Psalmen

Psalm 3

1 Ein Psalm Davids, als er vor seinem Sohn Abschalom floh.

2 HERR, wie viele sind meine Bedränger;
viele stehen gegen mich auf.
3 Viele gibt es, die von mir sagen:
Er findet keine Hilfe bei Gott. [Sela]
4 Du aber, HERR, bist ein Schild für mich,
du bist meine Ehre und erhebst mein Haupt.

5 Ich habe laut zum HERRN gerufen;
da gab er mir Antwort von seinem heiligen Berg. [Sela]
6 Ich legte mich nieder und schlief,
ich erwachte, denn der HERR stützt mich.
7 Viele Tausende von Kriegern fürchte ich nicht,
die mich ringsum belagern.

8 HERR, steh auf,
mein Gott, bring mir Hilfe!
Denn all meinen Feinden hast du den Kiefer zerschmettert,
hast den Frevlern die Zähne zerbrochen.
9 Beim HERRN ist die Hilfe.
Auf deinem Volk ist dein Segen. [Sela]

Überblick

„Beim HERRN ist die Hilfe“ – da ist der Beter von Psalm 3 sich sicher. Erstmals wird im Psalter eine Gebet zu Gott gesprochen; und die darin enthaltene Bitte ist eigentlich ein Glaubensbekenntnis.

 

1. Verortung im Buch

David betritt die Bühne des Psalmenbuches. Die erste Überschrift im Psalter, die erst nach den beiden überschriftslosen Psalmen 1 und 2 steht, zeigt nun nicht den siegreichen und mächtigen König David, sondern verweist auf einen von seinen Feinden umringten und scheinbar hilflosen Menschen. Der erste Hinweis auf David im Buch der Psalmen stellt ihn auf der Flucht vor seinem Sohn und Thronaspiraten Absalom darf (vgl. die Erzählung in 2 Samuel 15-18). Auch die folgenden Psalmen 4-7 sind die Klagelieder eines Verfolgten.

Für die Leser und Beter, die von Psalm 2 zu Psalm 3 kommen, lässt sich der Beter leicht als König identifizieren. In Psalm 2,8 fordert Gott den König auf ihn zu bitten: „Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde.“ – nun erklingt in Psalm 3 aber nicht die Forderung aus der Macht heraus, sondern die Bitte um Gottes Hilfe in der Not. Selbst der mächtige König bittet so wie jeder Gläubige Gott um Hilfe. 

Nach den theologischen Psalmen 1-2 wird nun in Psalm 3 erstmals direkt zu Gott gesprochen – und dieses Gespräch zieht sich nun durch den gesamten Psalter. Der in Psalm 3 geäußerte Glauben im Gebet findet direkt in Psalm 4,9 seinen Widerhall und sein bestätigendes Bekenntnis: „In Frieden leg ich mich nieder und schlafe; denn du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen“ (vgl. Psalm 3,6).

Mit Psalm 3 beginnt im Buch der Psalmen, der sogenannte Davidspsalter und das sogenannte Erste Buch (Psalm 3-41) – der Aufbau und die Bedeutung dieser Gruppierung von Psalmen wird bei der abschließenden Kommentierung von Psalm 41 näher betrachtet werden.

 

2. Aufbau

In eckigen Klammern gesetzt, stolpert man beim Beten, schnell über das Wort „Sela“ in der revidierten Einheitsübersetzung. Abgesehen davon, dass die Bedeutung des zugrundliegenden hebräischen Wortes סלה (gesprochen: sela) nicht geklärt ist, ist auch seine Funktion in den Psalmen unklar. Ist es ein musikalischer Marker? – vielleicht zum Erheben der Stimme? Denn etymologisch ist die Ableitung des Wortes von einem mit „erheben“ zu übersetzenden Verb möglich. Oder handelt es sich um ein Gliederungszeichen? Denn das gleiche Verb kann auch „aufschütten“ bedeuten und häufig, aber eben nicht immer (siehe Psalm 69,8), ist eine gliedernde Funktion des Wortes סלה festzustellen. Auch in Psalm 3 legt sich keine Strukturierung des Textes anhand dieses Wortes in den Versen 3.5.9 nahe. Doch das Wort hebt besondere Momente des Textes hervor: den Stimmungsumschwung von der Notschilderung zum Glaubensbekenntnis zwischen den Versen 3 und 4; die Betonung der Gewissheit der Gebetserhörung in Vers 5, die in den Versen 6-7 expliziert wird, und das Ende des Gebets nach Vers 9.  

Der Psalm ist deutlich durch die Art der Rede strukturiert. Während der Beter in den Versen 2-4 und 8-9 zu Gott spricht, redet er in den Versen 5-7 über ihn. In diesen drei Strophen kommt jeweils zweimal der Gottesnamen JHWH vor. Die Verse 2.4 und 8.9 sind sogar durch den Gottesnamen gerahmt.

