Lesejahr B: 2020/2021

1. Lesung (Weih 1,13-15; 2,23-24)

13Denn Gott hat den Tod nicht gemacht / und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. 14Zum Dasein hat er alles geschaffen / und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, / das Reich der Unterwelt hat keine Macht auf der Erde; / 15denn die Gerechtigkeit ist unsterblich.

[...]

23Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen / und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. 24Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt / und ihn erfahren alle, die ihm angehören.

Überblick

Wem gehört der Mensch? Dem Tod oder der Gerechtigkeit? – Zur Gerechtigkeit hin ist der Mensch erschaffen. 

 

1. Verortung im Buch

Das Buch der Weisheit ist eine Empfehlungs- und Werbeschrift für die göttliche „Gerechtigkeit“. Bereits der erste Vers ist eine Aufforderung, die Gerechtigkeit zu lieben: „Liebt Gerechtigkeit!“ (Weisheit 1,1) – und am Ende des Proömiums wird die Begründung dazu gegeben: „denn die Gerechtigkeit ist unsterblich“ (Vers 15). Sie ist in Gott grundgelegt: „Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen.“ (Weisheit 12,16) – und der Auftrag des Menschen in dieser Welt ist die Schöpfung in Gerechtigkeit und Gottesfurcht zu beherrschen: „Den Menschen hast du durch deine Weisheit bereitet, damit er über deine Geschöpfe herrscht. Er soll die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten und Gericht halten in rechter Gesinnung.“ (Weisheit 9,2-3). Im Endeffekt bedeutet Gerechtigkeit die gelebte Gottesbeziehung und Ausrichtung am Willen Gottes: „Denn es ist vollendete Gerechtigkeit, dich zu kennen; und um deine Stärke zu wissen ist die Wurzel der Unsterblichkeit.“ (Weisheit 15,3). 

 

2. Aufbau

Fast alle Verse des Proömiums (Weisheit 1,1-15) sind mehrzeilig, nur die entscheidende Begründung in Vers 15 ist einzeilig und dadurch besonders hervorgehoben: „denn die Gerechtigkeit ist unsterblich“. Auf die in Weisheit 1,16-2,20 eingeleitete und wiedergegebene Rede der Frevler blickt der Weisheitslehrer in den Versen 21-24 und verurteilt ihr Denken, Reden und Handeln. 

Ebenso wie Weisheit 1,13 beginnt auch Weisheit 2,23 mit den Worten „Denn Gott“ und gibt eine Begründung. Nachdem in Weisheit 1,13-15 die Schöpfung der Welt betrachtet wurde, liegt der Fokus nun auf der Erschaffung des Menschen in Weisheit 2,23-24.

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Vers 13: Die in diesem Vers gegebene Begründung bezieht sich auf die vorherige Aufforderung in Vers 12: „Jagt nicht dem Tod nach in den Irrungen eures Lebens und zieht nicht durch euer Handeln das Verderben herbei!“ Um zu verstehen, was in diesen Versen mit „Tod“ gemeint ist muss man zudem noch Vers 11b hinzuziehen: „ein Mund aber, der verleumdet, zerstört Leben“. So ergeben sich mehrere Sinndimensionen. Es geht nicht nur um den physischen Tod, sondern auch um dessen ethische Dimension. Das Handeln derjenigen, die nicht an Gott glauben und im Tod das endgültige Ende des Lebens vermeinen, wird in Weisheit 1,16-2,24 in drastischen Worten beschrieben – sie lauern gar den Gerechten auf und wollen ihm Tod bringen, um ihre Weltsicht zu beweisen: „Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen; er behauptet ja, es werde ihm Hilfe gewährt.“ (Weisheit 2,20); sie jagen somit dem gewaltvollen, zu frühen Tod der Gerechten nach. Und zugleich gestalten sie ihr Leben ausgehend, von der Absolutsetzung des Todes als finalen Endes – ihr Lebensmotto ist: „Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung und man kennt keinen, der aus der Unterwelt befreit.“ (Weisheit 2,1). Das heißt: „Sie verstehen von Gottes Geheimnissen nichts, sie hoffen nicht auf Lohn für Heiligkeit und erwarten keine Auszeichnung für untadelige Seelen.“ (Vers 22).

