• Et // cetera

Selbsttötung und Bibel

Zur Woche des Lebens: Ein Blick auf den Todeswunsch des Menschen in der Bibel

"Fallen" von Adrian Malec, Pixabay - Lizenz: gemeinfrei
"Fallen" von Adrian Malec, Pixabay - Lizenz: gemeinfrei

Wenn der Lebensdrang zum Todeswunsch wird, ist dies keine Straftat. Der Suizid – ein lateinisches Lehnwort, das nichts anderes bedeutet als „Tötung seiner selbst“ – ist auch kein rein abstraktes moralisches Problem, das es in der Ethik zu durchdenken gilt. Die Vernichtung des eigenen Lebens durch die eigene Hand ist eine Handlung eines individuellen Menschen, der oder die sich aufgrund von subjektiv oder objektiv erfahrenem Leid den Tod wünscht. Der Tod ist hier kein Endpunkt im Jenseits, sondern er ragt schon mitten ins diesseitige Leben hinein. Das Leben wird unerträglich.

IJOB

Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Knabe ist empfangen.“ (Ijob 3,13)

Im Angesicht des Leids in seinem Leben will Ijob spurlos vergehen. Seine Freude über das Leben hat sich in Leid und Qual verkehrt. Er erfährt das Leben als nicht lebenswert. Ein heilloses Leben leben zu müssen, gleicht einem Fluch. So verflucht er selbst sein Leben und wünscht sich, dass er das Licht des Tages nie erblickt hätte. Drastisch wünscht er sich rückblickend, dass wenn er schon geboren werden musste, so doch zumindest am besten direkt wieder gestorben wäre:

Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ (Ijob 3,11)

Sein Wunsch, sein heilloses Leben von den Anfängen her austilgen zu können, wird zu der klagenden Frage nach dem Warum des Leidens. Es klingt wie eine Frage, die keine Antwort mehr erwartet. Hinter ihr steht der Wunsch, dass die Frage sowie die Qual des Lebens im Tod dem Schweigen verfällt. Die Antwort ist im Endeffekt ein Lobpreis auf den Tod der als Zur-Ruhe-Kommen verstanden wird.

Still läge ich jetzt und könnte rasten, entschlafen wäre ich und hätte Ruhe.“ (Ijob 3,13)

Der Tod wird in Ijob 3,1-26 als positiver Wert empfunden, der das Lebensleid im Nichts verschwinden lässt. Aber auch wenn Ijob den Todeswunsch äußert, begeht er keine Selbsttötung. Für Ijob scheint Gott nicht mehr sein Zufluchtsort zu sein, sondern der Tod bietet sich als Ort der Ruhe an - im Tod sucht Ijob die Geborgenheit, die er von Gott erwartet. Mit dieser Suchbewegung fragt er: Wo ist Gott in meinem Leiden? Im Buch Ijob ist der Todeswunsch ein rhetorisches Mittel im Kampf um das Leben und die Wiederherstellung der Gerechtigkeit.

 

EINE SCHANDE?

Dieser Kampf um den Lebenswillen kann auch verloren gehen. Die Bibel kennt die Selbsttötung als letzten Ausweg. Bereits tödlich verwundet, stürzt sich Saul in sein eigenes Schwert, um sein Leiden zu beenden (1 Samuel 31,4). Der königliche Berater Ahitofel fällt König David in den Rücken, indem er sich an dem Aufstand dessen Sohns Absalom beteiligt – als sich Absalom dann von Ahitofel abwendet, zieht dieser die Konsequenz aus seiner Situation und erhängt sich (2 Samuel 17,23). Und Judas ist wohl die bekannteste Person der Bibel, die sich selbst tötet (Matthäus 27,5). Die dramatischte Erzählung eines Suizids in der Bibel findet sich in 2 Makkabäer 14,3-46. Umzingelt von feindlichen Soldaten, die ihn festnehmen sollen, um die Moral der Juden gegenüber der hellenistischen Herrschaft zu schwächen, zieht Rasi, Mitglied des Ältestenrats von Jerusalem, die Selbsttötung einer schmachvollen Verhaftung vor:

