Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (Tit 2,11-14)

11Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.

12Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,

13während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.

14Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

Überblick

Gott ist da! Merkst du es noch? Der Titusbrief stellt uns als zweite Lesung der Heiligen Nacht vor Augen, welcher Auftrag mit dem Geschenk der Menschwerdung Gottes an uns ergeht.

1. Verortung im Brief
Der Brief an Titus gehört zur Gruppe der sog. Pastoralbriefe, die vermutlich erst im 2. Viertel des 2. Jahrhunderts in Kleinasien (der westlichen Türkei) entstanden sind. Zu diesem Zeitpunkt sind der Verfasser des Briefes, Paulus, und der Adressat des Briefes, sein Mitarbeiter Titus, längst gestorben. Der von einem unbekannten Verfasser stammende Brief lässt dennoch die Stimme des Paulus neu erklingen, als spräche er zu seinem Mitarbeiter und durch ihn zu einer Gemeinde, die sich mit den Problemen des „christlichen Alltags“ plagt. Dazu gehört auch die Frage, wie sich christliches Leben in einer „Übergangszeit“ gestaltet. Liegt doch das Wirken Jesu einige Zeit zurück und kann nicht mehr von Augenzeugen vermittelt werden und bleibt die Ersehnte Wiederkunft Christi bislang aus.

 

2. Aufbau
Die vier Verse des Titusbriefes (Tit) sind eng miteinander verknüpft und bilden in gewisser Weise eine Grundlegung zum vorangegangenen Abschnitt (Tit 2,1-10), der sich dem Verhalten unterschiedlicher Gruppen in der Gemeinde widmete. Mit dem einleitenden Vers 11 wird diesem Verhalten eine theologische Begründung gegeben, die dann in den Versen 12 und 13 in die Lebenswelt der Gemeinde übertragen wird. Vers 14 schließt den Abschnitt mit einem Verweis auf das Erlösungshandeln Jesu ab.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 11: Durch die Einleitung mit „denn“ wird deutlich, dass der Vers ein Bindeglied zwischen dem vorangegangenen Abschnitt (Tit 2,1-10) und den nun folgenden Versen ist. Die grundlegende Feststellung von der Erscheinung der Gnade Gottes ist Begründung und Ausgangspunkt zugleich.
Mit dem Begriff „Erscheinung“ (epiphaneia, griechisch: „ἐπιφάνεια“) wird in antiker Zeit das sichtbar oder offenbar Werden einer Gottheit umschrieben. Das Christentum verwendet diesen Begriff ebenfalls und bringt mit ihm die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zum Ausdruck. Dies spiegelt sich in der Bezeichnung des 6. Januar als Epiphanie-Fest bis heute wieder. Denn man feierte ursprünglich das Weihnachtsfest 12 Tage lang, vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Der 6. Januar schließt dann die Feier der Erscheinung Gottes ab, in der westlichen Kirche mit der Anbetung der Weisen aus dem Morgenland, in der Ostkirche mit der Taufe Jesu.
Hier ist das „Erscheinen“ der Gnade Gottes jedoch nicht nur auf die Geburt Jesu bezogen, sondern auf das Geheimnis der Menschwerdung als Ganzes, das auch das irdische Leben und Leiden umfasst. Es geht hierbei um das erste Erscheinen Gottes im Unterschied zum zweiten Erscheinen am Ende der Tage, das mit der Wiederkunft (Parusie) Jesu Christi verbunden wird.
Die universalistische Perspektive („um alle Menschen zu retten“) zieht den Wirkungsradius, den die Erscheinung der Gnade Gottes zieht, weit über die christliche Gemeinde hinaus.

 

Verse 12-13: Ausgehend von der Feststellung der geschenkten Gnade in der Menschwerdung Jesu Christi wird nun die Wirkung dieses Geschenks beschrieben. Sie zeigt sich in der „Erziehung“ der Christen, wobei „Erziehung“ im Sinne von „Ermutigung zum Wachsen“ zu verstehen ist. Was die Gnade bewirkt, wird positiv und negativ beschrieben. Dabei ist das Lossagen von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden etwas, was die Mitglieder der christlichen Gemeinde bereits hinter sich haben. Sie haben sich von alten Lebens- und Glaubensgewohnheiten entfernt und sich taufen lassen. Das „Lossagen von“ dürfte die Adressaten des Briefes an ihre eigene Taufe erinnert haben. Das Bekenntnis zu Christus und Lossagen von fremden Mächten hat aus frühester Tradition bis in die heutige Taufliturgie hinein Bestand. Die „negative“ Wirkung, also das Abstandnehmen von etwas, haben die Gemeindemitglieder bereits vollzogen. Die „positive“ Wirkung, die mit Vokabeln umschrieben wird, die der antiken Ethik entlehnt sind, ist hingegen nicht abgeschlossen, sondern wirkt fort. Der Autor will deutlich machen, dass das Leben als Christ unter dem Anspruch der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus steht. Es geht also um das Leben in der Welt, was durch die erschienene Gnade eine bestimmte Richtung bekommt. Weil der Autor die Begriffe der griechischen Ethik hier in den Kontext der Menschwerdung Gottes stellt, werden sie zu christlichen Lebenshaltungen umgedeutet.

