und am Ende alles.

1. Verortung im Evangelium
Die Erzählung aus dem Johannesevangelium (Joh) 20,1-9 ist eine von zwei Szenen, die am frühen Ostermorgen spielen. Sie sind durch die Figur der Maria Magdalena miteinander verbunden. In der ersten Szene entdeckt sie das leere Grab, in der zweiten Szene begegnet sie dem Auferstandenen (Joh 20,11-18). Erst am Abend des Ostertages erscheint Jesus dann allen Jüngern (Joh 20,19-23) und eine Woche später wieder den Jüngern und dem Thomas (Joh 20,24-29). Das später hinzugefügte 21. Kapitel ergänzt die Erscheinungserzählungen um die Begegnung zwischen Jesus und den Jüngern am See von Tiberias (Joh 21,1-25).

 

2. Aufbau
Der Abschnitt teilt sich in die Auffindung des leeren Grabes durch Maria und ihren Bericht darüber in den Versen 1 und 2 und die Erzählung von dem Weg zum und dem Aufenthalt am Grab von Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte (Verse 2-9).

 

3. Erklärung einzelner Verse                                                                                                             
Verse 1-2: Im Unterschied zu den anderen Schilderungen vom Auffinden des leeren Grabes, wo immer von mindestens zwei Frauen berichtet wird, ist im Johannesevangelium Maria Magdalena allein dort. Zudem ist es hier noch dunkel, es ist also sehr früher Morgen. Maria Magdalena nimmt rein äußerlich wahr, dass der Stein weg ist. Es wird nicht geschildert, ob sie ins Grab hinein sieht oder gar hinein geht, auch ein Engel begegnet ihr hier nicht. Nach ihrer Entdeckung läuft sie zu zwei engen Vertrauten Jesu: Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte. Ist Petrus durch das ganze Evangelium hindurch präsent, wird der Lieblingsjünger erst mit dem Beginn des Passionsgeschehens (Joh 13,23ff.) explizit benannt. Als direkter Zeuge des Todes Jesu, wird mit dem Lieblingsjünger hier eine Brücke zu den letzten Ereignissen geschlagen.

Die Botschaft der Maria Magdalena ist klar und dennoch vieldeutig: Jesus ist nicht mehr im Grab, er wurde weggenommen. Wohin aber ist ihr nicht bekannt. Wenn in der Schilderung der Maria Magdalena von „wir“ gesprochen wird, verweist dies wohl auf eine Überlieferung der Osterereignisse, in der mehrere Personen das Grab auffanden. Johannes hat die Szene auf Maria Magdalena hin konzentriert, hier jedoch wird noch etwas von der Tradition sichtbar.

 

Verse 3-9: Die beiden Jünger sind von der Botschaft der Frau so beeindruckt, dass sie zum Grab laufen. Obwohl der Jünger, den Jesus liebte, schneller ist als Petrus, lässt er diesen vor. Dies dürfte einerseits dramaturgische Gründe haben, andererseits hebt es den Petrus als ersten, der das Grab betrat, hervor. Die beiden Jünger entdecken das Schweißtuch, das den Kopf des Leichnams umhüllte, und die Leinenbinden, mit denen der Körper umwickelt war. Die Erwähnung der besonderen Stelle des Schweißtuches, will eindeutig festhalten: Der Leichnam ist weg, aber ohne jegliche Umhüllung. Das, was den Körper als toten Körper identifizierte, ist im Grab geblieben.

Die Verse 8 und 9 stehen einander fast entgegen. Wird in Vers 8 vom „Sehen und Glauben“ des Lieblingsjüngers gesprochen, bemerkt Vers 9, dass sie den Sinn der Schrift nicht verstanden. Die Unstimmigkeit könnte auch hier auf eine zugrundeliegende Tradition und andere Anordnung der Szenen hinweisen.

Auslegung

Entgegen der Dynamik des morgendlichen Wettlaufs zwischen Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, entfaltet sich in der Ostererzählung des Johannesevangeliums ganz langsam die Erkenntnis des Ostermorgens: Das Grab ist leer, Jesus ist auferstanden!

Der Evangelist steigert die Spannung bis zu dieser Erkenntnis langsam und stetig: Zuerst sieht Maria Magdalena das offene Grab. Dann erreicht der Lieblingsjünger als erster das Grab, blickt aber nur hinein und sieht die Leinenbinden. Darauf geht Petrus, der langsamer war als der andere Jünger, in das Grab hinein. Er sieht neben den Leinenbinden auch noch das Schweißtuch. Jetzt tritt der Lieblingsjünger ins Grab hinein – er sieht und glaubt. Auf diesen Satz läuft die gesamte Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes zu. Er ist der Höhepunkt der Ostererzählung und gibt damit zugleich das wiederkehrende Motiv der verschiedenen Ostererzählungen im Johannesevangelium vor: Sehen und Glauben. Jesus selbst wird einen Rahmen um diese Erzählungen setzen, wenn er mit dem Satz „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ die direkten Erscheinungserzählungen beendet.
Sehen und glauben immer wieder wird es am Ostertag darum gehen: Maria Magdalena sieht, Petrus sieht, der Lieblingsjünger sieht. Später wird Maria Magdalena sogar den Auferstandenen selbst sehen und ihn nicht erkennen. Und Thomas wird darauf bestehen, Jesus zu sehen, bevor er an seine Auferstehung glauben kann. Viele Menschen sehen etwas und andere sehen nichts am Ostertag wie ihn das Johannesevangelium schildert. Und selbst die, die etwas sehen, sehen doch nichts oder nicht das entscheidende, wie Petrus. Und andere sehen und vers-sehen sich, wie Maria Magdalena. Und wieder andere sehen nichts und sehen genau darin so viel.

Der Jünger, den Jesus liebte, sieht das Offenkundige: Die Leichentücher sind da, der Leichnam weg. Und er sieht auch das Verborgene: Wenn Jesus nicht hier ist, dann ist er auch nicht tot, dann lebt er.

Nur in diesem Sinne lässt sich der Satz „er sah und glaubte“ verstehen. Und genau darin liegt das Besondere der Ostererzählungen des Johannesevangeliums. Sie liefern Seh- und Verstehenshilfen, damit das nicht Sichtbare doch sichtbar, erkennbar und glaubbar wird.

Kunst etc.

Erschrocken, fragend, eine Spur neugierig sind Petrus und der Lieblingsjünger Jesu auf dem Gemälde von Eugène Burnand aus dem Jahre 1898 hier auf dem Weg zum Grab. Was sie finden und was sie nicht finden, verändert ihre Sicht der Welt.