Schon waren die Truppen dabei, den Turm einzunehmen; sie versuchten, sich den Eingang durch das Hoftor mit Gewalt zu erzwingen, und riefen nach Feuer, um die Türen in Brand zu setzen. Rasi war von allen Seiten umzingelt. Da stürzte er sich in das Schwert; denn er wollte lieber in Ehren sterben als den Verruchten in die Hände fallen und eine schimpfliche Behandlung erfahren, die seiner edlen Herkunft unwürdig war. In der Hast aber hatte er sich nicht sofort tödlich getroffen; die Männer stürmten bereits durch die Türen herein. Da lief er mutig hinauf auf die Mauer und stürzte sich entschlossen auf die Menge hinab. Weil diese sofort zurückwich, entstand ein freier Raum und er fiel mitten auf den leeren Platz. Doch er lebte immer noch; in höchster Erregung erhob er sich, während das Blut in Strömen aus seinen schrecklichen Wunden schoss, lief durch die Menge hindurch und stellte sich auf einen steil abfallenden Felsen. Fast schon verblutet, riss er sich die Eingeweide aus dem Leib, packte sie mit beiden Händen und schleuderte sie auf die Leute hinunter; dabei rief er den Herrn über Leben und Atem an, er möge sie ihm wiedergeben. So starb er.“ (2 Makkabäer 14,41-46)

Sein Handeln wird vom Erzähler nicht verurteilt, sondern im Hintergrund steht eine gewisse Hochachtung für seine Entscheidung „lieber in Ehren sterben“ zu wollen, als „den Verruchten in die Hände [zu] fallen“. Aus Rasis Perspektive ist sein Suizid ein ehrenvoller Tod.

Im Buch Tobit hingegen wird deutlich, dass in biblischer Zeit die Selbsttötung in der Gesellschaft auch als Schande wahrgenommen wurde. Nachdem Sara, die Tochter Raguels Spott und Hohn von den Mägden ihres Vaters erleiden muss, wünscht sie sich selbst den Tod:

An jenem Tag wurde Sara in der Seele traurig, sie weinte, ging hinauf in das Obergemach ihres Vaters und wollte sich erhängen. Aber sie dachte noch einmal nach und sagte: Niemals sollen sie meinen Vater verspotten und zu ihm sagen: Du hattest eine einzige geliebte Tochter und die hat sich vor Unglück erhängt. Dann würde ich meinen alten Vater noch vor Trauer in die Unterwelt bringen. Ich würde mich viel besser nicht erhängen, sondern den Herrn bitten, dass ich sterbe. Ich möchte in meinem Leben keine Spottreden mehr hören.“ (Tobit 3,10).

Generell gibt es weder im Alten noch im Neuen Testament ein explizites Verbot der Selbsttötung und die verschiedenen Suizide, von denen in der Bibel berichtet wird, werden auch nicht einhellig bewertet. Ein Suizid ist ein menschlicher Grenzfall, der sich verallgemeinernder Urteile entzieht.

 

GOTT DES LEBENS UND DES TODES

In seinen letzten Worten bitte Rasi Gott um sein Leben. Sara wünscht sich von Gott den Tod. Und in den Psalmen erklingt ein Lobpreis, auf den die Lebensfülle schenkenden Gott und zugleich gibt es dort den emphatischen Protest gegen den mitten im Leben präsenten Tod. In den Psalmen wird die Erfahrung wiedergespiegelt, dass der Tod so massiv in das Leben einbrechen kann, dass ein Mensch sich eher tot als lebendig versteht. Zum Beispiel in Psalm 88 zeigen sich sehr plastisch die verschiedenen Gesichter des Todes, denen der Beter mit einer Klage entgegentritt. Die Klage richtet sich an Gott und das Gebet ist ein Kampf gegen Gott mit Gott. Das Gebet beginnt mit Worten der Zuflucht:

HERR, du Gott meiner Rettung, am Tag und in der Nacht schrei ich vor dir.“ (Psalm 88,2)

- und zugleich klagt der Beter Gott an:

Du brachtest mich in die unterste Grube, in Finsternisse, in Tiefen.“ (Psalm 88,7)

