Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Mk 1,40-45)

40Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen.

41Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will - werde rein!

42Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein.

43Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an

44und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat - ihnen zum Zeugnis.

45Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Überblick

Werde rein! Eine Heilung, die nicht verborgen bleiben kann und einen Rückzug notwendig macht.

1. Verortung im Evangelium
Der Evangelist Markus unternimmt es als erster eine Jesuserzählung zu schreiben und die zuvor meist mündliche Überlieferung zu einer fortlaufenden Geschichte zusammenzustellen. Das Markusevangelium (Mk) entsteht kurz nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n.Chr.) im Jüdischen Krieg. Der Verfasser ist unbekannt, auch wenn es innerhalb der kirchlichen Tradition eine Verbindung zu Markus einem Judenchristen hellenistischer Herkunft gibt. Dieser ist einerseits Paulusbegleiter (Apostelgeschichte 12,12) und andererseits Vertrauter des Petrus (1. Petrusbrief 5,13).
Das Markusevangelium beginnt in der Wüste (Mk 1,1-13) mit dem Auftreten des Täufers und der Taufe Jesu. Dann schildert es den Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa (Mk 1,14-8,26) und den Weg nach Jerusalem (Mk 8,27-10,52) und endet mit den Ereignissen in Jerusalem (Mk 11,1-16,20). Das ursprüngliche Ende des Evangeliums war die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Grab (Mk 16,8). Die Erweiterung um die Erscheinungserzählungen sind später hinzugefügt worden (Mk 16,9-20).
Markus beginnt das Wirken Jesu mit einem exemplarischen Tag in Kafarnaum (Mk 1,21-39), an diese Erzählungen schließt sich Mk 1,40-45 an.

 

2. Aufbau
Die Verse 40-42 stellen die eigentliche Heilungsgeschichte dar. In Vers 43-44 findet sich ein Schweigegebot, ähnlich Mk 1,25 und 1,34, und die Aufforderung, die Heilung durch einen Priester bestätigen zu lassen. In Vers 45 wird die „Folge“ des Wunders geschildert: Der Geheilte wird zum Verkünder und Jesus muss sich zurückziehen.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 40-42: Die Geschichte wird anders als die vorherigen (Mk 1,16.21.29) nicht mit einer Ortsangabe verbunden und bleibt daher ortlos. Sie beginnt mit dem Auftreten eines Kranken, der auf eindringliche Weise um Heilung bittet. Sein Hilfegesuch, das zugleich ein Bekenntnis einschließt („wenn du willst, kannst du mich rein machen“) wird durch die Ausmalung der Szene durch den Evangelisten untermauert („bat ihn um Hilfe“, „fiel vor ihm auf die Knie“).

Die Krankheit des Mannes wird als Aussatz bezeichnet. Aufgrund ihrer religiösen und sozialen Folgen wird diese in der Bibel als besonders schwerwiegend angesehen. Denn wer an Aussatz erkrankte, musste sich absondern, war wie ein lebendiger Toter (vgl. Numeri 12,12) und musste sich äußerlich als Unreiner kennzeichnen (Levitikus 13,45-46). Wer einem Aussätzigen näher kam, wurde selbst unrein. Die Heilung von Aussatz musste von einem Priester bestätigt werden und ist mit einem aufwändigen Opferritual verbunden (Levitikus 14,1-32).

Die Reaktion Jesu auf das Herantreten des Kranken ist zunächst Mitleid und dann die direkte heilende Geste. Das Ausstrecken der Hand und Berühren des Aussätzigen als heilender Gestus ist verbunden mit den Worten „Ich will – werde rein!“. Sie bringen die Vollmacht Jesu zum Ausdruck, auf die sich der Aussätzige in seiner vertrauensvollen Bitte in Vers 40 berufen hatte. Dass diese Vollmacht nicht nur Anspruch, sondern Realität ist, zeigt Vers 42.

