Das Buch Amos

Am 3,3-8: Gott und die Propheten

3Gehen zwei miteinander, / ohne dass sie sich verabredet haben?

4Brüllt der Löwe im Wald / und er hat keine Beute?

Gibt der junge Löwe Laut in seinem Versteck, / ohne dass er einen Fang getan hat?

5Fällt ein Vogel zur Erde, / wenn niemand nach ihm geworfen hat?

Springt die Klappfalle vom Boden auf, / wenn sie nichts gefangen hat?

6Bläst in der Stadt jemand ins Horn, / ohne dass das Volk erschrickt?

Geschieht ein Unglück in der Stadt, / ohne dass der HERR es bewirkt hat?

7Nichts tut GOTT, der Herr, / ohne dass er seinen Knechten, den Propheten, / zuvor seinen Ratschluss offenbart hat.

8Der Löwe brüllt - wer fürchtet sich nicht? / GOTT, der Herr, hat geredet / - wer wird da nicht zum Propheten?

Überblick

Fragen zu stellen ist immer gut. Und wenn es dann noch kluge Fragen sind, dann nehmen sie das Gegenüber wunderbar mit ins Boot. Die Angesprochenen kommen ins Nachdenken und die sich ergebende Antwort prägt sich ganz anders ein.

Einordnung ins Buch

Der Abschnitt Am 3,3-8 verbindet den Höraufruf Am 3,1-2 mit der mehrteiligen Anklagerede gegen Samaria, die in Am 3,9-11 beginnt und in Am 4,3 enden wird. Unser Abschnitt ist also ein "Brückentext", der als eine einzige Fragekette formuliert ist.  Man kann sagen: Der Prophet Amos macht sich hier selbst zum Thema. Ehe das Buch ab Vers 9 mit der eigentlichen Anklage loslegt, rechtfertigt Am 3,3-8, wie der Prophet überhaupt dazu kommt, im Namen Gottes seine Stimme zu erheben. Wieso darf ein Mensch wie der Viehwirt Amos auftreten und sagen: "Hört dieses Wort, das der HERR gesprochen hat ..." (Am 3,1)? Und warum darf - oder muss er sogar - in den schwerwiegenden Beschuldiungen und Unheilsankündigungen gegen Samaria wie selbstverständlich vom "Spruch des Herrn" (Am 3,10) reden und sagen: "So spricht GOTT, der Herr" (Am 3,11)?

Dabei zeigt sich, dass die Argumentation der Fragekette am Ende auf zwei unterschiedliche Aspekte zielt: Vers 8 deutet die Berufung des Propheten als eine Art göttlichen Zwang, dem er sich nicht entziehen konnte. V 7 hingegen erklärt, dass Gott nie handelt, ohne zuvor einen Propheten "informiert" zu haben. Mit anderen Worten: In V 7 geht es darum, dass das Prophetentum unverzichtbar zu Gottes Wirken gehört. Gott bindet sich selbst an seine Boten.

 

Stil

Zwei Dinge fallen auf:

1. Die Aneinanderreihung von so vielen Fragen ist ungewöhnlich. Zwar begegnet in Am 6,12 noch einmal eine Einzelfrage innerhalb des Amosbuches. Doch ansonsten muss man schon zu Ijob 38,39 – 39,30 blättern, um auf Vergleichbares zu stoßen. In beiden Fällen - Amos wie Ijob - gilt: Fragenketten sind ein rhetorisches Mittel und stehen im Dienste der Überwältigung. Nicht zufällig spricht man von rhetorischen Fragen. Weil ihre Antworten von vornherein feststehen und klar sind, kann man sich der Argumentationslinie nicht entziehen.

2. Am 3,3-9 ist völlig unpersönlich formuliert. Weder spricht Amos von sich in der ersten Person, noch taucht sein Name auf, noch treffen wir auf Gott als Sprecher. Es wird über das Prophetendasein an und für sich und über Gottes Handeln nachgedacht. Das erinnert vom Stil her am ehesten an weisheitliche Belehrungsrede, wie man sie z. B. im Buch der Sprichwörter durchgängig antrifft.

