Das Buch Amos

Am 8,4-14: Drei Unheilsworte

4Hört dieses Wort, die ihr die Armen verfolgt / und die Gebeugten im Land unterdrückt!

5Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei, dass wir Getreide verkaufen, / und der Sabbat, dass wir den Kornspeicher öffnen können?

Wir wollen das Hohlmaß kleiner und das Silbergewicht größer machen, / wir fälschen die Waage zum Betrug,

6um für Geld die Geringen zu kaufen / und den Armen wegen eines Paars Sandalen. / Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld.

7Beim Stolz Jakobs hat der HERR geschworen: / Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.

8Sollte deshalb nicht die Erde beben, / sollte nicht alles trauern, was auf ihr wohnt?

Sollte sie sich nicht heben wie der Nil, / aufgewühlt sein und sich wieder senken wie der Strom von Ägypten?

9An jenem Tag / - Spruch GOTTES, des Herrn -

lasse ich am Mittag die Sonne untergehen / und breite am helllichten Tag über die Erde Finsternis aus.

10Ich verwandle eure Feste in Trauer / und all eure Lieder in Totenklage.

Ich lege um alle Hüften das Trauergewand / und schere jeden Kopf kahl.

Ich bringe Trauer über das Land wie die Trauer um den Einzigen / und das Ende davon wird sein wie der bittere Tag.

11Siehe, es kommen Tage / - Spruch GOTTES, des Herrn - ,

da schicke ich Hunger ins Land, / nicht Hunger nach Brot,

nicht Durst nach Wasser, / sondern danach, die Worte des HERRN zu hören.

12Dann wanken sie von Meer zu Meer, / von Norden nach Osten ziehen sie,

um das Wort des HERRN zu suchen; / doch sie werden es nicht finden.

13An jenem Tag werden die schönen jungen Mädchen / und die jungen Männer in Ohnmacht fallen vor Durst,

14alle, die bei der Schuld von Samaria schwören / und sagen: So wahr dein Gott lebt, Dan!

und: So wahr der Weg nach Beerscheba lebt!, / sie werden zu Boden stürzen und sich nicht mehr erheben.

Überblick

Erweist sich vom Buchaufbau her die vorangehende Amos-Amazja-Szene in Amos 7,10-17 als Begründung des "Gesinnungswandels" in Gott, nicht länger an seinem Volk verschonend, d. h. vergebend vorüberzugehen, so lesen sich die drei Unheilsworte Amos 8,4-14 als Begründung für das "endgültige Aus" der vierten Vision (Amos 8,1-3).

 

Aufbau des Gesamttextes und Einordnung in das Amosbuch

Amos 8,4-7 variiert die aus Amos 2,6-7 bekannte Anklage. Der Vorwurf der Armenunterdrückung und des Schuldsklaven-Verkaufs wird um Handelsbetrug und Gewinngier erweitert. Das eigentliche Unheilswort in Vers 7 greift mit der markanten Rede vom "Stolz Jakobs" begrifflich auf Amos 6,8 zurück.

Die Verse 9-10 - eingeleitet durch die Formel "An jenem Tag" - machen das Trauermotiv stark, und zwar nicht als "Trauer der Schöpfung" (so in Amos 1,2), sondern in dem Sinn, dass das ganze Land nur noch von Trauerklagen erfüllt sein wird. Damit wird an die Trauerklagen der Palastsängerinnen in Amos 4,3 ebenso angeknüpft wie an das Kapitel 5, das als ganzes die Form einer Trauerklage hat (vgl. Amos 5,1). Besonders nahe zu Amos 8,9-10 stehen dabei die Schlussverse Amos 5,16-17.

Das dritte Unheilswort Am 8,11-14 ("Siehe, Tage kommen ...") kündigt das Ausbleiben des göttlichen Wortes an und setzt damit einen Kontrapunkt zur "Wort-Vertreibung", d. h. zum Redeverbot und Rauswurf des Propheten in Amos 7,10-17.