 

Verse 43-44: Sofort nach der Heilung wird der Mann weggeschickt. Markus betont die Strenge, mit der Jesus ihm die nächsten zwei Schritte aufträgt: Er soll erstens darüber schweigen, wie und von wem er geheilt wurde. Und zweitens soll er sich dem Gesetz entsprechend verhalten und die Genesung von einem Priester betätigen lassen. Die Formulierung „ihnen zum Zeugnis“ bezieht sich hier vermutlich auf den gesamten Vorgang am Tempel. Indem der Geheilte dorthin geht, sich dem Priester zeigt und die vorgeschriebenen Opfer darbringt (Levitikus 14,1-32) gibt er Zeugnis von seiner Heilung – auch ohne Jesu Tat explizit zu benennen.

 

Vers 45: Der Evangelist beschreibt nun, was im Nachgang der Begegnung zwischen Jesus und dem Aussätzigen geschieht und nimmt dabei nacheinander die beiden Akteure der Erzählung in den Blick. Der Geheilte „verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war“ und bricht damit das auferlegte Schweigegebot. Dies hat für Jesus schwerwiegende Folgen. Zum einen wird der Andrang auf ihn größer und die Leute kommen „von überallher zu ihm“. Zum anderen zieht sich Jesus wie schon am Ende der Episode in Kafarnaum aus der Öffentlichkeit (so gut es geht) zurück. Anders als in Kafarnaum (Mk 1,35-39) dient dies hier aber nicht dem Gebet bzw. dem Weiterziehen zur Verkündigung der Botschaft. Jesus hat sich durch die Berührung des Aussätzigen selbst unrein gemacht und muss sich für eine Zeit von anderen fernhalten.

Auslegung

Das Gebot über die persönliche Erfahrung von Heil und Heilung zu schweigen, ist den Lesern des Evangelium bereits durch die Erzählungen aus Kafarnaum bekannt. Markus baut es in seiner Jesuserzählung zu einer wichtigen Erzähllinie aus. Es begegnet immer wieder, so dass sich die partielle Erkenntnis über Jesu Identität und Macht mit einem Unverständnis seiner Person abwechselt. Was die Leser seit Beginn des Evangeliums wissen (Jesus ist der Christus, Gottes Sohn, Mk 1,1) bricht sich im Evangelium selbst nur langsam als Erkenntnis Bahn. Vor allem die Jünger werden zwischen Unverständnis und Erkenntnis hin und her schwanken. Ziel des Schweigegebots ist es, dass sich die „Kunde“ während des Weges und Wirkens Jesu nicht getrennt von der eigenen Erfahrung verbreitet. Erst nach Ostern soll und muss das Wort über Jesus, den Gottessohn, auch ohne eine direkte Begegnung mit ihm weitergegeben werden.
In der Erzählung von der Heilung eines Aussätzigen, die die einzige dieser Art von Wundergeschichte im Markusevangelium ist, hat das Schweigegebot jedoch sehr reale Hintergründe. Der Heilungsgestus Jesu beinhaltete die direkte Berührung des Aussätzigen. Seine heilsame Gegenwart verändert die Wirklichkeit des Kranken. Er wird heil und kann in die Gesellschaft zurückkehren, Jesus aber wird vorübergehend selbst zu einem, der die Öffentlichkeit meidet.
Gleichzeitig betont das Schweigegebot an den Aussätzigen, der dieses sofort bricht, die Rolle derjenigen, denen Heil wiederfahren ist: Sie können nicht anders als Kunde geben von dem, was sich an ihnen ereignet hat. Manche werden dies mit Worten tun, so wie der Aussätzige, andere werden durch ihren Wiedereintritt in die Gesellschaft und das sich dem Priester zeigen ein Zeugnis dafür ablegen, was an ihnen geschehen ist. Der Geheilte von Mk 1,40-45 ist jedenfalls der Erste, von dem berichtet wird, dass er einer breiteren Öffentlichkeit über das Heil berichtet, das sich durch die Begegnung mit Jesus in seinem Leben ereignet hat.

Kunst etc.

Zeichnung mit dem Kopf des Heiligen Markus von Albrecht Dürer (1526).