Die Grundsatzerklärung zum Prophetentum an und für sich müssen Leserin und Leser des Amosbuches für sich anhand der Person des Amos konkretisieren. Er konnte sich offensichtlich dem Anruf Gottes nicht entziehen, wie Am 7,15 noch berichten wird. Und er wurde in die Geheimnisse Gottes eingeweiht, ehe Gott die Unheilswelle gegen das Nordreich durch die Assyrer in Gang setzte. Von diesem "Mitteilungsvorgang" erzählen die fünf Visionen in Am 7,7-9; 8,1-3; 9,1-4.

 

"Seine Knechte, die Propheten" (Vers 7)

Vers 7 fällt aus dem Rahmen. Während alle anderen Fragen um den Zusammenhang von Ursache und Wirkung kreisen (s. Auslegung), betont dieser Vers eine zeitlichen Abfolge: Zuerst lässt Gott seine Propheten wissen, was er zu tun beabsichtigt, und dann handelt er. Die Mitteiluing ist nicht die Ursache des göttlichen Handelns, aber, wenn man so will, ihr eigentlicher Beginn. Wenn der Prophet Gottes Plan zum Unheil oder auch zur Heilswende vernimmt und verkündet, hat das entsprechende Geschehen bereits begonnen, auch wenn davon für die Betroffenen noch nichts erkennbar ist. Dieses Prophetenverständnis erklärt auch, weshalb Amos in Kapitel 5 eine Totenklage über Israel anstimmt, obwohl das Staatsgebilde noch "quicklebendig" ist. Weil das Ende Israels bei Gott bereits beschlossene Sache ist, kann der Prophet schon so tun, als sei das Ende bereits eingetreten.

Bei diesem Gedanken geht es nicht nur um Amos, sondern um die Institution des Prophetentums an und für sich. Hier spricht eine Theologie, die im Propheten eine unverzichtbare Säule der Gesellschaftsordnung des Gotttesvolkes sieht. Neben den König als Staatslenker, die Priesterschaft als dem kultischen Vermittler zu Gott und den Richtern bzw. Ältesten als Verantwortlichenfür die Rechtsprechung tritt der Prophet als vierte "Staatsgewalt" mit der Aufgabe, das Wort und damit den Willen Gottes ständig in Erinnerung zu rufen, auch als Korrektiv gegenüber den anderen genannten "Staatsgewalten". Diese Sichtweise vom Propheten findet sich einerseits in Deuteronomium 18,15-22 (nachdem zuvor vom König, den Priestern und Richtern die Rede war) sowie in nahezu wörtlicher Entsprechung zu Am 3,7 in Jeremia 23,18.22.

Im Buch Jeremia findet sich auch ein Schwerpunkt der Belegstellen, an denen die Propheten wie in Am 3,7 mit dem Ehrentitel "Knecht Gottes" verbunden werden (Jer 7,25; 25,4; 26,5; 35,15; 44,4; vgl. auch 2 Kön 9,7; 17,13.23; 21,10).  Damit rücken sie in eine Reihe mit Mose (Ex 14,31) und dessen Nachfolger Josua (Josua 24,29). Mehr der Ehre geht nicht.

Alles zusammen spricht dafür, dass Am 3,7 sich einer Überarbeitung verdankt, die in der Gestalt des Amos einen gewichtigen Vertreter des Prophetentypos sah, der ihrem Ideal entsprach: aufmerksam für Gottes Wort, unerschrocken und unverfälscht in der Weitergabe dieses Wortes - auch im Widerspruch zu Priester und König (vgl. Am 7,10-17).

Auslegung

Am 3,3-6.8 setzt  auf das Prinzip: Keine Wirkung ohne Ursache. Dem gemeinsamen Gang von zwei Personen geht die Verabredung voraus, dem Löwengebrüll der Beutefang. Die beiden Beispiele aus der Vogeljagd funktionieren nach demselben Muster. Dann aber kippt die Argumentationsfigur unvermittelt um: Es geht um Ursachen, deren Wirkung man sich nicht entziehen kann. Das Blasen ins Widderhorn (Schofar), das Kriegssignal der damaligen Zeit, fährt den Menschen in die Glieder und lässt sie erschrecken. Vers 6b kehrt in das erste Muster zurück, nun allerdings in theologischer Wendung: Kein Unheil geschieht einer Stadt ohne das Zutun Gottes selbst. Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um die grundsätzliche Antwort auf die Frage, woher das Leiden in der Welt kommt, sondern um Unheil im Sinne von Krieg u. ä., das sich z. B. eine Stadt durch ihr widergöttliches Verhalten als Strafe zugezogen hat. Dahinter steht der Gedanke des Tun-Ergehen-Zusammenhangs, der klassisch im Buch der Sprüche ausformuliert ist: „Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ (Sprichwörter 26,27; vgl. 28,10; Kohelet 10,8). Dieser Grundsatz war zur Zeit des Amos so geläufig und unbestritten, dass er zur Formulierung einer rhetorischen Frage mit erwartbarer Antwort taugte. Einige Jahrhunderte später werden die Bücher Ijob und Kohelet (Koh 8,9-12)  ihn in seiner Grundsätzlichkeit allerdings in Frage stellen.