Vers 8 schiebt zwischen erstes und zweites Unheilswort die Frage ein, ob angesichts des enormen Unrechts nicht die ganze Schöpfung in Aufruhr geraten sollte, und greift dabei auf Motive aus dem insgesamt dreistrophigen Namen-Gottes-Hymnus zurück (Amos 4, 13; 5,8; 9,5-6). Eine besondere Nähe zeigt sich zur dritten der genannten Strophen, wie das gemeinsame Stichwort "Nil" belegt.

 

Das erste Unheilswort: Verse 4-7

Mit Hilfe von Entlehnungen aus der Israelstrophe (Amos 2,6-16) entsteht ein neuer Schuldaufweis. Er hat die Funktion,  innerhalb der gesamten fünf Visonen des Amosbuches genau an der Stelle, wo die auszurichtende Botschaft am härtesten formuliert ist - “Das Ende ist gekommen” (8,2) - diese Härte des Urteils zu begründen. Dazu werden aber nicht mehr verschiedene soziale Vergehen nebeneinandergestellt wie in 2,7-8, sondern eine einzige durchgängige Anklage wird formuliert. Sie schlüsselt das Verhalten der Angeklagten nach Ziel, innerer Haltung und Mitteln zur Durchsetzung ihres Ziels auf. 

Das Ziel heißt in heutiger Sprache Gewinnmaximierung - um jeden Preis. Wörter wie "verkaufen", "kaufen" und "Geld" - zur biblischen Zeit keine Münzen, sondern ungeprägte Silberstücke, deren Wert vom Gewicht abhing - zeigen, dass allein der ökonomische Gesichtspunkt zählt. Bei den Mitteln ist man nicht zimperlich. Wer in diesem System "schwächelt", wird zum Opfer und verliert durch Aufkauf bzw. Weiterverkauf seinen Status als freier und damit rechtsfähiger Bürger. Kleinbesitz wird dem Großgrundbesitz zugeordnet, Abhängigkeiten werden zur Erpressung menschenunwürdiger Dienstleistungen ausgenutzt. Im freien Handel herrscht Betrug durch Manipulation der Messgeräte. Und die Feiertage des Neumondfestes und des Sabbats1, an denen man  keine Geschäfte tätigte, werden weder als gottgeschenkte Zeiten des Atemholens noch als Tage für den Gottesdienst verstanden, sondern einzig als entgangene Geschäftsgelegenheit. Die aktuellen Diskussionen um geschäftsoffene Sonntage winken schon aus biblischer Zeit herüber.

Erkennbar wird hinter den genannten Beispielen eine Haltung der rücksichtslosen Vorteilssuche, der Streichung aller nicht geschäftlich verwertbaren Dimensionen aus dem Leben - auch der Dimension Gottes -, eine Haltung der Instrumentalisierung von allem und jedem und ein Wechsel von allgemein gültigem Recht zu privater Festsetzung der Spielregeln, die den Rechtsbruch z. B. in Form von Betrug erlauben. Zeitlich gehören diese Vorwürfe entweder in die Phase der Anwendung der Amosworte auf das Land Juda im ausgehenden 8. Jh. v. Chr. oder vielleicht sogar erst in die viel spätere Zeit der Rückkehr aus dem Exil. Denn gerade die dann regierenden Perser scheinen bei aller religiösen Toleranz einen erheblichen Wirtschaftsdruck und ein entsprechendes ökonomisch ausgerichtetes Denken verbreitet zu haben (vgl. Nehemia 5,1-5; das gesamte entsprechende Kapitel aus Nehemia findet sich wiedergegeben unter "Kontext").

Ein letztes Mal innerhalb des Amosbuches folgt ein JHWH-Schwur (vgl. bereits Amos 4,2; 6,8). Diesmal schwört JHWH aber nicht bei sich selbst, sondern beim “Stolz Jakobs”. Dieser dürfte hier - anders als in Amos 6,8 - nicht den Hochmut des Nordreichs meinen, sondern für das Land als gottgeschenktes Erbe stehen (vgl. Psalm 47,5 und Nahum 2,3 mit einer entsprechenden Redeweise vom “Stolz Jakobs”). Unausgesprochen steckt damit in der Beschreibung des Schwurs die Anklage, dass die Adressaten schlechte Verwalter des ihnen von Gott überantworteten Erbteils sind. Sein besonderer Blick für die "Armen" und "Gebeugten im Land" (Vers 4) findet keine Entsprechung im Leben der angesprochenen Menschen. Wenn diese auf Gottes Vergesslichkeit gesetzt haben sollten, so befinden sie sich im Irrtum: Gott gedenkt ihrer Taten; jede von ihnen wird festgehalten, und ihre den Täter selbst einholende Wirkung bleibt erhalten. Wann Gott die Täter der Wirkung ihrer Taten preisgibt, das bleibt im Text offen.

