Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 8,27-35)

27Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?

28Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.

29Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus!

30Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.

31Dann begann er, sie darüber zu belehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

32Und er redete mit Freimut darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen.

33Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

34Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

35Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.

Überblick

Endlich offen sprechen! Jesus bekennt sich zu seinem Weg und muss sich mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. 

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Mit der Perikope Mk 8,27-35 stehen wir am Beginn eines neuen großen Abschnitts im Markusevangelium. War Jesus zuletzt rund um den See Genesareth unterwegs, fuhr immer wieder von einer Seite des Sees zur anderen und bewegte sich sogar im heidnischen Grenzgebiet (vgl. Mk 7,31-35 am 23. Sonntag im Jahreskreis), so macht er sich nun Stück für Stück auf einen Weg, der in Jerusalem und am Kreuz enden wird. Dieser Abschnitt ist gegliedert durch drei Ankündigungen des Leidens, von denen wir die erste in Mk 8,31 finden (die anderen finden sich in Mk 9,31 und Mk 10,33-34). Ebenfalls eine große Rolle auf dem Weg nach Jerusalem spielt das Thema „Jüngerschaft“. Der vorliegende Abschnitt verbindet beide Themen in zentraler Weise.

 

2. Aufbau
Der Text setzt drei verschiedene Akzente. Im ersten Abschnitt geht es um die Einschätzung der Person Jesus von Nazareth und das Bekenntnis des Petrus (Verse 27-30). Der zweite Abschnitt ist gekennzeichnet durch die Leidensankündigung Jesu und die Reaktion des Petrus (Verse 31-33). Im dritten Abschnitt werden die Jünger und das Volk mit dem Ruf in die Nachfolge konfrontiert (Vers 34-35).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 27-30: Nach der Zeit rund um den See Genesareth und im Grenzgebiet zu den Heiden hält Jesus sich nun im äußersten Norden Israels auf. Die von Philippos gegründete Stadt Cäsarea Philippi ist vornehmlich heidnisch, von dort – oder genauer gesagt von dem Gebiet drumherum („Dörfer bei Cäsarea Philippi“) – macht sich Jesus nun stetig auf den Weg in Richtung Jerusalem. Die Anmerkung, dass er „mit seinen Jüngern“ unterwegs ist, weist sofort auf das erste Grundmotiv hin: Die Frage nach der Jüngerschaft. Die eigentliche Szene, der Dialog mit den Jüngern, spielt „auf dem Weg“, womit das zweite Grundmotiv, der Weg, angespielt wird.
Jesus erfragt nun von seinen Jüngern ihre eigene Einschätzung und die Meinung „der Menschen“ zu seiner Person. Zuvor war diese Frage im Evangelium bereits von den Jüngern (Mk 4,41), der Menge (Mk 6,14-15) und dem König Herodes (Mk 6,16) aufgeworfen beziehungsweise beantwortet worden. Zunächst geben die Jünger wie aufgefordert die Meinung „der Menschen“ wieder: Jesus wird für den wiedergekommenen Täufer, für den wiedergekommenen Propheten Elija oder für einen Propheten, nach dem Vorbild der alttestamentlichen Propheten, gehalten. Diese Einschätzungen lässt Jesus unbeantwortet, stattdessen fragt er dezidiert die Jünger nach ihrer Meinung. Die doppelte Anrede „ihr aber, für wen haltet ihr mich“ zeigt die Bedeutung der Frage und Rückmeldung durch die Jünger an. Petrus übernimmt die Funktion des Sprechers und spricht feierlich eingeleitet durch „du bist“ ein Bekenntnis aus. Indem er Jesus den Christus, oder auf Hebräisch, den Messias, nennt, spricht er ihn mit einem Titel an, mit dem bestimmte Erwartungen verbunden sind. Das Volk Israel verbindet mit dem Messias, dem Gesalbten Gottes, die Aussicht auf Rettung und Heilung, auf Versöhnung mit Gott.

Das Verbot Jesu, über diese Einschätzung des Petrus und der Jünger zu sprechen, entspricht seinen Reaktionen auf ähnliche Situationen angefangen bei der ersten Heilung (Mk 1,25). Ziel des Verbots, die Erkenntnis der Identität Jesu, weiterzuerzählen ist: Nicht durch eine Zuschreibung oder einen Titel soll Jesus „erkannt“ werden, sondern durch sein Handeln, seine Haltung, seine Verkündigung. Das Schweigegebot möchte sicherstellen, dass das Verständnis Jesu nicht eingegrenzt, sondern geweitet wird.

