Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Ijob 7,1-4.6-7)

71Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? / Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? 2Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, / wie ein Tagelöhner, der auf seinen Lohn wartet.

3So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe / und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. 4Lege ich mich nieder, sage ich: / Wann darf ich aufstehn? / Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. [...] 6Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, / sie gehen zu Ende, ohne Hoffnung.

7Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist! / Nie mehr schaut mein Auge Glück.

Überblick

Das Leben ist Leid, dessen schnelles Ende man nur erhoffen kann! – dies ist keine buddhistische Weisheit, sondern Ijob Gedanken im Alten Testament.

 

1. Verortung im Buch

In seinem Leid geht Ijob einen radikalen Weg. Er macht Gott für sein Leid verantwortlich: „Habe ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum hast du mich zu deiner Zielscheibe gemacht, sodass ich mir selbst zu einer Last geworden bin?“ (Ijob 7,20).  Ja, er klagt Gott an (siehe Ijob 9,14-35) – er fordert Gott gar auf seine Unschuld anzuerkennen: „Wie viel habe ich an Sünden und Vergehen? Meine Schuld und mein Vergehen sag mir an!“ (Ijob 13,23). Die Leser und Leserinnen wissen aus dem Prolog, dass Gott tatsächlich verantwortlich für das Leid Ijobs ist, der im ersten Vers des Buches als „untadelig und rechtschaffen“ beschrieben wird. Und selbst nachdem er durch den Satan – und dies von Gott erlaubt – leidet, sagt er noch wie ein exemplarischer Gottesfürchtiger: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Ijob 2,10).

Nachdem dem erzählenden Prolog beginnt der Hauptteil des Buches, der von Redegängen Ijobs mit seinen Freunden bestimmt ist. Als erster ergreift Elifas das Wort und versucht Ijobs Leid zu erklären. Das Leid sei auf die kreatürliche Schwäche des Menschen zurückzuführen – dem Menschen bleibe nichts anderes als die Gottesfurcht und das Bittgebet: „Ich aber, ich würde Gott befragen und Gott meine Sache vorlegen, der Großes und Unergründliches tut, Wunder, die niemand zählen kann.“ (Ijob 5,8). Doch Ijob kann und will das Leid nicht einfach hinnehmen, den er erkennt Gott als seinen Gegner: „Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir, mein Geist hat ihr Gift getrunken, Gottes Schrecken stellen sich gegen mich.“ (Ijob 6,4).

 

2. Aufbau

Der Lesungstext entstammt der Antwort Ijobs (Ijob 6-7) auf die erste Rede Elifas (Ijob 4-5). In den Versen 1-2 erklingt eine allgemeine Klage über das Schicksal der Menschen, die er in den Versen 3-7 auf sein eigenes Schicksal überträgt und dies in einer Bitte enden lässt (Vers 7). Seine erste Rede endet im Todeswunsch: „Nun denn - zum Staub bette ich mich, und suchst du mich, dann bin ich nicht mehr da.“ (Vers 21).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Die Übersetzung „Kriegsdienst“ verleitet schnell auf eine falsche Spur. Das hier stehende hebräische Wort צָבָא (gesprochen: zavah) bedeutet in den meisten Fällen zwar einen zu leistenden Kriegsdienst. Doch die Grundbedeutung ist eine schwere Arbeit – wie zum Beispiel der Frondienst -, zu der man verpflichtet ist, ohne dafür einen direkten Lohn zu erhalten. Diese Deutung ist auch durch Vers 2 gestützt, in dem als Vergleich auf den Sklaven und den Tagelöhner verwiesen werden. Dass auch das Leben eines Tagelöhners ein Kampf war, zeigt sich an den prophetischen Warnungen gegen Ausbeutung: „Weh dem, der seinen Palast mit Ungerechtigkeit baut, seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten ohne Entgelt arbeiten lässt und ihm seinen Lohn nicht gibt.“ (Jeremia 22,13).  

