Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (1 Joh 4,7-10)

7Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.

8Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.

9Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.

10Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.

Überblick

Gott ist Liebe. Wie sich das zeigt und was es für uns bedeutet, fasst der 1. Johannesbrief zusammen

1. Verortung im Brief
Der 1. Johannesbrief (1 Joh) gehört zu einem Dreier-Verbund von Briefen (1-3 Joh), deren Verfasser unbekannt ist. Da die Briefe insgesamt eine inhaltliche Nähe zum Johannesevangelium zeigen (z.B. Motiv des Erkennens 1 Joh 3,1), sind Evangelium und Briefe in der kirchlichen Tradition mit einem gemeinsamen Verfasser verbunden worden. Dies lässt sich jedoch nicht belegen, der Verfasser des Evangeliums wie der Briefe bleibt am Ende anonym. Allerdings steht der Verfasser der Briefe der Gemeinde des Johannesevangeliums und/oder dessen Verfasser nahe. Die Briefe sind in jedem Fall nach dem Evangelium und damit gegen Ende des 1. Jahrhunderts oder zu Beginn des 2. Jahrhunderts verfasst. Da es inhaltlich auch Berührungspunkte mit den Paulusbriefen gibt, könnte Kleinasien (heutige Türkei) Ursprungsort der Briefe sein.
Inhaltlich reagiert der Verfasser mit dem 1 Joh auf Spaltungen und Konflikte in seiner Gemeinde. Unter anderem ist die Tatsache, dass Jesus als Gottes Sohn auch wahrer Mensch ist, ein theologischer Streitpunkt. Auch das Erleben, dass auch Christen schuldig werden und wie mit dieser Erfahrung umgegangen werden kann, ist Thema des Briefes. Die Liebe Gottes, die sich in der Menschwerdung des Sohnes und dessen Kreuzestod zeigt, als wesentliches Geschenk zu begreifen und dies im eigenen Handeln sichtbar zu machen, ist für den Verfasser daher besonders wichtig.

 

2. Erklärung einzelner Verse

Verse 7-8: Die Aufforderung zur gegenseitigen Liebe, die schon mehrfach im Brief thematisiert wurde (z.B. 1 Joh 3,23), erhält ihr Fundament. In der Feststellung „Gott ist die Liebe“ ist alles Liebeshandeln, zu dem der Brief aufruft, begründet. Die Liebe, so möchte der Verfasser sagen, ist nicht menschengemacht, sondern stammt aus Gott, der in seinem Wesen selbst die Liebe ist. Insofern ist die gegenseitige Liebe nicht einfach Ausdruck besonderer Zuneigung unter Menschen, sondern Zeichen, dass ein Mensch ganz aus Gott lebt und ihn erkennt. Im Umkehrschluss ist ein „Nicht-Lieben“ Anzeichen dafür, dass jemand Gott und dessen Wirklichkeit nicht verstanden hat.

 

Verse 9-10: War in den Versen 7-8 die menschliche Liebe als Ausdruck des Glaubens an einen liebenden Gott im Fokus, wird den Lesern nun verdeutlich, wie und wo man die Liebe Gottes erkennen kann. Für uns sichtbar wird die Liebe durch die Sendung Jesu des einzigen Sohnes Gottes in diese Welt und damit mitten unter uns. Von der Liebe zu künden ist das Ziel der Sendung Jesu. In seinem Leben und vor allem in seinem Sterben zeigt der Sohn die zuvorkommende Liebe des Vaters. Die Hingabe des Sohnes aus Liebe schenkt Freiheit von allem, was uns belastet und von Gott trennen könnte („als Sühne für unsere Sünden“). Deshalb schenkt die Sendung des Sohnes uns das Leben.

Auslegung

Die so schnell gelesene und fast beiläufige Formulierung „Gott ist Liebe“ wird in diesem Abschnitt aus dem 1. Johannesbrief zum Ausgangspunkt einer Kurzfassung des Christentums. „Gott ist Liebe“ ist dabei die Überschrift und zugleich Grundlage allen Bekenntnisses.
Kernelement des Glaubens ist die Sendung Jesu. Er kommt vom Vater, der selbst die Liebe ist, um die Liebe in der Welt sichtbar zu machen. Dazu gehört auch, der Welt das Leben zu schenken, denn Leben bedeutet hier eine Existenz frei von Schuld und in Gemeinschaft mit Gott. Dieses Leben wird möglich durch die Hingabe des einzigen Sohnes. Der Vater gibt hin, was er liebt, damit wir diese Liebe erkennen und uns von ihr verwandeln lassen. Denn wer versteht, dass der Tod des Gottessohnes nicht nur ein unglückliches Schicksal, eine Folge menschlicher Fehlentscheidungen, sondern Selbsthingabe und Teil der Sendung Jesu ist, dem offenbart sich das Wesen Gottes. Aus dieser Erkenntnis heraus wird der Erkennende selbst zum Liebenden. So legt er Zeugnis dafür ab, dass Gott die Liebe ist und Ursprung wahren Lebens.