Vielleicht ist es sinnvoll in Vers 13 das Wort θάνατον (gesprochen: tanaton) als „(Straf-)Tod“ zu übersetzen. Das Buch der Weisheit verdeutlicht, dass dieser endgültige Tod nicht in der Verantwortung Gottes liegt, sondern vom Menschen selbst verursacht wird; für die Gerechten gilt die Aussicht des ewigen Lebens nach dem physischen Tod: „Die Seelen der Gerechten aber sind in Gottes Hand und keine Folter kann sie berühren. In den Augen der Toren schienen sie gestorben, ihr Heimgang galt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit“ (Weisheit 3,1-4). 

Vers 14: Im deutlichen Anklang an den ersten Schöpfungsbericht (Genesis 1,1-2,4) wird in diesem Vers betont, dass die gesamte Schöpfung vom Grunde her als gut angelegt wurde. Alle Geschöpfe sind auf die heilsbringende Beziehung zu Gott, die sich in Gerechtigkeit ausdrückt (siehe Vers 15), ausgerichtet. Es gibt also somit keinen Grund für das Böse in der Welt. Selbst der Tod hat keine Macht, da der Mensch durch ein gerechtes Leben den physischen Tod zu einem Übergang in die Glückseligkeit des ewigen Lebens werden lassen kann.

Vers 15: Direkt die ersten Wörter des Buches der Weisheit fordern den Menschen auf: „Liebt Gerechtigkeit“ (Vers 1). Dem unrechten Denken, Reden und Handeln des Menschen, das zur Lebensvernichtung führt, wird eine Alternative gegenübergestellt: Das Lebensprinzip „Gerechtigkeit“. Wer sich an ihr im Leben ausrichtet, gewinnt Anteil an ihr und somit an ihrer Unsterblichkeit. Die Bedeutung dieses Verses wird noch deutlicher, wenn man einen Blick in die antike, lateinische Übersetzung, die Vulgata wirft. Dort ist der Vers durch eine Antithese ergänzt: „Ungerechtigkeit aber ist Erwerbung des Todes.“ 

Vers 23: Dieser Vers ist eine Auslegung von Genesis 1,27 in Verbindung mit dem zweiten Schöpfungsbericht in Genesis 2,4-3,24. „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ – dieser Aussage fügt der Autor die Präzisierung „zur Unvergänglichkeit“ der als Zielsetzung der Menschschöpfung hinzu. Die Unsterblichkeit gehört nicht zum Wesen des geschaffenen Menschen; doch sie war die das Motiv des den Menschen verfügbaren „Baum des Lebens“ im Garten Eden (siehe Genesis 2,9.17). Der Mensch verliert auch im sogenannten Sündenfall, der im zweiten Schöpfungsbericht erzählt wird, nicht die Würde Ebenbild Gottes zu sein. Sie wird den Menschen auch im Buch der Weisheit zugesprochen – entscheidend ist hier wiederum die Gerechtigkeit. Der Mensch kann wie Gott „in  Gerechtigkeit und Weisheit“ herrschen: „Den Menschen hast du durch deine Weisheit bereitet, damit er über deine Geschöpfe herrscht. Er soll die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten und Gericht halten in rechter Gesinnung.“ (Weisheit 9,2-3). Oder er kann sich von Gott und der Gerechtigkeit abwenden, wie es in Weisheit 2,1-20 beschrieben wird, um dann vor dem Straftod festzustellen: „Also sind wir vom Weg der Wahrheit abgeirrt; das Licht der Gerechtigkeit strahlte uns nicht und die Sonne ging nicht für uns auf.“ (Weisheit 5,6).

Vers 24: Die Schlange aus dem Garten Eden wird hier entweder mit dem Teufel gleichgesetzt, oder er wird hinter der Schlange stehend vermutet. In der alttestamentlichen Literatur, sowohl im hebräischen Text als auch in der griechischen Übersetzung und den in Griechisch verfassten Schriften der Septuaginta ist der Satan entweder eine Bezeichnung für einen zwischenmenschlichen Widersacher/Feind oder für eine Boten Gottes, der dem Menschen feindlich gegenübertritt (u.a. als Ankläger beim göttlichen Gericht). Im apokryphen, nicht zum Kanon der Bibel gehörenden 2. Henochbuch wird vom Fall des Engels Satanail (genannt Satan) erzählt, der aus Neid gegen die Menschen der Eva im Garten Eden die Hand führt (siehe 2. Henoch 31,3-6). Aber vielleicht ist in Weisheit 2,24 gar nicht der gefallene Engel, also der Satan gemeint, sondern es handelt um den Hinweis auf den Menschen als Widersacher und Feind. Dann wäre die Aussage „Neid des Satans“ auf ersten Mord und ersten erzählten Tod der Menschheitsgeschichte, den Brudermord Kains an Abel zu beziehen (Genesis 4,1-8). 

