Lesejahr B: 2023/2024

2. Lesung (Eph 1,17-23)

17Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.

18Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt

19und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.

20Er ließ sie wirksam werden in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,

21hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird.

22Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt.

23Sie ist sein Leib, die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.

Überblick

Die Kirche hat ihren Wurzelgrund in Gott selbst. In Christus hat er gezeigt, zu was er fähig ist: den Tod zu besiegen und damit unbegrenzte Zukunft zu eröffnen. An dieser Zukunft teilzuhaben und aus der zuverlässigen Hoffnung darauf in der Nachahmung Jesu zu wachsen - dazu will der Epheserbrief ermutigen. Zu erkennen, welches Potenzial in dieser Hoffnung steckt, dazu braucht es erst einmal Geisteskraft, um die der Verfasser des Briefes für die Seinen bittet.

 

Kurze Einführung in den Epheserbrief

Der zum Christi-Himmelfahrtsfest ausgewählte Lesungsabschnitt schließt sich an das große Gotteslob (sogenannte "Eulogie") an, mit dem der anonyme Verfasser seinen Brief an die Gemeinde von Ephesus eröffnet (Epheser 1,3-14). Einige Strophen aus diesem Gotteslob bildeten die Zweite Lesung am Fest der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter Maria (8. Dezember). 

Auch wenn der Verfasser sich ganz zu Anfang des Briefes (Vers 1) als Paulus ausgibt und ganz offensichtlich dessen Verkündigung fortsetzen und aktualisieren will, sprechen doch mehr Gründe dafür, dass der Epheserbrief nicht von Paulus stammt. Die Zeit ist schon vorangeschritten: Paulus stirbt vermutlich in den frühen 60er-Jahren den Martyrertod, der Epheserbrief gehört eher in die 80er-Jahre des 1. Jahrhunderts.  Es gilt, die von Paulus (und auch von Anderen) gegründeten christlichen Gemeinden zusammenzuführen. "Kirche" meint jetzt nicht mehr nur eine Ortsgemeinde wie z. B. die "Kirche von Korinth", sondern den alle vergleichbaren Einzelgemeinden umfassenden Gesamtorganismus. Das ist das Bild vom Leib, desen Haupt Christus ist (vgl. Verse 22-23). Mit anderen Worten: Nach dem Tod des Paulus wurde es nötig, eine solche kirchenbezogene Theologie zu entwickeln, die aber nicht als etwas absolut Neues verstanden wird oder gar sich von Paulus Abesetzendes. Vielmehr unterstellt sich der Verfasser  der Autorität eines Größeren: Paulus. Das ist nicht Betrug, sondern in biblischer Zeit gängige Praxis. Die Botschaft ist wichtiger als der (historische) Bote!

 

Einordnung der Lesung in den Kontext und Aufbau 

Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal folgt der Verfasser dem Briefstil des Paulus, wenn er nach dem besagten Gotteslob in den Versen 15-23 Dank und Fürbitte folgen lässt (Ähnliches findet sich z. B. am Beginn der Paulusbriefe an die Gemeinde von Philippi oder an Philemon). Der Dank (Verse 15-16) ist für die Lesung ausgelassen, so dass beim Vorlesen im Gottesdienst die Gemeinde sofort in den Bitt-Teil hineinspringen muss. Dies verlangt viel, weil der Epheserbrief immer wieder versucht, in einen einzigen Satz, der im Griechischen oft überlang ist, soviel wie möglich an Theologie hineinzupacken. In dieser verdichteten Formulierungskunst scheint der Verfasser seinen Meister Paulus übertreffen zu wollen.

Versucht man, den komplexen Gedankenzusammenhang aufzulösen, ergibt sich folgende "Kurve":

Bitte um den Geist Gottes für die Gemeinde (Vers 17)

dass sie ihre "Hoffnung" erkenne (Vers 18)

und die Macht, die Gott

an den Glaubenden erweist (Vers 19)

und an Christus (Vers 20a).

Exkurs: Die Einsetzung dieses Christus zum Herrn (Verse 20b-22a)

Dieser Christus ist

das Haupt der Kirche, (Vers 22b)

die von der "Fülle Gottes" erfüllt ist (Vers 23).

Diese "Kurve" führt also in den entscheidenden Versen von Gott über die Glaubenden zu Christus, der den Verfasser zu zusätzlichen Ausführungen veranlasst, und wieder zurück über die Glaubenden (jetzt als Kirche bezeichnet) wieder zu Gott selbst.

Wenn Vers 17 auch noch vom Geist spricht, so wird eine weitere Besonderheit des Epheserbriefes deutlich: Keine Schrift des Neuen Testaments denkt so durchgängig und so ausdrücklich in den Zusammenhängen des dreifaltigen Gottes wie er. Das galt schon für das eröffenende Gotteslob und bestätigt sich auch in diesem Briefabschnitt.

