Lesejahr B: 2023/2024

1. Lesung (Jer 23,1-6)

231Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen - Spruch des HERRN. 2Darum - so spricht der HERR, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert.

Jetzt kümmere ich mich bei euch um die Bosheit eurer Taten - Spruch des HERRN. 3Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide und sie werden fruchtbar sein und sich vermehren. 4Ich werde für sie Hirten erwecken, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen - Spruch des HERRN.

5Siehe, Tage kommen - Spruch des HERRN - , da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 6In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit.

Überblick

Die Hirten werden verurteilt. Gott wirkt als wahrer Hirte für sein Volk, und vertraut dann doch wieder auf (neue) menschliche Hände, um seine Herde in Sicherheit zu weiden.

 

1. Verortung im Buch

Die Verurteilung der israelitischen Könige durch den Propheten Jeremia aus den beiden vorherigen Kapitel findet in Jeremia 23 ein Ende mit Hoffnung. Das in Jeremia 22,30 verkündete definitive Ende für den letzten israelitischen König („So spricht der HERR: Schreibt diesen Mann als kinderlos ein, als Mann, der in seinem Leben kein Glück hat! Denn keinem seiner Nachkommen wird es glücken, sich auf den Thron Davids zu setzen und wieder über Juda zu herrschen“), ist doch noch nicht der Schlusspunkt für das Haus Davids und das Volk Gottes.

 

2. Aufbau

Auch wenn der Abschnitt mit einem „Wehe!“-Ruf beginnt, so reden die Verse 1-8 in drei Sprüchen über die heilvolle Zukunft Israel nach der Katastrophe des Exils. In den Versen 2-4 werden die zukünftigen Hirten, von den vergangenen, bösen, angeklagten Hirten unterschieden. Das am Ende anklingende Thema der Rückkehr aus dem Exil wird dann in den Versen 7-8 nochmals aufgenommen. Dazwischen steht die Ankündigung eines neuen Herrschers aus dem Hause Davids (Verse 5-6).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: In der Umwelt Israels war es in alttestamentlicher Zeit üblich, dass göttliche und menschliche Herrscher als Hirten glorifiziert wurden. Im babylonischen Pantheon sagen selbst die Götter über den Gott Marduk: „möge er alle Götter weiden wie eine Herde“. Das Bild des Hirten steht für jemanden, der sich um die ihm Anvertrauten sorgt, kümmert und bemüht. Eine Eigenheit des Alten Testamentes ist es jedoch im Plural von Hirten zu reden und damit die gesamte politische Führung zu bezeichnen. Im Alten Testament werden große Führungsgestalten wie Mose und David nicht nur metaphorisch als Hirten bezeichnet, sondern sie waren auch Hirten, bzw. wurden für ihr Amt von den Hirtenfeldern berufen: „und er [= Gott] erwählte David, seinen Knecht; er holte ihn weg von den Hürden der Schafe, von den Muttertieren nahm er ihn fort, damit er Jakob weide, sein Volk, und Israel, sein Erbe.“ (Psalm 78,70-71). Auch Gott wird im Alten Testament immer wieder als der ideale Hirte seines Volkes dargestellt: „Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.“  (Jesaja 40,11).

Der Vorwurf gegen die bisherigen Hirten Israel ist bei Jeremia ein zweifacher – beide Male ausgedrückt mit einem Partizip, um das andauernde Versagen zu verdeutlichen: (1.) Sie haben das Volk zugrunde gerichtet. (2.) Sie sind verantwortlich dafür, dass das Volk zerstreut, d.h. exiliert wurde. Der zweite Vorwurf wird noch durch das Wort „verstreut“ verstärkt: Die Könige haben mit voller Absicht, das Volk zur Vertreibung geführt. Das eigentlich Urteil über sie wird anhand eines Wortspiels formuliert. Sie haben sich nicht um das Volk „gekümmert“ (פקד, gesprochen: pakad), und darum wird sich nun Gott um die Hirte „kümmern“ (פקד), das heißt, er wird sie heimsuchen.

Verse 3-4: Nun – im Kontrast zu den Versen 1-2 – kündigt Gott sein Hirtenhandeln an; und dies mit einem betonten „ich“. Das dezimierte Volk wird nicht nur aus dem Exil zurückgeführt werden, sondern Gott wird es auch wieder mehren (vgl. Gen 1,28). Während zuvor die Zerstreuung des Volkes als Schuld der Hirten, bzw. Könige angeklagt wurde, bekennt sich nun Gott dazu. Es bleibt die Schuld der Führer des Volkes, dass es dazu gekommen ist, aber in der Zerstreuung zeigt sich zugleich Gottes Handeln – das Unheil, das er nun in Heil wandelt. Trotz der schlechten Erfahrung wird Gott das Hirtenamt jedoch wieder in menschliche Hände legen. In der damit einhergehenden Verheißung wird das Wort פקד aus Vers 2 wiederaufgenommen. Man könnte auch übersetzen, dass Gott seine Herde fortan nicht mehr strafend heimsuchen wird; gemeint ist hier jedoch wohl die Nebenbedeutung „verloren gehen“: Das Volk wird nicht mehr in die Irre geführt werden.

