Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Joh 4,11-16)

11Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben.

12Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet.

13Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben.

14Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt.

15Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er bleibt in Gott.

16Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen.

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.

Überblick

Nächstenliebe als Zeichen der Gotteserkenntnis

1. Verortung im Brief
Der 1. Johannesbrief (1 Joh) gehört zu einem Dreier-Verbund von Briefen (1-3 Joh), deren Verfasser unbekannt ist. Da die Briefe insgesamt eine inhaltliche Nähe zum Johannesevangelium zeigen (z.B. Motiv des Erkennens 1 Joh 3,1), sind Evangelium und Briefe in der kirchlichen Tradition mit einem gemeinsamen Verfasser verbunden worden. Dies lässt sich jedoch nicht belegen, der Verfasser des Evangeliums wie der Briefe bleibt am Ende anonym. Allerdings steht der Verfasser der Briefe der Gemeinde des Johannesevangeliums und/oder dessen Verfasser nahe. Die Briefe sind in jedem Fall nach dem Evangelium und damit gegen Ende des 1. Jahrhunderts oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts verfasst. Da es inhaltlich auch Berührungspunkte mit den Paulusbriefen gibt, könnte Kleinasien (heutige Türkei) Ursprungsort der Briefe sein.
Inhaltlich reagiert der Verfasser mit dem 1 Joh auf Spaltungen und Konflikte in seiner Gemeinde. Unter anderem ist die Tatsache, dass Jesus als Gottes Sohn auch wahrer Mensch ist, ein theologischer Streitpunkt. Auch das Erleben, dass auch Christen schuldig werden und wie mit dieser Erfahrung umgegangen werden kann, ist Thema des Briefes. 
Die Liebe Gottes, die sich in der Menschwerdung des Sohnes und dessen Kreuzestod zeigt, als wesentliches Geschenk zu begreifen und dies im eigenen Handeln sichtbar zu machen, ist für den Verfasser daher besonders wichtig. Dies ist insbesondere in 1 Joh 4 das maßgebliche Thema. Die Verse 11-16 bilden den zweiten Teil eines Gedankengangs, der mit 1 Joh 4,7-10 begonnen hatte (zur Auslegung dieses Abschnitts). https://www.in-principio.de/sonntags-lesungen/lesung/2.-Lesung-1-Joh-47-10/

 

2. Erklärung einzelner Verse

Vers 11: Der Vers stellt den Anschluss zu den vorangegangenen Versen 9-10 her. Die Liebe Gottes, die sich in der Sendung seines Sohnes und dessen Hingabe zur Erlösung von den Sünden gezeigt hat, ist die eindeutige Motivation für die gegenseitige Liebe, auf die der Brief schon mehrfach hingewiesen hatte.

 

Verse 12-13: Der Verfasser setzt neu ein, indem er über die Gottesschau spricht. Eine direkte Erkenntnis Gottes, ein Sehen der Herrlichkeit Gottes ist bisher niemandem zuteilgeworden. Dies steht in Einklang mit der Tradition des Alten Testaments, wonach Mose mit Gott zwar „von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit einem Freund spricht“ (Exodus 33,11), ihm aber dennoch nur in Manifestationen seiner Herrlichkeit gegenübertritt. Eine direkte Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes kann nicht zu Lebzeiten erfolgen. Dies ist kein Gegensatz zur Aussage Jesu „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannesevangelium 14,9). Denn der Blick auf den Vater durch die Begegnung mit Jesus bietet zwar die Chance zu erkennen und verstehen, wer und wie Gott ist. Von der Gottesschau in aller Herrlichkeit und Endgültigkeit, wie sie im Reich Gottes möglich ist, ist dies jedoch zu unterscheiden.
Aufbauend auf der Aussage „Gott ist Liebe“ (Vers 8 und 16) ist für den 1. Johannesbrief die gegenseitige Liebe jedoch eine „Vermittlungsform“ des Wesens Gottes und damit Teil einer Gotteserkenntnis, die sich im Reich Gottes vollenden wird. Einander zu lieben, stellt die Gegenwart Gottes im Menschen sicher und damit die direkte Verbindung zum Wesen Gottes, der vollendete Liebe ist. 
Die bleibende Einheit mit Gott und damit seiner Liebe zu uns, wird in der Sendung des Geistes Gottes offenbar.

 

Verse 14-15: In einem weiteren Gedanken steht die bleibende Verbundenheit zwischen Gott und den Menschen im Mittelpunkt. Sie wird gefestigt durch das Bekenntnis, dass Jesus als Sohn Gottes vom Vater gesandt in der Hingabe am Kreuz zum Retter wird. Anders als Gott selbst, ist diese Wirklichkeit Gottes sehr wohl sichtbar („wir haben geschaut“) und damit auch anderen verkündbar („bezeugen“).

 

Vers 16: Der Verfasser stellt mit Blick auf sich und die angesprochenen Christen fest: Die Liebe Gottes haben wir erkannt (in Jesus Christus) und „gläubig angenommen“ (= bekannt). Für alle, die darauf ihr Leben bauen fasst er das Wesentliche der vorangegangenen Gedanken noch einmal zusammen: Gott ist Liebe. Und ein Bleiben in der Liebe, also eine gelebte Liebe, ist Ausdruck der Einheit mit Gott.

Auslegung

Der 1. Johannesbrief verdichtet sein Nachdenken über die Liebe als Wesensmerkmal Gottes. Indem die gegenseitige Liebe als notwendige Konsequenz („müssen auch wir einander lieben“) der Liebe Gottes formuliert wird, wird sie zugleich Moment der Gotteserkenntnis. Denn einander zu lieben, sichert die bleibende Gegenwart Gottes und vollendet seine Liebe in uns. Wie Gottes Liebe, die uns in Jesus Christus offenbart wurde, sein Ruf in die bleibende Verbindung mit ihm ist, so ist unsere Liebe zueinander die Antwort darauf. Die Liebe zum Nächsten ist dann gleichermaßen Bekenntnis zu Gottes Liebe und sichtbares Zeichen dieser Liebe in die Welt hinein. Im und am Verhalten der Christen können andere Anteil erhalten an der Verbindung mit Gott und zur Erkenntnis seiner hingebungsvollen Liebe kommen. Wer sich von dieser Liebe umfangen lässt, selbst liebt und lieben lässt, der wird nicht nur Teil der ewigen Gemeinschaft mit Gott, sondern lädt andere in diese Gemeinschaft und zur Erkenntnis Gottes ein.