 

Eine Frage zum Nachdenken: Vers 8

Wie  Amos 1,2 das in 1,1 genannte Erdbeben als Folge des Wirkens Gottes in der Schöpfung interpretiert, in dem er sein lebensspendendes Handeln widerruft, so interpretiert Am 8,8 den offen formulierten Vorgängervers im Sinne eines Erdbebens mit seinen Folgen, das kommen wird. Obwohl in Am 8,8 nicht ausdrücklich von Gott die Rede ist,  lässt der Zusammenhang (Vers 7) keinen Zweifel, dass hinter dem Erdbeben kein anderer als JHWH selbst steht. Die gewaltige kosmische Erschütterung als Folge der zuvor genannten Untaten könnte als unverhältnismäßig erscheinen. Doch die rhetorische Frage, die auf ein Ja zielt, will gerade zur Einsicht führen, dass Gott zu solcher Katastrophe alles Recht auf seiner Seite hätte. Vgl. dazu unter "Auslegung".

 

Das zweite Unheilswort: Verse 9-10

Im hebräischen Text besteht eine Lautbrücke zwischen "Nil" (hebräisch: ye’ôr) in Vers 8 und "Licht" (hebräisch: ’ôr) in Vers 9. Die Formulierung der Einheitsübersetzung "am helllichten Tag" heißt wörtlich: "am Tag des Lichts"  und gibt sich damit als Anspielung auf Amos 5,18-20 zu erkennen, wonach der "Tag des Lichts" für die Adressaten des Amos zum "Tag der Finsternis" werden wird.

Dies bedeutet zunächst einmal, dass Vers 8 ein Scharniervers ist, der sowohl auf Vers 7 und andere frühere Texte zurückverweist, aber zugleich auch schon zur Fortsetzung ab Vers 9 überleitet. Das Verbindende ist die Aufhebung der Schöpfungsordnung durch den Schöpfer selbst. Sie betrifft nicht nur die räumlichen Dimensionen, sondern auch die Zeit. Die von den festgesetzten "Lichtzeiten" abhängige Zeit- und Lebensordnung gilt nicht mehr. Das Licht als Metapher für das Leben wird ersetzt durch die Finsternis als Metapher des Todes. Der lebensunfähige Ausgangszustand der Schöpfung, aus dem Gott erst ein Lebenshaus durch sein "Es werde Licht" erschuf (Genesis/1. Buch Mose 1,1-5), taucht drohend als Szenario auf.

Dazu passt auch Vers 10, der über das Motiv der Trauer und der Totenklage diese Welt des Todes weiter ausmalt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich Vers 10 als eine Unheilsankündigung, die ihr "Material" vor allem aus dem 5. Kapitel des Amosbuches bezieht. Dies gilt in doppelter Weise: Besonders Amos 5,1-3 und 5,16-17 kündigen Unheil in der indirekten Form an, dass es Anlass zu großer Trauer geben wird. Die "Feste" und "Lieder" hingegen sind aus den Versen 5,21.23 bekannt. Sie stehen für den sinnentleerten Kult, der Gott nur noch bestechen und das Unrecht im Alltag vertuschen soll.

Wenn man so will, ordnet sich auch Vers 10 in die Perspektive der Zeit ein, um die es in Versen 9-10 geht. Dies zeigt der Blick auf einen berühmten Text aus dem Buch Kohelet. Dieser Weise schreibt u. a., es gebe "eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz" (Kohelet 5,4). Amos 8,10 kündet eine reine Zeit des Weinens und Klagens ohne Aussicht auf Lachen und Tanzen, auf Feiern und Singen an.