Erst beim zweiten Blick erkennt man, dass die Fragen verborgen mit der Person des Amos zu tun haben: Er ist mit seinem Gott unterwegs, weil seinem Gang nach Samaria und Bet-El eine Berufung („Verabredung“) vorausgegangen ist (vgl. Am 7,1-9; 8,1-3; 9,1-4). Der "brüllende" Löwe ist niemand anders als Gott selbst (vgl. Am 1,2; 3,8.12; 5,19). Dass er Israel zu seiner Beute erkoren hat, ist die  Botschaft des Amos. Das Vogelfangbild klingt fremd, verweist aber mit den Stichworten „fallen“ und „Erdboden“ bereits voraus auf die „Jungfrau Israel“, die „gefallen“ ist und auf dem „Erdboden“ liegt (Am 5,1). Der Schofarbläser (Vers 6) dürfte wieder Amos selbst sein. Er muss ankündigen, dass Gott den Krieg, der üblicherweise mit dem Schofargeschmetter eröffnet wird, mitten in sein Volk hereinträgt (Am 7,8: Das Zinn steht hier symbolisch für Kriegswaffen). Die Menschen mögen ob seiner Rede erschrecken (vgl. Am 7,10-11), aber sie ändern sich nicht. Vielleicht aber erschrecken sie nicht einmal. Sie wollen nicht wahrhaben, dass Gott selbst hinter allem steht. Es gibt einen Selbstgewissheits- und Übherblichkeitspanzer, der gegen alle Warnung von außen abschirmt (vgl. die Rede von den "Selbstsicheren und Sorglosen" in Am 6,1). Das gilt bis heute.

Doch so wenig die Menschen sich dem Unheil werden entziehen können (vgl. Am 8,2: „Gekommen ist das Ende zu meinem Volk Israel.“), so wenig konnte sich Amos dem Ruf dieses Löwen, also Gott selbst entziehen. Amos folgt nicht einem inneren Wunsch, sondern einer Art Zwang und Überwältigung durch Gott. Diese Sicht wird bestätigt durch die ersten beiden Berufungsvisionen (Am7,1-3.4-6), in denen Amos sich der auszurichtenden Botschaft verweigert, um sich ab der dritten Vision (Am 7,7-9) ins Unabänderliche zu fügen.

In diese Gedankenkette fügt der eingeschobene Vers 7 (s. Überblick) noch einen zusätzlichen Aspekt ein: Wenn Gott selbst hinter  dem Wort des Propheten steht - und zwar immer und grundsätzlich -, dann ist an der Richtigkeit des Botschaft des Amos nicht zu zweifeln. Für die Zeit der deuteronomistischen Redaktion gilt: Der Untergang des Nordreichs 722 v. Chr. hat die Botschaft des Amos bestätigt. Er ist ein beweiskräftiges Glied in der Kette der verlässlichen Gotteszeugen. Damit bleibt der Schuldaufweis prinzipiell – auch über die Zeit des Amos hinaus – gültig: Gottes Erwählung entlässt die Erwählten nie aus ihrer Verantwortung.

Kunst etc.

Hier findet man einen ersten Höreindruck vom Klang des Schofar, auf den Amos 3,6 anspielt: "Bläst jemand in der Stadt in Horn ...". Da es das Widderhorn in sehr verschiedenen Größen gibt und vermutlich bei einem kriegerischen Angriff mehrere "Kriegstrompeten" gleichzeitig erklangen, muss man sich einen entsprechenden ohrenbetäubenden Lärm vorstellen, der einem den Schrecken in die Gleider fahren ließ: