Lesejahr B: 2020/2021

Evangelium (Joh 17,6a.11b-19)

6aIch habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast.

11bHeiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!

12Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte.

13Aber jetzt komme ich zu dir und rede dies noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.

14Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.

15Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.

16Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

17Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.

18Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.

19Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.

Überblick

Bewahren heißt nicht abschirmen, sondern die Widerstandskräfte stärken.

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangeliums (Joh) beschäftigt sich in seinem ersten Hauptteil (Kapitel 1-12) vor allem mit der Sendung Jesu vom himmlischen Vater zu den Menschen und dessen Wirken mitten unter ihnen. Mit dem Evangelium von der Fußwaschung (Joh 13,1-15) beginnt der Rückzug Jesu aus dem öffentlichen Wirken und zugleich die Rückkehr zum Vater, die mit Tod und Verherrlichung am Kreuz endet. Die Kapitel 13-20 (zweiter Hauptteil) verbringt Jesus vor allem mit seinem Jüngerkreis. Ihnen erklärt er nach der Fußwaschung in den sogenannten Abschiedsreden (Kapitel 14-16), die Bedeutung dessen, was ihn dann im Leiden und Auferstehen widerfährt.
Mit Beginn von Kapitel 17 wendet sich Jesus dem Vater im Himmel zu und bittet um Beistand für die Seinen. Dabei wirkt es so, als wäre er selbst eigentlich schon nicht mehr unter den Jünger, sondern ganz beim Vater im Himmel. So kehrt zwischen den Abschiedsreden im Abendmahlssaal und dem Beginn der Passionsereignisse ein Moment der Begegnung zwischen Himmel und Erde ein. Die Verse Joh 17,1-11a bilden den ersten Abschnitt des Gebets Jesu. Mit Vers 11b setzt die Bitte Jesu erneut an.

 

2. Aufbau
Mit Vers 6a beginnt im Gesamtkontext des Gebets Jesu an den Vater die Bitte für seine Jünger.
Der zweite Teil des Abschnitts kreist um zwei Grundgedanken: Die Bewahrung der Jünger (Verse 11b-15) und ihre Heiligung (Verse 16-19).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 6a: Der Abschnitt setzt ein, indem Jesus vor dem Vater Rechenschaft darüber ablegt, warum er die Seinen ihm anvertraut. Er hat ihnen den „Namen“ des Vaters offenbart und damit zu erkennen gegeben, wer Gott ist. Hier ist einerseits an die „Ich-bin-Worte“ Jesu zu denken, die im Anschluss an die alttestamentliche Offenbarung des Gottesnamens „Ich bin, der ich bin“ an Mose (Exodus 3,14) das Wesen Gottes zu erkennen geben: Jesus zeigt Gott als Wahrheit, Weg und Leben, als Tür, als Hirten, als lebendiges Brot etc. Andererseits hat Jesus Gott als „Vater“ offenbart und die Jünger in dieses Verhältnis mit hineingeholt.

 

Verse 11b-13: In der direkten Anrede („heiliger Vater“) bittet Jesus um die Bewahrung seiner Jünger. Er vertraut die Seinen dem Vater. Solange Jesus selbst mit den Jüngern unterwegs und in der Welt ist, kann er selbst sie „im Namen Gottes“ bewahren. Hier wird besonders deutlich, dass dieser das Wesen Gottes beschreibt: Güte, Erbarmen, Liebe. Weil Vater und Sohn „eins sind“ (Joh 10,30) und darum auch der Sohn den Namen des Vaters „gegeben“ bekommen hat, konnte der Sohn die Seinen im Namen Gottes bewahren. Dies geschah, indem er ihnen das Wesen Gottes offenbarte und sie zum Glauben kamen (Joh 17,6-8).
Jesus bekräftigt, dass ihm die Bewahrung der anvertrauten Menschen (vgl. Vers 6a) gelungen ist. Er hat ihnen den Namen Gottes kundgetan und sie zum Glauben an den Vater geleitet. Einzig bei Judas („Sohn des Verderbens“) ist dies nicht gelungen, weil dessen Tun bereits vorgezeichnet war (vgl. Joh 13,18). Dessen Verrat ist also kein Beweis des Scheiterns des Auftrags Jesu, sondern Teil seiner Sendung.
Mit dem Hinweis auf seine baldige Rückkehr zum Vater verbindet Jesus seinen Wunsch für die Seinen: Sie sollen „Freude in Fülle“ haben. Eine Bitte, die auch in Joh 15,11 und 16,24 das Ziel der Einheit der Jünger mit Gott umschreibt. In und bei Gott zu sein, eins zu sein mit ihm, bedeutet auch an der endzeitlich verheißenen, vollkommenen Freude Anteil zu haben.