 

Das dritte Unheilswort: Verse 11-14

Die letzte Einheit ist ein Doppelspruch, der mit seinen beiden unterschiedlichen Einleitungen ("Siehe, es kommen Tage" [Vers 11] und "An jenem Tag" [Vers 13 wie bereits vorher Vers 9]) einerseits einen uneinheitlichen Eindruck macht, andererseits aber durch das Wort "Durst" (Verse 11 und 13) zusammengehalten wird.

a) Verse 11-12

Entscheidender ist der Wechsel zwischen Vers 10 und Vers 11. Denn jetzt wird ein neues Thema eingeführt: das "Wort des HERRN". Das erinnert zwar der Sache nach an die Amos-Amazja-Szene in Amos 7,10-17. Hier geht es ja gerade darum, dass Amos die Möglichkeit genommen wird, das Wort Gottes in Bet-El zu verkünden. Man verbietet ihm den Mund. Und tatsächlich fällt auch der markante Begriff "Wort des HERRN" in diesem Absatz (7,16: "Darum höre jetzt das Wort des HERRN ..."). Aber er hat hier klängst nicht die grundsätzliche Bedeutung wie in Amos 8,11-12. Hier steht nicht mehr das Einzelwort eines Propheten im Auftrag seines Gottes zur Debatte, sondern das Sprechen Gottes an und für sich. Ohne dieses Sprechen gäbe es nicht ein einziges der Worte der Propheten und auch keinen Buchstaben der Heiligen Schrift. Es geht um das Wort Gottes als die eigentliche Lebensquelle. Diese Vorstellung stammt nicht aus dem Amosbuch. Hintergrundtexte sind vielmehr Verse wie Deuteronomium/5. Buch Mose 8,3b und Jesaja 55,1-3:

"Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht" (Deuteronomium 8,3b).

"1 Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch! 2 Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen! 3 Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben! Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: Die Erweise der Huld für David sind beständig" (Jesaja 55,1-3).

Hier geht es nicht um das Schöpferwort, das alles ins Dasein ruft (vgl. Genesis 1), sondern um Gottes Wort der Weisung, wie es sich in der Weisung der Tora des Mose und ebenso in den wegweisenden Worten der Propheten findet. Es will Orientierung geben, wie Leben gelingen kann ohne sich von dem abhängig zu machen, was mit Geld zu bezahlen ist. Damit wird nicht der Armut das Wort geredet, wohl aber der Vergottung des Geldes und dessen, wofür es steht, eine Absage erteilt: z. B. Macht, Blindheit für die, die weniger oder nichts haben, Käuflichkeit von allem und jedem auch unter Akzeptanz des Rechtsbruchs usw. . Das Wort Gottes will Weisung geben, mit allen anderen zu leben und nicht auf Kosten anderer.

Was ist, wenn niemand mehr dieses Wort wachhält? Was ist, wenn es keine Prophetinnen und Propheten mehr gibt? Genau diese Situation wird in Aussicht gestellt, aber nicht als etwas, das die Menschen gleichgültig, sondern sie suchen lässt - wie sie einst in der Wüste vom Hunger getrieben nach Manna suchten (Amos 8,12 ["dann ziehen sie"/wörtlicher: "dann streifen sie umher"] und die Mannasuche in Numeri/4. Buch Mose 11,8 ["Das Volk streifte umher und sammelte ..."] sind durch dasselbe auffällige hebräische Wort schûṭ "umherstreifen" miteinander verbunden). Eine eigentümliche Unheilsdrohung: Gott lässt weltweit ("von Meer zu Meer") den Entzug seine Wortes als geistliche Not verspüren. Das setzt natürlich voraus, dass sich aus denen, die Gott das Wort verbieten wollten (vgl. Amos 7,10-17) erst einmal solche geworden sind, die die Bedeutsamkeit des Wortes Gottes wieder erkannt haben. Wo aber diese Sehnsucht gegeben ist, da ist es schwer vorstellbar, dass Gott sich entzieht - so wenig, wie sich im Gleichnis vom Verlorenen Sohn bzw. Barmherzigen Vater eben dieser Vater dem heimkehrenden, zur Besinnung gekommenen Sohn entzieht (vgl. Lukas 15,11-24).