Der zweite Teil des Verses ist eine Wiederaufnahme der Aussage von Weisheit 1,16: „Die Gottlosen aber rufen den Tod mit Taten und Worten herbei und sehnen sich nach ihm wie nach einem Freund; sie schließen einen Bund mit ihm, weil sie es verdienen, ihm zu gehören.“

Auslegung

Der Glaube daran, dass es nur einen Gott gibt und dieser als Schöpfer alle Macht besitzt, ist zugleich beängstigend und tröstlich. Die Radikalität wird im Besonderen in einer Stelle im Buch Deuteronomium deutlich, wo Gott seine Macht in Worte fasst: „Jetzt seht: Ich bin es, nur ich, und es gibt keinen Gott neben mir. Ich bin es, der tötet und der lebendig macht. Ich habe verwundet; nur ich werde heilen. Niemand kann retten aus meiner Hand.“ (Deuteronomium 32,39). Gott ist der Herr über Leben und Tod – aber hat er auch den Tod erschaffen, will er den Tod?

„Gott hat den Tod nicht gemacht,“ heißt es in Weisheit 1,13. Und ein Blick an den Anfang des Buches Genesis zeigt, dass der Tod der Menschen eine Folge des sogenannten Sündenfalls ist. Im Paradies stand der Baum des Lebens freizugänglich für den Menschen – am Ende ist der Weg zurück zum Paradies verschlossen. Schon der Anfang der Bibel verdeutlicht, dass der Tod nicht Teil der „guten Schöpfung“ Gottes ist.  Aber darum geht es im dem zitierten Vers aus dem Buch der Weisheit nicht. Kurz zuvor mahnt das Buch der Weisheit zum gerechten Leben: „Jagt nicht dem Tod nach in den Irrungen eures Lebens, und zieht nicht durch euer Handeln das Verderben herbei!“ (Weisheit 1,12). Der Mensch soll sich nicht für Vergehen gegen die gottgewollte Ordnung entscheiden, sondern für die Gerechtigkeit, das Leben – und somit für Gott. Der Schöpfer hat den Menschen zum Leben erschaffen. Verurteilt wird der gewaltsame, zu frühe Tod, der gemäß biblischer Darstellung erstmals durch Kain und dem Mord an seinem Bruder in die Welt gekommen ist. Gegen das todbringende Denken, Reden und Handeln des Menschen wird im Buch der Weisheit die Gerechtigkeit als Alternative entgegengestellt. Sie ist die Ordnung und das Lebensprinzip, das Gott seiner Schöpfung gegeben hat – und das als Angebot auch nach der Vertreibung aus dem Paradies weiterhin im Angesicht des Todes besteht.

Kunst etc.

Aus der Sicht des Weisheitslehrers, der das Buch der Weisheit geschrieben habt, gibt es Frevler, die sich dem Tod hingeben, "ihm angehören", und Gerechte, die als Abbild Gottes zur Unvergänglichkeit der Gerechtigkeit streben. Im Angesicht des Todes leben die Frevler das gute Leben ohne Rücksicht: "Kommt nun und lasst uns genießen, was wir jetzt haben, und die Schöpfung auskosten, solange wir jung sind.  Wir wollen mit bestem Wein uns füllen und uns salben, und keine Frühlingsblume soll uns entgehen." (Weisheit 2,6-7) - sie tanzen sozusagen mit dem Tod durch das Leben. 

Das im 14. Jahrhundert aufkommende Motiv des Totentanzes passt dazu. Ihm zugrunde liegt der damalige Volksglaube, dass Verstorbene um Mitternacht kommen und tanzen und singen: „Was ihr seid, das waren wir; was wir sind, das werdet ihr!"

Im Buch der Weisheit ist der Tod nicht personifiziert. Der Tod ist selbst keine Macht, sondern liegt als endgültiger Tod in der Entscheidung des Menschen, der mit dem Tod durch das Leben tanzen kann oder mit Weisheit nach Gerechtigkeit und Ewigkeit strebt.

"Tanz der Gerippe" (1493) von Michael Wolgemuth. Lizenz: gemeinfrei.