Eine zentrale Bedeutung in Psalm kommt Vers 8 zu: In ihm werden die Begriffe Gott, Rettung/Hilfe und das Verb „aufstehen“ verwendet („HERR, steh auf, mein Gott, bring mir Hilfe!“), wodurch diese Bitte auf die Umkehrung des in den Versen 2-3 mit eben diesen Begriffen geschilderte Leid zielt. 

Im Psalm folgt auf die Notschilderung (Verse 2-4) ein erfahrungsbasiertes Vertrauensbekenntnis, das der Selbstvergewisserung dient (Verse 5-7), das die Grundlage zur Rettungsbitte bietet (Verse 8-9).

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Vers 1: Im kirchlichen Gebet wird die Überschrift eines Psalms meistens ausgelassen. Doch sie bietet oft mehr als nur eine Gattungszuschreibung. In Psalm 3 wird erstmals im Psalter der hebräische Begriff מזמור (gesprochen: mizmor) verwendet, mit dem 57 Psalmen überschrieben sind und der in seiner antiken, griechischen Übersetzung namensgebend für diese Gebet wurde (gr. ψαλμός; gesprochen: psalmos, dt. „Saitenlied“). Es handelt sich bei Psalmen um zur Instrumentalbegleitung gesungene Lieder. In Psalm 3,1 folgt auf diese Gattungszuschreibung der Hinweis לדוד (gesprochen: leDavid). Zwar ist es möglich dies als Autorenzuschreibung zu verstehen, doch wie Psalm 72,1 verdeutlicht, handelt es sich um eine Leseanleitung: Der Beter kann den folgenden Text auch im Anbetracht der Erzählung des Lebens Davids, das heißt hier im besonderen Falle der Flucht des Königs vor seinem eigenen Sohn (2 Samuel 15-18) gelesen werden. Dies bedeutet keine Engführung des Psalms auf eine geschichtliche Situation, sondern das Ziel ist die Exemplifizierung. Der Leser, der sein Leben in diesen Psalm einbringt, darf und kann das Gebet mit dem Leben Davids in Dialog bringen. Der König David begegnet dem Beter in diesem Psalm als „Sänger der Conditio humana“, wie der Alttestamentler Rainer Kessler schreibt. In dem Psalm begegnet der Leser keinem überhöhten Königsbild, sondern einem verfolgten Menschen und seinem Glauben – und Menschen aller Zeiten können sich mit ihm identifizieren. 

Verse 2-3: Das Reden zu Gott, beginnt kurz und knapp, ohne eine captatio benevolentiae – um die Aufmerksamkeit Gottes muss nicht geworben werden. In Psalm 3 reicht die direkte Anrede mit dem Gottesnamen: JHWH! Dem folgt direkt die anschwellende Notschilderung. Wie in drei Wellen erklingt das Wort „viele“: Viele bedrängen, viele stellen sich gegen den Beter und viele sagen ihm: „Es gibt keine Rettung für ihn durch Gott!“ Diese Aussage bedeutet nicht weniger, als dass selbst Gott nicht auf der Seite des Beters stehen würde – das bedeutet im Endeffekt, dass nicht nur viele, sondern alle dem Beter entgegenstehen. Die Situation des Beters scheint aussichtlos. Das Aufstehen seiner Gegner kann sogar eine militärische Angriffshandlung bedeuten (vgl. 1 Samuel 25,29). Doch bereits die Rede zu Gott in den Versen 2-3 konterkariert die Aussage der Feinde. Der Beter spricht JHWH persönlich an, während die Gegner diese persönliche Beziehugnsebene zu Gott nicht zum Ausdruck bringen, man könnte sogar übersetzen: „Es gibt für ihn keine Rettung durch einen Gott!“.   

Vers 4: Das Bekenntnis des Beters spricht eine andere Sprache als das Feindzitat in Vers 3. Wieder erkling militärische Sprache. Gott ist eine Verteidigungswaffe für den Beter, ein Schild, das – wörtlich übersetzt – „um micht herum“ ist und so einen Sicherheitsabstand erzeugt. Gott sicher Abraham in Genesis 15,1 zu, dass er ebenso ein Schild für ihn sein werde. Das Schild ist ein in den Psalmen häufig verwendetes Gottesbild. Bemerkenswert ist daran, dass das מגן (gesprochen: magen) ein kleines, am Arm getragenes Schild war. Die beiden anderen in diesem Vers verwendeten Bilder entstammen aus der sozialen und rechtlichen Sphäre: In den Augen der Feinde besitzt der Beter keine Ehre mehr – doch die Ehre des Beters ist grundgelegt in der Ehre Gottes; Gott wird das Haupt des Beters erheben, sein Recht wieder herstellen. 