Der Spruch aus Amos 8,11-12 richtet sich wohl bereits an die aus Juda vertriebene, im Exil lebende jüdische Gemeinde, die ihre Sehnsucht nach dem Wort Gottes ja nicht verlieren soll. Die Verse ordnen sich in sehr eindringlichen Worten einmal mehr in die Theologie des 4 Kapitels des Buches Deuteronomium ein, das sowohl den Zustand des Exils (Verse 27-28) als auch der heilvollen Wende (Verse 29-30) umschreibt:

27 Der HERR wird euch unter die Völker verstreuen. Nur einige von euch werden übrig bleiben in den Nationen, zu denen der HERR euch führt. 28 Dort müsst ihr Göttern dienen, Machwerken von Menschenhand, aus Holz und Stein. Sie können nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen. 29 Dort werdet ihr den HERRN, deinen Gott, wieder suchen. Du wirst ihn auch finden, wenn du dich mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele um ihn bemühst. 30 Wenn du in Not bist, werden alle diese Worte dich finden. In späteren Tagen wirst du zum HERRN, deinem Gott, zurückkehren und auf seine Stimme hören. (Deuteronomium 4,27-30).

 

b) Verse 13-14

In diesen Versen wird die geistliche Not - die Sehnsucht nach dem Wort - in eine leibliche, körperlich erfahrbare Not gewandelt. Die innere Verbindung zwischen beiden Teilsprüchen besteht dabei darin: Es gibt die Gefahr, die Bedeutsamkeit des Wortes Gottes gänzlich zu vergessen (Verse 11-12); es gibt aber auch die Gefahr, sich Ersatzlösungen zu schaffen und die "Lebensmittel" von selbstgeschaffenen Göttern zu erwarten. Für diese stehen hier die Heiligtümer von Bet-El, Samaria und Beerscheba in Vers 13-14.

Die Gefahr, seine Lebensquellen nicht mehr im Gott Israels zu suchen, sondern in anderen (Fruchtbarkeits-)Göttern oder auch in weltlichen Bündnissen oder den eigenen Kräften zu suchen, ist alt. Schon Hosea (8. Jh. v. Chr.) lässt dies deutlich erkennen. Hier lässt der Prophet Israel, das er wenig freundlich mit einer ehebrecherischen, zur Prostitution neigenden Ehefrau vergleicht, sagen:

"Ich will meinen Liebhabern hinterhergehen. Sie geben mir Brot und Wasser, Wolle und Leinen, Öl und Getränke." Hosea 2,7)

Von der Theologie des Buches Deuteronomium geprägt (die "Mädchen und jungen Männer" in Vers 13 erinnern z. B. an Deuteronomium 32,25: "Auf der Straße raubt das Schwert und in den Zimmern der Schrecken den jungen Mann und das Mädchen ..."), will der Schreiber dieser Verse genau davor warnen: sein Heil in Ersatzlösungen zu suchen, die nichts mit dem einen Gott zu tun haben. Solche Lösungen werden sich als trügerisch erweisen.

Dieser Gedanke tauchte bereits in Amos 5,26 auf ("Ihr werdet den Sakkut als euren König vor euch hertragen müssen und den Kewan, euren Sterngott, eure Götter, die ihr euch selber gemacht habt."). Es könnte der selbe Verfasser dahinter stehen. Geschickt knüpft er aber auch an ein Wort des Amos an. Denn der Schluss von Vers 14 ("... sie werden zu Boden stürzen und sich nicht mehr erheben.") erinnert deutlich an Amos 5,2: "Gefallen ist sie und steht nicht wieder auf, die Jungfrau Israel; sie liegt zerschmettert auf ihrem Boden, niemand richtet sie auf." Amos 8,11-14 aktualisiert die Botschaft des Amos für die nachexilsiche Zeit.

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Auslegung

Vers 8: Eine Rechtfertigung Gottes

Als rhetorische Frage, die in der Logik des Textes nur mit "Ja" zu beantworten ist, ordnet sich Vers 8 in das Nachdenken über die wohl schwierigste Frage der Theologie überhaupt ein: Warum lässt Gott das Leiden zu? Erst sehr spät, im Jahre 1710, hat diese Frage durch den deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz eine eigene Bezeichnung gefunden: "Theodizee", zu deutsch: die "Rechtfertigung Gottes" angesichts des Leidens.