 

Verse 14-16: Noch einmal legt Jesus Rechenschaft vor dem Vater ab. Er hat seinen Jüngern das Wort Gottes gegeben. Dies ist in doppeltem Sinne zu verstehen: Jesus selbst ist das Wort Gottes (Joh 1,1) und er gibt es den Jüngern einerseits weiter, indem er dem Wesen Gottes entsprechend unter ihnen lebt und handelt, bis hin zur Lebenshingabe am Kreuz. Andererseits gibt er das Wort weiter, indem er ihnen alles mitteilt, was er von seinem Vater gehört hat (Joh 15,15), also die Frohe Botschaft von Gottes Wirklichkeit unter ihnen kundtut.
Die Nachfolge der Jünger bringt sie in die gleiche Situation wie Jesus selbst (Joh 1,10-11) – die Welt lehnt sie ab beziehungsweise „hasst“ sie. Die Jünger schließen sich Jesus an, der vom Vater gesandt ist und damit nicht „aus der Welt“ stammt, und werden wie Weinstock und Reben eine Einheit mit ihm (Joh 15,5). Diese Verbundenheit mündet in die Zurückweisung von der Welt. Die Gemeinde erfährt dies im Unglauben gegenüber der Verkündigung, Jesus selbst in letzter Konsequenz in Verrat, Auslieferung und Tod am Kreuz.
Die Bitte Jesu an den Vater ist trotz der bevorstehenden Anfeindung zielt nicht darauf, dass die Jünger aus der Welt heraus genommen werden und ebenso zum Vater gehen wie Jesus selbst. Die Sendung der Jünger zielt auf die Welt, in ihr sollen sie das Wort Gottes nach Jesu Tod weitergeben. Es gilt sie daher nicht aus ihrem Wirkungsraum herauszuholen, sondern sie darin vor dem Bösen zu bewahren.

 

Verse 17-19: Die Bewahrung der Jünger vor Anfeindung und Unglaube geschieht durch Heiligung. Heiligen ist zu verstehen als Festigung oder Verankerung im Wesen Gottes. Jesus heiligt sich, das heißt er steht für sie fest im Wesen Gottes. Er zeigt dies, indem er in seinem Kreuzestod die Liebe Gottes sichtbar werden lässt. Das ist für die Jünger Ansporn, selbst dieser Liebe zu trauen, in ihr zu leben und sie zu bezeugen. Der Vater wird sie darin bestärken, indem er seinen Geist sendet und sich immer wieder als liebender Vater zeigt. Diese Botschaft der Güte und Liebe greifbar werden zu lassen, ist Auftrag der Jünger, wie es Jesu eigener Auftrag war.

Auslegung

Zwei Begriffe dominieren den Evangeliumsabschnitt: bewahren und heiligen. Beide geben den Jüngern eine Zusicherung für die Zeit nach dem Weggang Jesu.