 

Hinweise zu den Einzelversen

Vers 17

"Vater der Herrlichkeit" ist ein in der Bibel einmaliger Titel, aber eine gute Zusammenfassung der Theologie des Epheserbriefes. Er bezieht sich auf Gott, näherhin - dreifaltig gedacht - auf Gott Vater. Der Epheserbrief denkt - wie übrigens schon Paulus - immer strikt auf diesen Urheber von Allem hin. Christus tut nichts aus sich, sondern alles aus seiner Herkunft aus und in Bindung an den Vater. "Vater" meint also "Ursprung", der aber zugleich "Person" ist: d. h. ansprechbar, sorgend, handelnd, vorausschauend, zugewandt. Dieser Vater gibt Alles: allen Grund zur Hoffnung und zugleich die Geistesgaben, die Tragfähigkeit dieser Hoffnung zu erkennen und aus ihr zu leben. Um diesen Geist der Gotteserkenntnis bittet der Verfasser des Briefes für die Seinen.

 

Vers 18

Die Begriffe "Hoffnung" und "Herrlichkeit seines Erbes" gehören zusammen.. "Hoffnung" meint weniger "das Hoffen", sondern das, worauf wir hoffen dürfen: die Gabe des ewigen Lebens, das Gott wie ein Erbteil für die Seinen bereit hält. Da dieses Erbteil kein materielles Gut ist, das vorab zu besichtigen wäre, bedarf das Vertrauen darauf, dass wir wirklich etwas erhoffen dürfen und dass diese Hoffnung nicht trügt, einer eigenen Gabe: Diese ist für den Epheserbrief der an Pfingsten geschenkte und in jeder Taufe jeder und jedem Einzelnen verliehene Geist Gottes (so bilden Verse 17 und 18 einen engen Zusammenhang).

 

Vers 19

Der Gott, der Leben über den Tod hinaus zu schenken vermag gegen alle Tode des realen Lebens, muss "Kraft und Stärke" besitzen, wie es die Kirche in jeder Messfeier im Anschluss an das Vaterunser bekennt: "Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichketi in Ewigkeit. Amen".

 

Verse 20-22a

Diese "Kraft und Stärke" hat Gott erwiesen in der Auferweckung Jesu von den Toten und seiner Aufnahme zu sich ("in den Himmel"). Hier knüpft der Epheserbrief, zum Teil fast wörtlich (Namensmotiv: "über jeden Namen" [Vers 21]),  an das deutlich ältere Bekenntnis aus dem Brief an die Philipper an (Philipper 2,9-11):

 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.

Ungewöhnlicherweise unterlässt der Verfasser des Epheserbriefes an dieser Stelle einen der Auferweckung Jesu vorausgehenden Hinweis auf seinen Kreuzestod. Hier unterscheidet er sich von Paulus, der diesen Zusammenhang immer betont.

 

Vers 23

Über diesen Vers wird viel diskutiert, denn schnell kann man daran bestimmte Kirchenverständnisse festmachen. Gibt es Gottes Heil exklusiv nur in ihr?

Bleibt man beim griechischen Text, scheint er diese Frage gar nicht zu stellen oder zu beantworten. Denn wörtlich ist zu übersetzen: "... die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt" (Einheitsübersetzung: "das All in allem"). Das bedeutet: So wie in Christus Gott in seiner Fülle - also ganz und gar - gegenwärtig war und ist, so ist er auch in der Kirche in seiner Fülle gegenwärtig, und zwar "in allen", d. h. in jeder und jedem Einzelnen. 

Was hier wie eine Ist-Aussage klingt, entpuppt sich im weiteren Verlauf des Briefes als Auftrag. Dazu siehe unter der Rubrik "Auslegung".

Auslegung

Zwei Begriffsklärungen

 

"Herrlichkeit" (Verse 17 und 18 der Lesung)

"Herrlichkeit" begegnet das erste Mal innerhalb des schon mehrfach erwähnten "Gotteslobs", und zwar in Epheser 1,5-9:

5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,

seine Söhne zu werden durch Jesus Christus

und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,

zum Lob seiner herrlichen Gnade

[wörtlich: zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade].

Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut,

die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.

8 Durch sie hat er uns reich beschenkt, in aller Weisheit und Einsicht,

9 er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,

wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.

Bei aller Kompliziertheit wird vielleicht doch erkennbar: "Herrlichkeit" bezieht sich auf Gott als Geber, als Schenkenden. Von Anfang an hat er den Menschen in Gemeinschaft mit sich gedacht.