Weder kann an dieser Stelle die Geschichte der Theodizee bzw. der unterschiedlichen Antwortversuche vorgestellt werden (vgl. dazu den entsprechenden Wikipedia-Artikel zu "Theodizee") noch die Grundsatzfrage in ihrer Breite diskutiert werden. Aber zumindest soll die Gewagtheit der hinter Amos 8,8 stehenden Aussage herausgestellt werden. Die Heilige Schrift ist an dieser Stelle zutiefst davon überzeugt, dass Situationen vorstellbar sind, in denen Gott damit im Recht wäre, seine Schöpfung zu widerrufen.

Das "deshalb" der Frage ("Sollte deshalb nicht die Erde beben ...") bezieht sich zurück auf die Anklagen in Amos 8,4-6. Damit lautet die Argumentation:

  • Die Pervertierung der Sozialordnung,
  • die Verselbstständigung der Bedeutung des Geldes gegenüber jeder anderen Erwägung von Mitmenschlichkeit,
  • die Verkehrung der Zeitordnung, die aus Ruhe- und Arbeitszeiten besteht zum Wohle des Menschen, in eine allein durch Geschäftsinteressen bestehende Zeitverzweckung zum Wohle nur der vom System profitierenden Menschen,
  • sowie die Absage an eine Mensch und Welt übersteigende Dimension, die biblisch in Gott zusammengefasst ist -

all das erlaubt es eben diesem Gott, sein Werk zu revidieren. Täte er es, wäre er im Recht.

Bei dieser Sichtweise geht es nicht um Philosophie, sondern um die Deutung eigener Erfahrung. Denn das in der Frage beschriebene Welt-Beben hat Israel am eigenen Leibe mit dem Untergang seiner Existenz als Staat, dem Verlust von Tempel und König sowie in der Verschleppung zahlloser Judäer in die Verbannung nach Babylon und Ägypten bzw. in der Flucht vor den Babyloniern erlebt. In dieser Situation galt es die Frage zu beantworten: Durfte Gott so weit gehen, alle seine Verheißungen zu widerrufen? Ist er also ein ungerechter, maßloser Gott oder gar nur ein ohnmächtiger Gott, dem es die Babylonier gezeigt haben? So schwer es manchem nachzuvollziehen sein mag, die Antwort Israels lautet: Gott durfte es. Wir tragen durch unser eigenes Tun die Verantwortung für das, was uns jetzt getroffen hat.

Hier ist ganz offensichtlich das Bild eines "lieben Gottes" abgelöst durch einen "liebenden Gott", der auch sehr harte, schwer verständliche Seiten hat, aber dennoch nicht völlig untergehen lässt. Denn sonst gäbe es keine Heilige Schrift und sonst hätte es keinen gegeben, der sich im Nachgang zur Katastrophe als Überlebender Gedanken im Sinne von Amos 8,8 hätte machen können.

In Amos 8,8 wird keine allgemeingültige Antwort auf die Theodizeefrage gegeben, wohl aber die Antwort bezeugt, die Israel in der exilisch-nachexilischen Zeit (also nach 586 v. Chr.) gefunden hat. Allerdings ist sie zugleich sehr vorsichtig formuliert. Denn der konkrete Wortlaut vermeidet die ausdrückliche Nennung Gottes. Die auf Amos 8,8 Bezug nehmende dritte Strophe des Namen-Gottes-Hymnus (Amos 9,5-6) wird dies nachholen und keinen Zweifel lassen, dass Amos 8,8 im beschriebenen Sinne gemeint ist.

 

Vers 10: Der "bittere Tag"

Das Ende von Vers 10 spielt mächtig mit den Emotionen. Denn was da auf Israel wartet, ist nur vergleichbar mit dem Verlust des einzigen Kindes, auf das sich die ganze Elternliebe konzentriert (vgl. Genesis/1. Buch Mose 22,2, wo Gott dem Abraham sagt: "Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!"), und dem Tag, an dem solch ein Todesfall eintritt. Dafür (oder für den Tag der Beerdigung) steht der “bittere Tag”. Ohne zu behaupten, ob und wie die Texte zusammengehören, finden sich ähnliche Bilder wie in Amos 8,10 auch in zwei anderen Prophetenbüchern:

Jeremia 6,26: Tochter, mein Volk, leg das Trauerkleid an und wälz dich im Staub! Halte Trauer wie um den einzigen Sohn, bitterste Klage: Ach, jählings kam über uns der Verwüster. 