 

Verse 31-33: Auf das Bekenntnis folgt die Belehrung der Jünger durch Jesus. Er sichert ab, dass verstehen, was sich hinter dem Titel „Christus“ wirklich verbirgt. Jesus verwendet dabei den Begriff „Menschensohn“ und nimmt damit Bezug auf eine Hoffnungsgestalt des Alten Testaments. Aus dem Verlauf des Evangeliums wissen die Leser, dass der Menschensohn Sünden vergeben kann (Mk 2,10) und Herr über den Sabbat ist (Mk 2,28). Nun erfahren sie und die Jünger, dass diese Vollmacht ihnen nicht herrschaftlich, sondern im Leiden begegnet. Jesus tritt den Jüngern als „Lehrer“ gegenüber, er eröffnet ihnen einen neuen Blick auf sich und auf das, was Gott mit seinem Reich anstrebt. Zur Wirklichkeit des Gottesreiches gehört das Leiden. Im Hinblick auf alle Jünger wird dies gleich ausgeführt, hier ist Jesus selbst im Fokus. Im Verworfenwerden, im Leiden, in der Auferstehung zu neuem Leben wird Leben im Vertrauen auf Gott sichtbar.

Die neue, offene Art („mit Freimut“) Jesu, über sich und sein Schicksal zu sprechen erregt Widerspruch. Erneut erhebt Petrus das Wort, diesmal abseits der Jüngergruppe. Wenn der Evangelist festhält, dass Petrus Jesus zurechtweist, benutzt er ein Wort (griechisch: epitimao, ἐπιτιμάω, deutsch: anfahren, tadeln, Vorhalte machen), das auch verwendet wird, wenn Jesus Dämonen anheischt (Mk 1,25). Petrus handelt also so, als wäre Jesus von einer fremden Macht gesteuert, wenn er, der Messias, von seinem Leiden und Auferstehen spricht. Die Antwort Jesu erfolgt auf dem gleichen Niveau. Er herrscht Petrus seinerseits, aber vor den anderen Jüngern, an und nennt ihn „Satan“, das bedeutet: einer, der die Dinge verdreht. Diese Bezeichnung erläutert er im Nachgang: Petrus strebt, wenn er so spricht und denkt, nicht nach Gottes Willen, sondern nach seinem eigenen, menschlichen Willen.

 

Verse 34-35: Hatten die vorangegangenen Gespräche nur zwischen Jesus und den Jüngern stattgefunden, ruft Jesus für die folgende Jüngerbelehrung die Volksmenge dazu. Denn die Frage nach der Bereitschaft zur Nachfolge geht nicht nur den Jüngerkreis, sondern alle – inklusive der Leser – etwas an. Zwei Bedingungen zur Nachfolge auf dem Weg Jesu werden benannt: Wer ein Jünger Jesu sein will, der muss 1. sich selbst verleugnen und 2. bereit sein, sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen. Das scheinbare Paradoxon „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“ schließt an die Ankündigung des eigenen Leidens an. Wirklich zum Leben finden kann nur, wer bereit ist, sein eigenes Geschick nicht in den Mittelpunkt zu stellen, sondern dem Weg Jesu zu folgen – einem Leben, das sich am Willen Gottes orientiert.

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Auslegung

Der Satz „und er redetet mit Freimut darüber“ lässt sich in diesem Evangelium, in dem heiß diskutiert wird, leicht überlesen. Tatsächlich ist es aber genau dieser „Freimut“ Jesu der einen wesentlichen Teil der Handlung und Dynamik auslöst. Denn aus der offenen Kommunikation Jesu über seinen Weg und die Konsequenzen seiner Sendung und der Nachfolge erwächst das intensive Gespräch mit Petrus, die Belehrung der Jünger und die Schilderung der Nachfolgebedingungen.