˃ Zum diesen Gemeinschaftsgedanken ausdrückenden Stichwort "Söhne" in Vers 5:  Trotz des männlichen Geschlechts schließt der Begriff die Frauen ein, und zwar nicht minderrangig, sondern im selben Rang wie die Männer. Es wird hier nicht gendermäßig, sondern allein unter dem Gedanken der Rechtsstellung gedacht.  So gesehen ist es in der damaligen Sprache und Vorstellung das Optimum, dass alle - Frauen wie Männer - "Söhne" sind. Man könnte zugespitzt sagen: "Söhne" drückt Geschlechtergerechtigkeit im Zusammenhang einer geschlechter-ungerechten Sprache aus, weil es damals noch keine bessere gab. Im Grunde wird bis zum Augenblick um sie gerungen. ˂

Für diese Gemeinschaft gibt Gott Alles: Vergebung (durch Jesu Kreuzestod), Wissen um diesen Gott (durch den menschgewordenen Gottessohn), ewiges Sein bei Gott. Als "Vater der Herrlichkeit" ist Gott der Geber von Allem, was den Menschen "strahlen" lässt ("Herrlichkeit" hat es biblisch vom Wort her mit "Strahlglanz" zu tun). Und das will er schon in diesem Leben einer und einem jeden schenken, und erst recht im kommenden.

 

"Fülle" (Vers 23)

In der Heiligen Schrift lohnt es immer wieder, zu Ende zu lesen. Manchmal stehen hier am Anfang eines Buches Rätsel, die sich erst nach der vollständigen Lektüre lösen. Manchmal werden auch Aussagen kurz und prägnant vorweggenommen. Aber man versteht erst, wie sie wirklich gemeint sind, wenn man weiter liest.

Das gilt auch für die rätselhafte Rede von der "Fülle". Abgesehen von der "Fülle der Zeiten" in Epheser 1,10, die hier nicht weiter hilft, begegnet der Begriff noch zweimal:

Epheser 3,18-19

"18 So sollt ihr mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen 19 und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr erfüllt werden in die ganze Fülle Gottes hinein."

Epheser 4,13

"... bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht."

Hier kann man von einer wirklichen Überraschung sprechen: Denn auf einmal löst sich der so abstrakt und philosophisch klingende Begriff "Fülle" in eine Tätigkeit auf: Liebe

Hier schließt sich der Gedankenkreis: Der schenkende Gott ist, und zwar vom allerersten Anfang an, ein liebender Gott, der diese Liebe umfassend in Jesus hat ansichtig werden lassen. Er will, dass eine jede und ein jeder, die bzw. der sich auf diesen Christus beruft, an diesem "Übermaß" (das meint die "Fülle") Maß nimmt. Wer das ernst nmmt, dem wird jeder Exklusivitätsanspruch sofort im Halse stecken bleiben. Um so mehr Gewicht erhält die Hoffnung, von der eingangs die Rede ist (Vers 18 der Lesung). Es ist die Hoffnung, so zu wachsen und zu reifen, und zwar vor allem in der Liebe, dass der Mensch sich des Erbes würdig erweist, das Gott für ihn bereit hält. Dass zumindest im "Gotteslob" des Epheserbriefs (Epheser 1,3-15) auch die von Gott bewirkte Erlösung und Vergebung im Zusammenhang des Erbes genannt werden (Epheser 1,7), zeigt an, dass Gott - aus Liebe - schon ganz viel Wachstums- und Reifungsstörung hinsichtlich der Liebe beim Menschen  "eingeplant" hat. Das himmlische Erbe soll keinesfalls liegen bleiben!

Hierin könnte auch eine Perspektive liegen, aus der heraus alle Reaktionen auf Corona bedacht werden - im Ausloten der Leben ermöglichenden Lösungen als auch im Annehmen des nicht in der eigenen Verfügungsgewalt stehenden, gefühlt immer (oder zumindest zumeist) vorzeitigen irdischen Endes, das der und dem Glaubenden eben immer noch "aussichtsreich" erscheinen darf. 

Kunst etc.

Foto von Holz, Antiquität, Fass, Büchsen, Erbe; CCO Öffentliche Domäne, frei von Rechten
Foto von Holz, Antiquität, Fass, Büchsen, Erbe; CCO Öffentliche Domäne, frei von Rechten

Ein Erbe kann auch reiner Ballast sein, mit dem man gar nichts anfangen kann. "Alter Plunder"! Wie auf diesem Photo: Leere Gefäße, die ihre Liebhaber haben mögen, aber auf den ersten Eindruck keine Hoffnung auf Zukunft eröffnen.

Das aber will genau das Erbe, von dem der Epheserbrief spricht: Zukunft eröffnen. Deshalb wird das Wort "Erbe" (Vers 14) sogar durch das Wort "Hoffnung" ersetzt (Vers 18). Gemeint ist das ewige Leben, an das glauben zu können sich schon in diesem Leben auswirkt. Wirkliche Hoffnung trägt. Und was diese Hoffnung zu einer wirklichen macht, ist für den Epheserbrief ihr Verursacher: Gott selbst.