Lesejahr B: 2020/2021

2. Lesung (2 Kor 4,13 - 5,1)

13Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet. Auch wir glauben und darum reden wir.

14Denn wir wissen, dass der, welcher Jesus, den Herrn, auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und uns zusammen mit euch vor sich stellen wird.

15Alles tun wir euretwegen, damit immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen zur Verherrlichung Gottes.

16Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert.

17Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit,

18uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

51Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel.

Überblick

Gegen die Erschöpfung. Paulus weiß, dass seine Kraft jeden Tag erneuert wird.

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus hatte die Gemeinde von Korinth selbst gegründet (50/51 n.Chr.) und steht seitdem in regem Kontakt zu ihr über Briefe und seine Mitarbeiter, die die Gemeinde im Auftrag des Paulus besuchen. Hatte er im 1. Brief an die Korinther (1 Kor) aktuelle Fragen aus der Gemeinde beantwortet und Themen angesprochen, die sich aus den Schilderungen von Gemeindemitgliedern oder seiner Mitarbeiter ergaben, so ist der 2. Brief an die Gemeinde in Korinth (2 Kor) stark geprägt durch eine Auseinandersetzung zwischen dem Apostel und der korinthischen Gemeinde, so dass der Brief an vielen Stellen sehr persönlich wird. Paulus wehrt sich im 2 Kor vor allem dagegen, dass ihm andere Verkündiger versuchen den Rang des prägenden Apostels für die Gemeinde streitig zu machen. So versucht Paulus mit verschiedenen rhetorischen Mitteln seinen Dienst für die Christen in Korinth zu umschreiben und in seiner Besonderheit darzustellen: Ein Dienst in Demut und Schwäche, stark durch Christus, der Paulus zu seinem Apostel macht.

Der Apostel Paulus folgt bei der Abfassung seiner Schreiben zumeist klar dem Aufbau antiker Briefe: Dort folgt auf das „Präskript“, mit Absender, Adressat und Gruß, das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet. Der Hauptteil, „Briefkorpus“, enthält Mitteilungen und Anliegen des Schreibens. Es folgt der „Briefschluss“ mit persönlichen Grüßen und Wünschen, dabei können markante Gedanken des Schreibens durch einzelne Begriffe noch einmal aufgenommen werden.

Der Abschnitt 2 Kor 4,13-5,1 stammt aus dem Briefkorpus und nimmt eines der wesentlichen Themen des Briefes in den Blick, den Dienst des Apostels vor dem Hintergrund der Leidensgemeinschaft mit Christus.

 

2. Aufbau
Der kurze Abschnitt bringt mehrere Schwerpunkte mit sich. In den Versen 13-15 ist die Verknüpfung des eigenen Schicksals mit dem Christi der wesentliche Aspekt. In den Versen 16-18 und 5,1 wird der Blick vom Leben und Leiden im Hier und Jetzt geweitet auf die Verheißung der Gemeinschaft mit Gott.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 13-14: Das „wir“ der kommenden Verse irritiert auf den ersten Blick. Paulus spricht hier zwar von sich persönlich, weil er sich in seinem Aposteldienst aber immer als Vorbild für andere sieht, weist er mit „wir“ über sich hinaus. Angesprochen und eingeschlossen kann sich jeder fühlen, der sich auch für die Verkündigung des Evangeliums in den Dienst nehmen lassen will.
Da der gesamte Abschnitt so konzipiert ist, dass es um die Verbindung des Apostels zu Christus und dessen Schicksal geht, verweist auch „der Geist des Glaubens“ auf den Geist Jesu, der der Geist Gottes, der Heilige Geist ist. Dieser Geist Gottes wird den Glaubenden in der Taufe geschenkt und motiviert zum Zeugnis. So wie die Taufe und die äußere Bestätigung des Geistes Gottes in Jesus Christus der Auftakt seines öffentlichen Wirkens ist, so ist die Taufe und die Geistgabe dort der Beginn der Zeugenschaft.
Wovon Paulus „redet“, erläutert er in Vers 14. Es ist die Gewissheit, dass Gott, der Jesus von den Toten auferweckte, auch Paulus einmal von Toten auferwecken wird – so wie alle Glaubenden auferweckt werden und dann vor Gott stehen.