Obwohl Jesus vermeintlich immer „offen“ spricht, das Reich Gottes verkündigt, mit den jüdischen Autoritäten diskutiert und vor aller Augen Wunder tut, ändert sich mit dem Beginn des Weges nach Jerusalem etwas. In Mk 4,10-12 hatte der Evangelist explizit darauf hingewiesen, dass Jesus in Gleichnissen redet. Die Botschaft des Gottesreiches drückt er in Bildern aus, die – wie die separate Unterweisung der Jünger zeigte – nicht einfach verständlich sind und eine Deutung bedürfen. Selbst nach der Erläuterung der Gleichnisse für die Jünger blieben diese oftmals unverständig, wie zum Beispiel die Seesturm-Erzählung zeigt (Mk 4,35-41). Prägte diese Redeform die Zeit in Galiläa, ist der Weg nach Jerusalem, den Jesus mit Mk 8,27 beginnt, gekennzeichnet durch die unverhüllte, freimütige Rede. Mit dem (langen) Weg hin zum Leiden in Jerusalem beginnt eine neue Etappe der Erzählung: Jesus nimmt nun sein Schicksal in aller Deutlichkeit in den Blick und nimmt die anderen in diese Perspektive mit hinein. Sie sollen verstehen lernen, was sich hinter den kommenden Ereignissen verbirgt. Die Rede in Freimut ist dazu gedacht, die Sinne der Jünger zu schärfen. Vor dem Hintergrund seiner Selbstoffenbarung können sie – so die Hoffnung Jesu – anders zuhören, aus seinem Blickwinkel schauen und einander beim Deuten helfen. Jesus macht seinen Jüngern mit dem offenen Wort vor, was er sich auch von ihnen wünscht: Sie müssen ins Gespräch kommen über das, was sich unter ihnen ereignet. Sie sollen dialogfähig werden, um dem Geheimnis vom Gottes Reich selbst näher zu kommen und im nächsten Schritt anderen qualifiziert davon zu erzählen. Dass es den Freimut Jesu braucht, um die nicht selbsterklärende Botschaft seiner Sendung verständlich zu machen, zeigt die Reaktion des Petrus. Die Enthüllung Jesu, dass der Menschensohn leiden wird, dass der ersehnte Christus verraten und getötet werden wird, diese Enthüllung widerspricht den Hoffnungen und den Sehgewohnheiten der Jünger und auch der Volksmenge. Petrus, der Jesus gerade noch mit einem der höchsten Ehrentitel bedacht hatte, muss lernen, dass dieser Titel nicht für ein Türschild und eine Visitenkarte gedacht ist und zum Ehrenabzeichen taugt. Die hoheitlichen Zuschreibungen (Christus, Menschensohn, Sohn Gottes, Heiliger Gottes, König der Juden), die Jesus im Laufe des Evangeliums entgegengebracht werden oder auch von ihm selbst benutzt werden, sind noch keine wirklichen Beschreibungen für den Auftrag Jesu. Seine Sendung in die Welt durch den Vater ist zwar Ausdruck der Macht Gottes und in Jesu Taten wird diese Vollmacht sichtbar, aber es ist ein ganz anderes Konzept von Macht, das sich dahinter verbirgt. Jesus lebt vor, dass der Weg Gottes sich durch eine andere Art von Macht, den Machtverzicht, auszeichnet. Er zeigt, dass Hingabe und nicht Beharren auf die eigene Stärke und das eigene Wohlergehen im Vordergrund stehen. Er macht sichtbar, dass ein Sieg nicht mit Gewalt und militärisch errungen werden muss, sondern sich in der Liebe ereignen kann. Er zeigt, dass das Aufrichten eines Gebeugten mehr Größe zeigt als das Kleinmachen von Menschen. In seinem Handeln wird Leben geschenkt und Gemeinschaft ermöglicht, nicht Grenzen eng gezogen und Eliten gebildet.
Diese Botschaft Jesu ist eine Provokation, bis heute. Und Petrus reagiert so, wie vielleicht viele im ersten Moment reagieren wollen, die die ganze Tragweite der Botschaft das erste Mal realisieren. Denn wer dieser Botschaft folgt, der macht die Regeln neu. Der verzichtet aufs Herrschen und geht den Weg durch Anfeindung und Bedrängnis, um für die Botschaft und das Leben, das Gott schenken will, alles zu riskieren.