Verse 5-7: Der Beter kommt zum Gegenbekenntnis. Er setzt den vielen Sagenden (Vers 3) nun wörtlich „meine Stimme“ entgegen. Er verkündet seinen Glauben an Gott, der ein (Er-)Hörender ist. In Psalm 2,6 ist der Berg Gottes, der besondere Ort der Gegenwart und Rettungshandlung Gottes, dort hat er seinen König eingesetzt, und von dort aus handelt er in der Welt – davon ist der Beter festüberzeugt. In diesem Glauben kann er sich, während seine Feinde gegen ihn aufstehen (Vers 2), in der Nacht – der Zeit der Bedrohung und der Gefahr – beruhigt niederlegen und sanft bis zum Morgen schlafen, denn Gott beschützt und stützt ihn.Der Kontrast zwischen den Vielen (Verse 2.3), dem „vielen Kriegsvolk“ (Vers 7) und dem bedrohten, aber durch Gott beschützten Einzelbeter, könnte nicht deutlicher ausgedrückt werden: eingekesselt bleibt der Beter doch furchtlos, kann sich gar ausrufen aufgrund seiner Beziehung zu Gott, seinem Schild.

Verse 8-9: In beiden abschließenden Versen wird JHWH mit „Rettung/Hilfe“ gleichgesetzt. Gott soll sich nun gegen diejenigen aufstellen, die sich gegen den Beter aufgestellt haben (Vers 2). Und die Worte der Feinde aus Vers 3 sollen widerlegt werden. Der Beter bekennt in seiner Bitte deutlich JHWH als „meinen Gott“ (vgl. Vers 3). Und die gegenwärtigen Bedränger werden in eine Linie gesetzt mit den bisher besiegten Feinden. Sie werden als Frevler gebrandmarkt und ihr Mund, aus dem das Zitat in Vers 3 stammt, soll zertrümmert, d.h. zum Schweigen gebracht werden. Vers 9 ist dann abschließend die Antwort auf die Worte der Feinde: JHWH ist ein Gott der Rettung, für diejenigen, die an ihn glauben und die zu ihm rufen; und der Rufende ist nicht alleine, sondern Teil des Volkes Gottes, auf dem sein Segen ruht – und dieser Segen bedeutet Rettungsgewissheit. Die Nennung des Volkes (עם, gesprochen: am) scheint überraschend. Der Beter ist doch scheinbar alleine umzingelt von seinen Feinden und ganz auf Gott angewiesen. Doch geschickt wird somit zum Abschluss des Psalms dem eben mit diesem Wort beschriebenen, bedrohlichen Kriegsvolk in Vers 7 die Heilsgemeinschaft des Volkes Israel, des Volkes Gottes gegenübergestellt und abschließend darauf verwiesen, dass viele (siehe Verse 2-3) nicht „alle“ sind.

Auslegung

Die Rettung aus Feindeshand ist das Thema von Psalm 3. Immer wieder werden in den Psalmen die Feinde, die Bedränger thematisiert; hier gar mit militärischen Konnotationen. In diesem Psalm wird die Gefahr, die von den Widersachern ausgeht, zugespitzt durch ein Zitat aus ihrem Mund. Nicht die Gewalt, die zur Gefahr wird, steht im Mittelpunkt, sondern deren Glaube: Bei Gott sei für den Gläubigen keine Rettung. Psalm 3 ist im Endeffekt gegen diese Worte keine Bitte um Rettung, sondern bereits in Bekenntnis, das ein Widerlager gegen die Hoffnungslosigkeit bietet. Der Beter findet Schutz im Reden über Gott (Verse 5-7.8b) und vor allem im Reden zu Gott. Er ist sich gewiss, dass Gott in seinem Leben handelt und ihm Ruhe schenkt (Vers 6). Dieser Psalm ist der Beweis der Aussage in Psalm 2,12b: „Selig alle, die bei ihm [= Gott] sich bergen!“

Kunst etc.

Gott ist eine Verteidigungswaffe – diese Aussage in Vers 6 (siehe auch die Rubrik „Kontext“) wird sehr plastisch, wenn man im damaligen historischen Kontext zum Beispiel dieses Relief ansieht, auf dem zwei assyrische Soldaten zu sehen sind, die mir ihren Armschildern, den angreifenden Gegner niederdrücken. Dieses sehr plastische Bild wird jedoch in der Aussage des Psalms gebrochen. Das Schild, von dem der Beter spricht, ist nicht nur die schützende Verlängerung des eigenen Arms. Das Schild dient nicht der Unterdrückung oder Unterwerfung, sondern der Ruhe für den passiv-bleibenden Beter.

Titelbild: “Two helmeted Assyrian soldiers force an enemy onto his knees. The have spears raised high, short swords at their hips and round shields”, Relief aus dem Rijksmuseum van Oudheden, fotografiert von NearEMPTiness. Lizenz: CC BY-SA 4.0.