Mit dem Wort „bewahren“ verheißt Jesus seinen Jüngern, dass sie bewahrt werden und nicht aus der Einheit mit ihm und demVater fallen. Der Glaube an Gott und an dessen in die Welt gesandten Sohn schenkt den Jüngern Anteil an der vollkommenen Freude des Reiches Gottes. Bereits in Vers 6b hatte Jesus das Wort „bewahren“ verwendet. Dort wird deutlich, wie es im Kontext zu verstehen ist. Jesus sagt von den Jüngern „sie haben dein Wort bewahrt“. Dabei ist „Wort“ wieder wie in Vers 14 sowohl auf Jesus selbst als auf die Verkündigung des Reiches Gottes zu beziehen. Die Jünger haben Jesus als Sohn des Vaters angenommen und sich ihm angeschlossen; sie sind die Seinen geworden und haben sich die Botschaft von Gottes Wesen und Wirklichkeit angeeignet. Bewahren bedeutet demnach, sich etwas zu eigen zu machen. Genau deshalb ist die Umschreibung der Jünger Jesu als „die Seinen“ im Johannesevangelium von großer Bedeutung. Die Jünger sind „die Seinen“, weil sie an Jesu Sendung glauben, weil sie seine Sendung zu ihrer machen, weil sie mit ihm eine Einheit bilden und sich von ihm behüten und lenken lassen. Diese Verbundenheit mit Sohn und Vater, mit dem Wesen Gottes wird den Jüngern hier zugesprochen.
Weil die Sendung der Jünger, von dieser Einheit mit Gott und dessen Wirklichkeit zu künden, aber zu Widerspruch führen wird, braucht es die zweite Zusicherung: Die Jünger werden geheiligt. Indem die Jünger sich die Botschaft Jesu aneignen und darin Anteil haben an seiner Sendung, blüht ihnen ein ähnliches Schicksal wie ihm: Die Welt wird sich gegen sie stellen! Die Jünger werden nicht nur Widerspruch zu dem von ihnen verkündeten Evangelium erleben, sondern auch persönliche Verfolgung etc. Trotz aller „Bewahrung“ ist unausweichlich. Obwohl der Lebensraum und der Sendungsraum der Jünger die Welt ist, sind sie – weil sie sich die Botschaft Gottes angeeignet haben – nicht aus der Welt. Sie leben in der Realität von Raum und Zeit und sind zugleich doch auf den verwiesen, der vor aller Zeit war. Die Spannung, die daraus entsteht, lässt sich nur aushalten, wenn die Jünger fest verwurzelt sind in Gott und seiner Liebe. Jesus durchlebte den Widerspruch der Welt und stellte dieser das Wesen Gottes und seine grenzenlose Liebe entgegen. Jesus bittet den Vater, dass er den Seinen immer wieder diese Liebe zeigt und sie so kräftigt und stärkt gegen alles, was auf sie zukommt. Die Gabe des Geistes (Joh 14,16-18) ist dabei ein ganz wesentliches Instrument.

Das Spannende an den Bitten und Zusicherungen Jesu in seinen Abschiedsworten an die Jünger ist, das Ernstnehmen ihrer Realität und darin zeigt sich die nachösterliche Perspektive des Evangeliums. Wer sich die Botschaft Gottes aneignet und Jesus nachfolgt, wird hineingenommen in die Einheit zwischen Vater und Sohn. Der Fremdheit zur Welt, die daraus erwächst, kann nicht mit Flucht daraus begegnet werden. Vielmehr brauchen die Jünger die Sicherheit ganz getragen zu sein von der Liebe Gottes. So können sie in der Welt davon künden, dass sie selbst durch ihren Glauben bereits ganz in der Verheißung einer anderen Welt leben.

Kunst etc.

Ruhig und konzentriert schaut Jesus auf diesem Gemälde von Heinrich Ferdinand Hofmann (1886) aus der Riverside Church in New York zu Himmel hinauf. Der Maler zeigt Jesus im Garten Getsemani, wie die Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas zu Beginn der Passionserzählung nach dem Abendmahl überliefern. Der Evangelist Johannes lässt den Ort des Gebetes Jesu offen. Für ihn ist es ein Ruf Jesu, der noch auf Erden weilt und doch dem Himmel näher scheint als seinen Jüngern.