Sacharja 12,10: Und sie werden auf mich blicken, auf ihn, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie bei der Klage um den Einzigen; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint.

Welche Tiefenschichten menschlicher Verzweiflung der Begriff “bitter” anrührt, zeigt ein Blick auf das Buch Rut. Noomi, eine Flüchtlingsfrau aus Betlehem, hat im Land ihrer Zuflucht - Moab (heute Jordanien) - sowohl ihren Mann als auch ihre beiden Söhne verloren. Alle drei starben. Nun steht sie alleine als ausländische und kinderlose Witwe da. Zwei Schwiegertöchter aus Moab sind ihr geblieben: Rut und Orpa. Noch ahnt Noomi nicht, wie sehr sich besonders Rut um ihre Schwiegermutter kümmern wird. So ruft sie in ihrer Verzweiflung aus: “Nennt mich nicht mehr Noomi, Liebliche, sondern Mara, Bittere; denn viel Bitteres hat der Allmächtige mir getan.” (Rut 1,20).

Die allgemeine Bedrohung, die vom Bild des kosmischen Umsturzes in Am 8,8.9 ausgeht, rückt durch die Emotionen, die die Schlussbilder aufkommen lassen, jedem einzelnen beklemmend nah. Auch die Bibel weiß schon, dass die Menschen mit weniger als großen Emotionen schwer zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen sind.

 

Kunst etc.

Silberbarren, Hacksilber u. a., 10. Jh., cc-by-sa-2.0, originally posted to Flickr by portableantiquities at https://www.flickr.com/photos/10257668@N04/6505465489
Silberbarren, Hacksilber u. a., 10. Jh., cc-by-sa-2.0, originally posted to Flickr by portableantiquities at https://www.flickr.com/photos/10257668@N04/6505465489

Amos 8,4-7 klagt die alles bestimmende Macht des Geldes an. Heutzutage denkt man dabei sofort an Münzen, Scheine und Kreditkarten, neuerdings gar an virtuelles Geld. Doch es gab Zeiten, in denen noch nicht mit "barer Münze" gezahlt wurde.

Im Alten Orient spielte aber schon immer Edelmetall eine wichtige Rolle. Das hebräische Wort kaesaep (gesprochen: käsäf), das in der Regel mit Geld übersetzt wird und ausdrücklich in Vers 6 des Amostextes auftaucht, meint eigentlich "Silber". Man kann davon ausgehen, dass da, wo man nicht mit Naturalien bezahlte, man Silber in Form von Stangen oder Barren bei sich trug, von dem man nach Bedarf etwas abschlug, oder man hatte schon Stücke sog. "Hacksilbers" bei sich. Das Gewicht des Silbers bestimmte dann den Wert und die M;enge der Ware, die man als Gegenleistung erhielt.

Bei den Wikingern, denen der abgebildete Fund zugeordnet wird, scheint sich diese Form der Bezahlung noch lange gehalten zu haben. Im Alten Orient gelten die Lyder als die "Erfinder" des Münzgeldes (7. Jh. v. Chr.), das sich erst allmählich verbreitete.

Auf den Trick, die Wagen so zu manipulieren, dass sie immer zum Nachteil des Käufers ausschlugen, war man offensichtlich schon in biblischer Zeit gekommen. Die "falsche Waage" ist geradezu sprichwörtlich:

Sprichwörter 11,1: "Falsche Waage ist dem HERRN ein Gräuel, volles Gewicht findet sein Gefallen.

Sprichwörter 20,23: "Ein Gräuel ist dem HERRN zweierlei Gewicht, eine falsche Waage ist nicht recht."

Wenn nur noch das Geld zählt und die Mittel, seinen Besitz zu vergrößern, keinerlei Grenzen kennen, zieht der Mensch den Kürzeren. Dies ist nicht im Sinne Gottes, lautet die Botschaft von Am 8,4-7.