 

Vers 15: Hatte der Apostel in Vers 13 gesagt, dass der Geist des Glaubens ihn zum Zeugnis motiviert, so nimmt er hier einen zweiten Faktor hinzu: Den Wunsch, möglichst viele Menschen (und hier konkret den Korinthern) zum Glauben an Gott zu bringen und ihnen die Gnade zu erschließen, mit der Gott ihnen begegnet. Um der Gemeinde willen bleibt Paulus seinem Aposteldienst treu (auch im Konflikt mit den Korinthern) und hofft, dass die Gemeinde in ihrem Glauben zur Verherrlichung Gottes beiträgt („den Dank vervielfacht“), indem sie von Gottes Taten kündet und seine Macht damit preist.

 

Verse 16-18: Wegen der zuvor beschriebenen Motivationsfaktoren kann Paulus differenzieren zwischen der Erschöpfung des äußeren Menschen und der täglichen Erneuerung des inneren. Dabei ist „äußerer und innerer Mensch“ nicht eine Unterscheidung im Sinne von „vergänglicher Leib“ und „unvergängliche Seele“, Paulus spricht beide Male den ganzen Menschen an. Vielmehr trennt Paulus die Erfahrung von Müdigkeit, die durch Bedrängnisse und den Einsatz im Dienst der Verkündigung entstehen, von dem Erleben, für diesen Dienst doch Tag für Tag von Gott her neue Kraft geschenkt zu bekommen. Mit Blick darauf, dass nach der irdischen Wirklichkeit eine unsichtbare und ewige Wirklichkeit wartet (Vers 14), kann er die gegenwärtigen Herausforderungen als „kleine Last“ gegenüber der Sicherheit ertragen, durch seinen Glauben und seinen Dienst der Verkündigung in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen zu werden.

 

Vers 5,1: Die Gewissheit einer künftigen Gemeinschaft mit Gott bringt Paulus hier auf den Punkt. Gegenüber dem „irdischen Zelt“, das jederzeit abgebrochen werden kann und durch äußere Einflüsse zerstört werden kann, ist die Wohnung bei Gott ewig und nicht von Menschenhand gemacht. Das Haus im Himmel hat Bestand über alle Bedrohungen hinweg. Es ist die Verheißung, die Paulus trägt und Kraft gibt für seine Auseinandersetzung mit den Korinthern und darüber hinaus.

Auslegung

Paulus kämpft mit der Gemeinde in Korinth – nicht real, aber innerlich. Die vielen Anfragen, die von dort an seine Person ergehen, das Infragestellen seiner Autorität als Apostel, die Skepsis gegenüber seinem unentgeltlichen Dienst, die Abgrenzung von ihm, das alles dürfte nicht nur eine „kleine Last“ sein für einen wie Paulus. Ein Apostel, der mit Leib und Seele überzeugt ist von der Kraft des Evangeliums. Der sich nicht nur berufen fühlt, zu verkünden, sondern der sogar davon spricht, dass ein Zwang auf ihm liegt (1 Kor 9,16). Die Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus hat ihn zum Glauben gebracht. Sie hat ihn überzeugt, dass in Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, der ersehnte Messias (Christus) zu den Menschen gekommen ist und dass dieser in Leiden, Tod und Auferstehung allen Menschen neues Leben ermöglicht. Dieses Wissen, dieses Verstehen ist für Paulus die Grundlage seines Glaubens, eines Glaubens, der ins Zeugnis mündet. Für ihn setzt er sich unermüdlich ein, in seinen Gemeinden, in den Begegnungen mit Menschen, die noch nichts von Christus gehört haben, in den Gesprächen mit seinen jüdischen Glaubensgeschwistern, die in Jesus nicht den erhofften Messias erkennen. In seinem Einsatz für das Evangelium erlebt Paulus den Glauben nicht nur als Grundlage allen Tuns, sondern als erneuernde Kraft. Der Glaube an einen lebensschenkenden Gott, an ein verheißenes Leben in dessen himmlischer Wirklichkeit bewahrt den Apostel vor einer Müdigkeit, die zu einer umfassenden Erschöpfung wird. Vielmehr weiß er darum, dass seine Quelle unerschöpflich ist, weil Gott und seine Liebe und Güte unerschöpflich sind. So erlebt er sich selbst trotz der täglichen äußeren Mühen innerlich erneuert. Eine Erneuerung, die aus der Verheißung Gottes erwächst und der Gewissheit des Apostels, dass diese Verheißung trägt.

Kunst etc.

Das Bild von Rembrandt (ca. 1657) scheint die Erschöpfung des Apostels einerseits und seine Kraftquelle andererseits zu zeigen. Denn das Schriftstück, über dem er brütet, ist Teil seines Dienstes an den Gemeinden. Einen Dienst, der Kraft raubt und zugleich Kraft schenkt, weil er ihn aus der Sicherheit einer Berufung und der Verheißung der Gegenwart Gottes versieht.