Vers 5: Ein Spross ist ein pflanzliches Bild für wachsendes und fruchtbares Leben, das neu entsteht. Es wird damit nicht nur ein Nachfahre König Davids auf dem Thron verheißen, sondern ein neues Aufblühen der davidischen Linie. Der Spross steht in direkter Kontinuität zu David, dem bedeutendsten Königs Israels. Dieser verheißene Neuanfang dient jedoch nicht zuvorderst dem Erhalt der davidischen Königslinie, sondern der Gerechtigkeit, die durch den gerechten Spross (wörtlich: „Spross der Gerechtigkeit“, צמח צדקה, gesprochen: zemach zdaka) wiedererrichtet werden wird.

Vers 6: Die Durchsetzung der göttlichen Gerechtigkeit durch den Spross Davids dient der Sicherheit des israelischen Südreichs Juda und dessen Hauptstadt. Indem Gott sein Heilswort verwirklichen wird, verwandelt sich Jerusalem zum lebendigen Zeugnis für Gottes treues Handeln. Der zukünftige Ehrenname des Volkes Israel oder des Sprosses Davids „Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“ verdeutlicht aber auch, dass dem Handeln Gottes ein eigenes Tun seines Volks und des Königs zu entsprechen hat (vergleiche Jeremia 33,8-9).

Auslegung

Hirten, die ihre Herde nicht behüten, haben ihre Berufung verfehlt. Anstatt Schutz zu bieten und eine Richtung vorzugeben, handeln sie verantwortungslos. Im Buch Jeremia werden die Könige Israels als solche Hirten beschrieben. Das Volk Israel ist ihre Herde, die jedoch nicht ihre eigene ist, sondern Gott gehört. Sie sind Gott Rechenschaft schuldig. Gott hat sie zur Aufsicht verpflichtet und sie sind dem nicht nachgekommen – und nun werden sie belehrt, dass sie selbst unter Aufsicht stehen.

Eine übertragene Aufgabe bedeutet keine Selbstherrlichkeit. Verantwortung für das Volk Gottes inne zu haben, ist ein Dienst an Gott und an seinen Gläubigen. Wenn die Hirten versagen, so die Zusage Gottes, wird er selbst zum Hirten. Für die eigentlichen Hirten bedeutet dies in ihrer Kummerlosigkeit jedoch Kummer – sie werden bestraft. Und in der Strafe liegt ein Neuanfang.

Im angekündigten Handeln Gottes wird aufgezeigt, was die Aufgaben eines Hirten sind. Dass das Volk stark und viel wird, dass Recht und Gerechtigkeit herrschen und dass Sicherheit gegeben ist – das sind die Aufgaben derjenigen, die das Volk Gottes anführen sollen. In ihrem Handeln soll sichtbar werden, dass Gott dem Volk Gerechtigkeit widerfahren lässt. In diesem Kontext verheißt das Buch Jeremia einen neuen Hirten, der aus der Linie des König Davids abstammen wird und somit an die glorreiche Vergangenheit anknüpfen kann.

Gott, der Hirte, wird sich in der Geschichte erfahrbar machen, indem er gottgewollte Hirten einsetzt. Dies ist eine Prophezeiung durch die Zeiten hindurch gegen die herrschenden „Hirten“. In der Zeit als diese Zeilen geschrieben wurden, war es ein Hoffnungsschimmer für das Volk Israel im Angesicht der Heimatlosigkeit des Exils. Gegen das Versagen der eigenen Eliten und gegen die Übermacht der herrschenden Großmächte künden diese Worte von einem neuen Exodus, in dem sich Gott als der wahre Hirte seines Volkes zeigt, dem jede politische Macht untergeordnet ist.

Kunst etc.

In der Kunstgeschichte finden sich viele Darstellung der Wurzel Jesses (Jesaja 11,1) mit der in der christlichen Bildkunst die Abstammung Jesu aus dem Hause Davids, ausgehend vom dem Vater Davids, Jesse, dargestellt wird. In einem Psalter aus dem 16. Jahrhundert ist jedoch eine andere Darstellung zu finden, die sich eher auf das Motiv des Davidssprosses bezieht. Der Stammbaum des israelitischen Königtums entwächst aus David selbst und sprosst in die verschiedenen Verästelungen. 

British Library, Arundel MS 307, ff. 16v.
British Library, Arundel MS 307, ff. 16v.