Für den Beter ist der Gott, an den er sich wendet, der Gott der Rettung und er ist der Grund des Leids. Es ist ein Protest gegen Gott und gegen den Tod. Dieser Protest ist aber offen für die Hoffnung, dass es mitten im Sterben Leben geben kann. Diese Hoffnung wird nicht in der Hingabe zum Tod gesehen, sondern in Gott, der von seinem Wesen her als Retter definiert wird. Aber auch die Psalmen spiegeln die harte Realität wieder: Am Ende seines Weges stirbt der Mensch. Psalm 39 reflektiert diese Vergänglichkeit alles Lebens. Es ist das aufrichtige Gebet eines hin- und hergerissenen Menschen – hin- und hergerissen zwischen Leben und Tod:

Hör mein Gebet, HERR, vernimm mein Schreien, schweig nicht zu meinen Tränen! Denn ich bin ein Gast bei dir, ein Beisasse wie alle meine Väter. Blick weg von mir, sodass ich heiter blicken kann, bevor ich dahinfahre und nicht mehr da bin! (Psalm 39,13-14)

Die zum Gebet in Psalm 39 angebotenen Worte, legen dem Beter nahe, dass die Auflösung des Leids nicht in seiner eigenen Hand, sondern in der Hand Gottes liegt. Den Ausweg, den der Psalm bietet, ist die fragende Zuwendung zu Gott. Es wird nicht die Rettung vor dem Tod erbeten, sondern die Erkenntnis, dass der Tod zum Leben gehört.

„HERR, lass mich erkennen mein Ende und die Zahl meiner Tage! Ich will erkennen, wie vergänglich ich bin!“ (Psalm 39,5)

Das ist kein Fatalismus, sondern vor allem Ps 39,5-7 sind eine hämmernde Frage an Gott. Es geht um das Begreifen, was diese Vergänglichkeit für den Menschen bedeutet. Was die revidierte Einheitsübersetzung mit „lass mich erkennen“ und „Ich will erkennen“ übersetzt ist das hebräische Verb ידע (gesprochen: jada), das sowohl „erkennen“ als auch „anerkennen“ bedeuten kann. Psalm 39 spricht hier Gott als Lebenslehrer an, der den rechten Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit des Lebens ermöglichen soll. Es versteht sich von selbst, dass nicht jeder Mensch mit Ps 31,16a bekennen kann:

„In deiner Hand [Gott] steht meine Zeit … “ (Ps 31,16a)

Dieses Bekenntnis fällt schwer im Angesicht von Leid und der starken Sehnsucht nach dem ruheverschaffenden Tod. Der Todeswunsch kann stärker sein und er muss ernst genommen werden. Ob der Todeswunsch seinen Ausgang in der Selbsttötung findet, liegt in der Entscheidung der einzelnen Person. Der Mensch muss sich in seinem Handeln vor Gott und sich selbst rechtfertigen. Die Bibel kennt die Selbsttötung und verurteilt sie nicht allgemein, aber sie bekennt auch den Glauben, an den Gott, der die „Macht über den Sterbetag“ hat (Kohelet 8,8).

 

URTEIL

Das Buch Ijob und die Psalmen sehen in der Selbsttötung keinen Ausweg aus dem Leid. Vielmehr bieten sich diese Texte mit ihren Klagen und Bitten als Begleiter durch das Leid an. Sie bieten sich dazu an, die Worte des Leidenden zu werden. Sie verbalisieren das Leid und wollen dem Menschen in seinem Todeswunsch beiseitestehen. Die Texte verurteilen den Todeswunsch nicht und wenn sie gesprochen und gehört werden, können sie Kraft spenden. Das heißt nicht, dass die Psalmen eine Therapie sind. Aber die Psalmen leiten die Gläubigen dazu an, das Leben zu durchleben, im gemeinsamen Gebet Menschen zu begleiten und so Suizide – wenn möglich – zu verhindern, wie es das Thema der Woche für das Leben der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland formuliert: "Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern.".

Die Meinung des Autors spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktionsleitung von In Principio wider.