Die Zielperspektive dieser Lebensweise ist das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes und des Retters Jesus Christus am Ende der Zeit. Die Worte des Autors stehen damit unter der Perspektive der Vorläufigkeit. Denn in der Menschwerdung ist das Heil Gottes bereits gegenwärtig geworden, es wartet aber auf seine Vollendung am Tag der Wiederkunft. Entsprechend ist die erste Erscheinung der Gnade Gottes Anlass und Befähigung, sich so zu verhalten, dass das Leben in der Jetztzeit die Hoffnung auf die zweite Erscheinung und damit das Reich Gottes wiederspiegelt.

 

Vers 14: In einem Bogen zu Vers 11 wird nun die Art und Weise, in der die Gnade erschien, dargestellt. Die hier verwendeten Begriffe schließen sich an die paulinische Akzentuierung vom befreienden und rettenden Tod Jesu an (z.B. 1. Korintherbrief 1,30). Dabei ist die Selbsthingabe der Weg des Mittlers, Jesus Christus, und auch der Weg aller Christen. Das Vergangene, das Heilshandeln Gottes in der Menschwerdung Jesu, wird feierlich in Erinnerung gebracht, um damit die Ermutigung der Verse 12-13 zu unterstreichen. Gottes Handeln wird zur Motivation eines menschlichen Handelns, das sich im Lossagen von fremden Mächten und einer positiven Lebensgestaltung zeigt. Diese positive Antwort („das Gute zu tun“) wird durch die Stellung am Ende des Verses noch einmal besonders betont. Dabei ist der Gedanke der Bewährung im eigenen Handeln in den Pastoralbriefen ein ganz wichtiges Motiv und immer wieder zu finden.

Auslegung

Wenn wir heute rund 2000 Jahre nach dem Ereignis im Stall von Bethlehem die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus feiern, dann befinden wir uns in einer ganz ähnlichen Situation wie die Leser der Pastoralbriefe im 2. Jahrhundert nach Christus. Wir können heute nur Christen sein, weil Gottes Gnade unter uns erschienen ist. Gott sendet seinen Sohn in diese Welt und schenkt uns damit all das, was wir uns selbst nicht geben können: seine unverbrüchliche Liebe und Nähe, seine Güte und Erlösung. All das wird uns im Geschenk der Menschwerdung zuteil, indem sich Gott auf eine unüberbietbare Weise uns Menschen zuwendet.

Dieses Geschenk Gottes ist der gedankliche Ausgangspunkt für die Zeilen aus dem Titusbrief. Der Autor, der sich als Paulus ausgibt, ruft damit in Erinnerung, was dem Leben der Christen ein Fundament gibt. Wer Christ ist, der hat schon eine erste Antwort auf das Erscheinen der Gnade Gottes gegeben, indem er sich zu Christus bekannt hat und sich durch die Taufe in die christliche Gemeinde aufnehmen ließ. Wenn der Autor diesen Schritt als ein Lossagen von alten Gewohnheiten umschreibt (Vers 12), dann denkt er an erwachsene Menschen, die aufgrund ihres neuen Christusglaubens ihr Leben womöglich komplett neugestaltet haben. Doch auf die erste Antwort folgt noch eine zweite, zu der die Gnade Gottes uns motiviert. „Besonnen, gerecht und fromm“ in dieser Welt zu leben, ist die zweite und lebenslange Antwort auf das Geschenk Gottes. Denn sie drückt eine Lebenshaltung aus, die zum Zeugnis wird für Gott, der sich in Jesus Christus den Menschen geoffenbart hat. Die für heutige Ohren etwas altertümlich wirkenden Tugenden stehen dabei für ein Leben, das sich am Beispiel Jesu Christi ausrichtet. Hier zeigt sich das praktische Interesse des Autors der Pastoralbriefe: Die Erscheinung der Gnade Gottes in Jesus von Nazareth soll allen Menschen bezeugt werden. Und das gelingt im 2. Jahrhundert nach Christus nur durch ein überzeugtes und überzeugendes Leben der Christen. Dort, wo die Menschen nicht vorschnell urteilen, sondern klug und mit Ruhe abwägen und handeln. Dort, wo nicht der eigene Vorteil, sondern Gerechtigkeit gesucht wird. Dort, wo Gott zum Ankerpunkt des eigenen Lebens wird und der Mensch sich nicht selbst zum Maß aller Dinge macht. Überall dort wird Gottes einmaliges Geschenk der Menschwerdung bezeugt. Für den Autor des Titusbriefes ist diese zweite Antwort auf Gottes Gnade die Lebensperspektive für die „Zwischenzeit“, in der sich die Adressaten befinden. Denn sie leben in der Zeit zwischen dem Sichtbarwerden Gottes in Jesus Christus und dem Erscheinen der Herrlichkeit Gottes und der Wiederkunft Christi am Ende der Zeit, auf die sie hoffen.

Nun leben auch wir in ebendieser Zwischenzeit, wenngleich sie sich für uns 2000 Jahre später sicher anders anfühlt. Die Feststellung des Titusbriefes „die Gnade Gottes ist erschienen“ gilt dabei auch heute: Gott ist Mensch geworden und hat sich den Menschen ganz hingegeben. Ob diese Botschaft jedoch auch heute bezeugt wird, das liegt an unseren Antworten. Da viele der Christen heute ihre erste Antwort in der Taufe im Kinderalter nicht selbst gegeben haben, gewinnt die zweite Antwort an Bedeutung. Gelingt es uns zu bezeugen, dass Gott wirklich und ganz in unserer Welt erschienen ist? Leben wir so, dass andere und wir selbst merken: Gott ist da! Er hat sich uns in der Menschwerdung seines Sohnes nah und unmittelbar gezeigt. Nun ist es an uns, diese Botschaft lebendig zu halten.

Kunst etc.

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