Verse 3-4: Ijob betont durch die passivische Formulierung (siehe auch Verse 1-2), dass das Leid ohne sein Zutun über ihn gekommen ist. „Monde“ stehen für den Lauf der Zeit und die Nennung der „Nächte“ verweist auf eigentliche Ruhezeiten. Doch die gesamte Zeit ist durch Nichts, also keinen Lohn, und Mühsal geprägt. Diese Verzweiflung spiegelt sich nicht nur in seiner seelischen, sondern auch körperlichen Gesundheit wider: „Mein Leib ist gekleidet in Maden und Schorf, meine Haut schrumpft und eitert.“ (Vers 5). 

Vers 6:  Mehrfach hatte Ijob zuvor bereits um einen schnellen Tod gefleht (Ijob 3,21-23; 4,8-9.11). Nun reflektiert er das unabwendbare Ende. Das Weberschiffchen ist hier ein Bild für die Schnelligkeit und damit Vergänglichkeit. Geht beim Weben der Faden aus, dann steht es aber plötzlich still. Diesem Bild wohnt im Hebräischen ein Wortspiel inne, dass man im Deutschen nicht wiedergeben kann. Denn das hebräische Wort für Hoffnung und Faden sind identisch: תִּקְוָה (gesprochen: tikwah).

Vers 7: Die Bitte, dass Gott ihn erinnere, wohnt keine Hoffnung inne. Für Ijob steht fest, dass er kein Glück mehr erleben wird, sondern alles Nichts ist. Er will wie ein Windhauch im Nichts enden: „Ich mag nicht mehr, ich will nicht ewig leben. Lass ab von mir, denn nur ein Hauch sind meine Tage!“ (Vers 16).

Auslegung

Mitten in der Bibel, im Buch Ijob, wird die Sinnlosigkeit des Lebens verkündet. Die Tage des Lebens gehen freudlos, ohne Trost dahin und enden im Tod. Der Mensch ist abhängig von seiner Arbeitskraft und fremden Lohn. Man kann sich seinen sozialen Status vor der Geburt nicht aussuchen und für die meisten Menschen ist es ein hartes, mühseliges Leben, das ihnen zugeteilt wird. So beurteilt Ijob das menschliche Leben, nachdem er trotz seines Gottesglaubens und seiner Gerechtigkeit all seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit verloren hat. 

So wie im Buch Kohelet beklagt er das Leben als einen Windhauch. Es zieht vorüber, es ist nicht sichtbar und nicht greifbar. Mit dem Tod erwartet einen das Vergessen-Sein – es wird sein, als hätte man nie gelebt. In Ijobs Worten gibt es keine Auferstehungshoffnung, sondern nur die Dunkelheit des Todes, die kein Gotteslob mehr kennt: „Denn im Tod gibt es kein Gedenken an Dich [Gott]. Wer wird dich in der Totenwelt [Scheol] preisen?“ (Psalm 6,6).

Umso stärker erklingt Ijobs bittere Klage an Gott: „Gedenke, dass mein Leben ein Wind ist. Nicht wird mein Auge umkehren und Gutes sehen. Nicht wird mich ein Auge, das nach mir sieht, anblicken – deine Augen auf mich? Mich gibt es nicht.“ (Ijob 7,7-8). Sinn und Wohltat im Leben bietet für Ijob nur die Beziehung zu Gott. Nur wenn das Angesicht Gottes über dem Menschen scheint, wenn der Schöpfer sein Geschöpf liebend anschaut, kann es dem Menschen vergönnt sein „Gutes zu sehen“. Ohne dies ist die Vergänglichkeit des Lebens bereits der Tod im Leben.

Kunst etc.

Das Weberschiffchen hat seinen Namen von der Ähnlichkeit mit einem flaschen Schiff. In dessen Inneren wird der Schussfaden befestigt und wie ein Bott auf den Wellen gleitet es durch das Webfach. Die Bewegungen verlaufen auf und ab wie das Leben, bis der Faden zuende ist. Das hier abgebildete Weberschiffchen dient nur der Illustration – es stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Weberschiffchen aus Holz fertigten die Spillmacher für die Webstühle, fotografiert von 16Exul82. Lizenz: CC BY-SA 4.0
Weberschiffchen aus Holz fertigten die Spillmacher für die Webstühle, fotografiert von 16Exul82. Lizenz: CC BY-SA 4.0