Gott+ - mehr als nur das Wort "Gott"

Zum Vorschlag der Katholischen jungen Gemeinde

Nun also Gott+ anstatt Gott* - fortan wird die Katholische junge Gemeinde (KjG) hinter das Wort „Gott“ ein Pluszeichen setzen, um in der Sprache „Raum für vielfältige Gottesbilder“ anzuzeigen: „Wir sind uns sicher, dass es diese Erweiterung mit Blick auf das Wort Gott braucht“, erklärt KjG-Bundesleiterin Julia Niedermayer in einem Interview mit katholisch.de. Darüber, ob die von der Bundeskonferenz der KjG gewählte Variante geglückt ist, darüber lässt sich streiten. Innerhalb der Genderdebatte wird das Pluszeichen als Platzhalter für weitere verschiedene Geschlechtsidentitäten in der Abkürzung LGBTQ+ verwendet. Agathe Lukassek weist in ihrem Standpunkt auf katholisch.de zudem daraufhin, dass das Plus optisch „an unser christliches Erkennungszeichen, das Kreuz“ erinnert. Der KjG geht es jedoch sicherlich nicht nur um eine Genderdebatte in Bezug auf den Gottesbegriff und sicherlich auch nicht um eine christliche Engführung des Gottesbegriffes im Angesicht des Judentums. 

Das eigentliche Anliegen der KjG ist es, „Zugänge zu vielfältigen Gottes+bildern und damit zum Glauben überhaupt zu erschließen“ – ein Anliegen, das sie mit den biblischen Schriften und deren Autoren teilt. Bereits die ersten Worte der Bibel verdeutlichten, dass nicht einfach irgendein „Gott“, der sich einfach kategorisieren lässt, verkündet wird.

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1), so beginnt die Bibel gemäß der revidierten Einheitsübersetzung. Ein Erstleser oder eine Erstleserin würde den hebräischen Text jedoch verwundert folgendermaßen übersetzen: „Im Anfang erschuf Götter Himmel und Erde.“ – die Gottesbezeichnung ist grammatikalisch ein Plural und findet sich als solcher auch an anderen Stellen in der Bibel, wenn es um eine Vielzahl von Göttern geht (vgl. Deuteronomium 6,14). Doch das Verb im ersten Satz der Bibel lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Gott handelt. Das Wort אלהים (gesprochen: elohim) ist ein Plural – ein sogenannter Abstraktplural oder Hoheitsplural. Bereits der erste Satz der Bibel verdeutlich somit, dass Gott selbst mit den üblichen Mitteln der Sprache nur schwer zu beschreiben ist. Es bedarf eines zweiten Blicks auf den Kontext. Das Verb „erschuf“ verdeutlicht nun – man muss diese Gottesbezeichnung als eine Form im Singular lesen. Also könnte man auch übersetzen: „Im Anfang erschuf ein Gott Himmel und Erde.“

Bereits im sogenannten zweiten Schöpfungsbericht (Genesis 2,4-3,24) erfährt der Leser und die Leserin, wer dieser eine Schöpfergott ist, indem der Gottesname und die Gottesbezeichnung zusammen verwendet werden: יהוה אלהים – „Das ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden. Zur Zeit, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte“ (Gen 2,4). Der Erstleser und die Erstleserin des hebräischen Textes wären nun weiterhin verwundert. Dort, wo die revidierte Einheitsübersetzung „HERR“ schreibt, steht das sogenannte Tetragramm, die vier hebräischen Buchstaben ‏ יהוה(transkribiert: JHWH) – der erst in der erzählten Zeit von Exodus 3,1-18 geoffenbarte Eigenname des Gottes Israels. Die jüdische Tradition vermeidet das Aussprechen des Gottesnamens JHWH aus Ehrfurcht vor Gott. Bei der Verlesung der Thora wird er meist durch das hebräische Wort אֲדֹנָי (gesprochen: adonaj) ersetzt – ein Wort das exklusiv für Gott verwendet wird und grammatikalisch dem hebräischen Wort für „meine Herren“ ähnelt. Nun aber zurück zum Erstleser und zur Erstleserin; sie würden also Genesis 2,4 vom Anfang des Buches herkommend vielleicht so lesen: „Das ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden. Zur Zeit, als JHWH, ein Gott, Erde und Himmel machte“. Die weitere Lektüre der Bibel ließe sie dann aber erkennen, dass JHWH nicht nur irgendein Gott ist, sondern der eine und einzige Gott; und dass die Gottesbezeichnung אלהים gar wie ein Name in der Anrede verwendet werden kann – bis heute wird das Wort „Gott“ als Anrede im Gebet verwendet: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, nach dir, Gott“ (Psalm 42,2).

Der Blick in die Hebräische Bibel lehrt, dass das deutsche Wort „Gott“ im jüdischen und christlichen Sprachgebrauch nicht einfach ein Begriff ist. Wer biblisch von Gott spricht, redet von אלהים, der mit 2602 Belegen häufigsten Gottesbezeichnung in der Bibel; nur der Gottesname JHWH wird noch häufiger verwendet. Dieses Wort אלהים bricht bereits am Anfang der Bibel die zu starr gedachten grammatikalischen Strukturen auf und verdeutlicht, dass dieser so Bezeichnete mehr ist als einfach „irgendein Gott“ – „Gott“ ist keine Kategorie, keine Definition, sondern im Endeffekt sogar eine Anrede. Er ist JHWH Elohim und lässt sich nicht begrenzen.   

 

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